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Angriff auf ein vierjähriges Kind

Auf dem Nachhauseweg von der Kita wurde am Dienstag ein tunesisch-stämmiger Junge von einem älteren Mann verletzt. Jetzt ermittelt der Staatsschutz.

Potenziell gefährdet? Ein Asylbewerberkind fährt im baden-württembergischen Sigmaringen auf einem Dreirad. In Dresden soll es am Montag zu einem Übergriff auf einen vierjährigen arabisch-stämmigen Jungen gekommen sein.
Potenziell gefährdet? Ein Asylbewerberkind fährt im baden-württembergischen Sigmaringen auf einem Dreirad. In Dresden soll es am Montag zu einem Übergriff auf einen vierjährigen arabisch-stämmigen Jungen gekommen sein. © dpa/Felix Kästle (Symbolfoto)

Es war am Dienstag gegen 16.30 Uhr , als eine tunesisch-stämmige Mutter mit Kopftuch ihren Sohn aus der Kita "Kleiner Globus" auf der Uhlandstraße abholte. Gemeinsam wollten die beiden wie immer zur Haltestelle Gret-Palucca-Straße laufen. Auf dem Weg dahin, der Vierjährige war auf einem Dreirad unterwegs, kam ihnen ein älterer Mann entgegen, der unvermittelt mit dem Fuß gegen das Dreirad trat. So schildert es die 31-jährige Mutter später gegenüber der Polizei. 

Der Junge sei dadurch gestürzt und habe sich an der Lippe verletzt. Nach Aussage des Ausländerrates Dresden habe die Mutter versucht, den Mann anzusprechen und zu stoppen. Auf den Vorgang sei ein junger Mann aufmerksam geworden, der den Täter darauf angesprochen und Mutter und Kind Hilfe angeboten habe. Der Angreifer habe sich daraufhin schnell vom Ort des Geschehens entfernt.

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Mit ihrem blutenden Sohn lief die Mutter anschließend zurück zur Kita. Dort seien beide weinend und völlig verängstigt angekommen, sagt Kita-Leiterin Swetlana Kreismann. "Der Kleine blutete, die Mutter zitterte am ganzen Körper und rief immer wieder: Warum?" Kreismann begleitete die Mutter, den dazugekommenen Vater und das Kind in einen extra Raum und versuchte, sie zu beruhigen. "Ich habe sofort die Polizei informiert, die auch einen Rettungswagen geschickt hat." In ihm wurde der Junge versorgt und im Anschluss in Begleitung der Eltern und einer arabisch-sprachigen Erzieherin zur Untersuchung in die Uniklinik gebracht.     

Foto des Täters gemacht

Dort nahmen Polizeibeamte eine erste Befragung vor. "Die Kollegen haben eine Anzeige wegen Körperverletzung aufgenommen", sagt Presseprecher Lukas Reumund. Es wird  noch mindestens eine weitere Befragung der Mutter durch den Kriminaldienst erfolgen, der den Fall jetzt weiterbearbeitet. 

Laut Kita-Leiterin soll es der Mutter gelungen sein, ein Foto vom Täter zu machen. Polizeisprecher Reumund bestätigt, dass es vorliegt. Mittlerweile gibt es eine Täterbeschreibung und einen Zeugenaufruf (siehe unten).

Die Kita-Leiterin und ihre Kollegen sind erschüttert: "Es hat schon verbale Angriffe gegeben, auch gegen eine unserer Erzieherinnen, die Kopftuch trägt. Aber das jetzt Gewalt gegen Kinder angewendet wird, ist eine ganz andere Dimension", sagt Swetlana Kreismann. Auch Markus Degenkolb, der Geschäftsführer des Ausländerrates, ist schockiert. "Unser Verein ist Träger der Kita. In ihr ist Vielfalt Normalität. 60 Prozent unserer Kinder sprechen mehrere Sprachen. Dass ein Kind so etwas erleben muss, ist unfassbar."   

Am Donnerstag veröffentlichte der Ausländerrat ein Statement zu dem Vorfall. Der Verein als Träger sowie das gesamt Team der Kita seien betroffen. "Es ist unerträglich, dass in Dresden ein Klima herrscht, dass sich eine rassistische Gewalttat gegen eines der verwundbarsten Mitglieder unserer Gesellschaft richtet: ein Kind", sagt Dagmar Pittelkow vom Vorstand. Es seien Zivilgesellschaft und Politik gefordert, "endlich jeglicher Herabwürdigung von Menschen entschlossen entgegenzutreten. Wir danken dem jungen Mann, der der Familie beistand, für sein mutiges Handeln! Wir erwarten von der Justiz, den Fall schnellstmöglich aufzuklären und den Täter durch die Justiz zur Rechenschaft zu ziehen." 

Staatsschutz ermittelt

Weil ein fremdenfeindliches Motiv nicht ausgeschlossen werden könne, ermittle inzwischen der Staatsschutz zu dem Fall, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstagabend auf Anfrage. Er bestätigte damit eine Mitteilung des Ausländerrats Dresden.

Am Dienstag war der Junge wieder in der Kita. "Er wirkte unsicher und hat seine Umgebung beobachtet", sagt Swetlana Kreismann. Völlig verängstigt habe sie indes die Mutter erlebt, die sich nicht mehr traue, das Kind allein zur Kita zu bringen und es abzuholen. Am Dienstagnachmittag sollte es ein Gespräch mit den Eltern geben, wo ihnen Unterstützung angeboten und Kontakt zur Opferberatungsstelle vermittelt werden sollte. "Sie brauchen therapeutische Hilfe", ist Kreismann überzeugt. 

OB: "Ich nehme das nicht einfach so hin"

Als Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) am Mittwoch vom Vorfall erfuhr, forderte er die Dresdner auf, wach zu bleiben.  "Ein Angriff auf ausländische Mitbürger und dazu noch ein Kind, auf eine Wohnunterkunft in Klotzsche, Hakenkreuzschmierereien an einer Schule in Pieschen, Zettel in Bussen, die auf nationalistisches Gedankengut anspielen. Täglich passieren Dinge in unserer Stadt, die Ausdruck intoleranter Einstellungen und von rassistischem oder diskriminierendem Denken geprägt sind. Ich nehme das nicht einfach so hin! Wir alle müssen uns stark machen für ein friedliches Zusammenleben in einer weltoffenen und vielfältigen Stadtgesellschaft." 

Auch Petra Köpping (SPD), Sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, meldete sich zu Wort. "Es erschüttert mich zutiefst, wenn ein kleines Kind von einem erwachsenen Menschen auf offener Straße angegriffen wird. Wo ist der Anstand? Wo sind unsere Werte? Was passiert gerade in unserem Land? Dieser Hass ist unerträglich. Wir müssen den Täter nicht nur zur Verantwortung ziehen, sondern alles daran setzen, solche Taten zu verhindern." 

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