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Vier Wohnungen in fünf Tagen

Rückblick. Ein SZ-Artikel weckt Erinnerungen. 1978 erlebt Gabriele Kurtze in Gesundbrunnen ihren ersten Arbeitstag.

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Von Miriam Schönbach

September 1978. Die ersten Betonelemente verlassen das „Plattenwerk der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“ im Bautzener Norden. Wenig später treffen sie im Neubaugebiet Gesundbrunnen ein. Der Kran hebt das Kellergeschoss aus der Palette und lässt es auf dem vorbereiteten Fundament nieder. Der Grundstein für einen neuen Bauabschnitt der Serie WBS 70 ist gelegt. Bis dahin wurden die Häuser an der Muskauer Straße noch in Blockbauweise aus kleineren Platten errichtet.

Mit Applaus begrüßen die Verantwortlichen aus Stadt und Kreis den viel gepriesenen Fortschritt. Unter den Gästen ist auch Gabriele Kurtze. Die 24-Jährige Hochkircherin kommt frisch von der TU Dresden. Dort hat sie Geodäsie studiert, davor eine Ausbildung zum Vermessungsfacharbeiter mit Abitur absolviert. Dieser 26. September 1978 ist auch für sie bedeutend. Es ist ihr erster Arbeitstag als Vermessungsingenieur beim damaligen VEB Geodäsie und Kartografie.

„Ich sehe mich noch heute am jetzigen Gesundbrunnenring stehen“, sagt Gabriele Kurtze. Auf der Baustelle wachsen Häuser in den Himmel, es gibt Baustraßen und eine Baustelleneinrichtung, ansonsten viel Schlamm. Helm und wetterfeste Kleidung sind Pflicht bei der Arbeit. Gabriele Kurtze wird dem Abstecktrupp zugeteilt. „Zuerst bin ich nur mitgelaufen. Aber ich musste schon zeigen, was ich kann“, erinnert sich die 52-Jährige. Ein Bauleiter will sie aufziehen: „Na Mädel? Hast’de schon ausgelernt?“, fragt er. Sie antwortet schüchtern „Ja“ – „An den Ton auf der Baustelle gewöhnt man sich erst mit der Zeit“, lacht Gabriele Kurtze heute.

Bei jedem Wetter draußen

Bei Wind und Wetter stand sie damals auf der Platte. Manchmal ist es drückend heiß oder die Sonne blendet wie verrückt. Jedes einzelne Betonelement musste eingemessen und abgesteckt werden. Immer wieder heißt es abgleichen, damit die Platten auch richtig aufeinander sitzen. In fünf Tagen werden vier Wohnungen gebaut.

Und so glatt wie es von außen aussieht, läuft es nicht immer: „Mit der Zeit aber wurden die Platten schlechter, auch die Betonmischung war manchmal nicht so fett. Aber von fehlerhaftem Bau sprach damals niemand“, erinnert sich Lothar Kurtze. Der Vermessungsingenieur lernte seine Frau bei der Berufsausbildung in Dresden kennen. Gemeinsam gründeten sie 1990 ein eigenes Vermessungsbüro.

Doch schon bevor Gabriele Kurtze 1978 mit ihrer Arbeit in Gesundbrunnen beginnt, sind andere Mitarbeiter des VEB Geodäsie und Kartografie am Bauplatz aktiv. „Sie haben die Ackerflächen aufgemessen die Lage- und Höhenpläne erstellt. Auf dieser Grundlage wurden dann die Häuser und Straßen geplant“, erinnert sich Lothar Kurtze. Mit Baubeginn sind Vermessungsingenieure dafür zuständig, dass die Gebäude auch dort errichtet werden, wo es vorgesehen ist. Nachdem die Häuser stehen, berechnen sie vor Ort den Verlauf von Abwasser- und Wasserleitungen, Elektrokabeln und Gaszuführungen. – Nach einem halben Jahr Außendienst wechselt Gabriele Kurtze in die Zentrale Arbeitsvorbereitung. „Es war eine schöne Arbeit, weil ich auf mich allein gestellt war. Ich habe die Vermessungen am Schreibtisch vorbereitet und geprüft“, sagt sie. Die mathematischen Berechnungen liegen ihr. „Das Fach fiel mir in der Schule leicht. Und bei der Berufswahl dachte ich, Vermessungstechniker sind immer draußen,“ blickt die Ingenieurin zurück.

Rückkehr nach der Wende

1979 – ein Jahr nach ihr – beginnt auch Lothar Kurtze beim Bautzener Ableger des VEB Geodäsie und Kartografie. Zuvor hatte er im Tagebau Jänschwalde als Vermessungsingenieur gearbeitet. Manchmal denken beide an die Zeit auf der ehemaligen Großbaustelle zurück. „Als ich damals anfing, habe ich nicht gesehen, was für ein gigantisches Unternehmen der Gesundbrunnen wird“, sagt Gabriele Kurtze. Auch nach der Wende lässt sie das Wohngebiet beruflich nicht los. Vor zehn Jahren hat sie gemeinsam mit ihrem Mann den Gesundbrunnen für die Wohnungsgesellschaften und -genossenschaften vermessen. „Das war aber wahrscheinlich unser letztes Projekt an dieser Stelle “, sind sich die Eheleute einig.

In der SZ-Serie „30 Jahre Gesundbrunnen“ sind bislang erschienen: „Aufbruch mit Visionen“ am 25. März, und „Ziegelhäuser statt Plattenbauten“ am 29. April, „Ein Vollbad zur Feier des Tages“ am 27. Mai. Die nächste Folge lesen Sie am 29. Juli.