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Vincenz Richter aufpoliert

Wirt Gottfried Herrlich hat seine Waffensammlung restaurieren lassen und macht sich Gedanken über die Zukunft des Weinlokals.

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© hübschmann

Von Peter Anderson

Meißen. Dieses Rätsel stellt Gottfried Herrlich zu gern. „Na, kommen Ihnen die Helme bekannt vor?“, fragt er seine Gäste. Mit der Auflösung hält er nicht lange hinter dem Berg. „So glänzend poliert hat die nur noch die Schweizergarde beim Papst in Rom“, sagt Herrlich.

Die Leibwächter des Pontifex tragen sie allerdings auf dem Kopf. In Vincenz’ Weinstube hängen sie als Lampenschirme von der Decke. Einige der historischen Stücke glänzen wie Spiegel. Feine Gravuren überziehen das blanke Metall. „Ich bin so froh, dass sie wieder strahlen“, sagt Herrlich und bringt den Helm mit einem Fingerschnippen zum Klingen. Pünktlich vor Beginn der neuen Touristensaison sei die wertvolle historische Waffensammlung des Traditionshauses nahezu komplett restauriert. Die Hellebarden sitzen wieder fest auf ihren Schäften. In den Läufen der Büchsen spiegeln sich die Strahlen der Februarsonne. Die Steinschlösser der Gewehre und Pistolen sind repariert.

Mehrere Jahre habe es gedauert, die gesamte Rüstkammer aufzuarbeiten, sagt der Vincenz-Wirt. Seine 77 Jahre sieht man ihm nicht an. Aber Gottfried Herrlich ist nachdenklicher geworden. Bei einem Urlaub vor wenigen Wochen in Spanien erkrankte er plötzlich, musste ins Krankenhaus, danach zusätzlich für ein paar Tage in die Elblandkliniken. Der Gedanke ans Aufhören liegt ihm nicht mehr so fern, wie vielleicht noch vor ein paar Jahren. „Bald sind die Enkel soweit“, sagt er zu seiner Frau Helga und drückt ihre Hand. Es wäre die sechste Generation des Vincenz-Richter-Stammes, die das alte Tuchmacherzunfthaus von 1523 als Gaststätte führt. Tochter Ulrike Herrlich hat mit der Pension Meißner Burgstuben ihr Auskommen gefunden. Sohn Thomas Herrlich betreibt das Weingut Vincenz Richter am Kapitelberg. „Jede Generation hat einen besonderen Anteil am Erhalt des Hauses“, sagt Herrlich. Und was sehen er und seine Frau als ihren herausragenden Beitrag? Der Senior-Chef muss nicht lange nachdenken. In den Wochen nach seinem Krankenhausaufenthalt hat er angefangen, die Geschichte des Restaurants zusammenzufassen. Der wichtigste Punkt sei wahrscheinlich der Neuanfang vor 25 Jahren gewesen. Nach dem Tod der Schwiegereltern hätten er und seine Frau begonnen, das denkmalgeschützte Haus zu restaurieren. Ein ungleicher Kampf mit den DDR-Behörden begann. Bau- und Gewerbegenehmigung wurden verweigert. Die Familie sollte zur Aufgabe gezwungen werden. Nur durch Beziehungen konnten Holzdielen aus Thüringen, Holztreppen aus Sörnewitz und Dachziegel aus Graupzig besorgt werden.

Draußen vor der Tür auf dem Markt strömten immer mehr Meißner zusammen, um ein Ende der SED-Herrschaft zu fordern. Eine Woche vor der Währungsunion im Juni 1990 konnte Vincenz Richter wieder öffnen. Gerade richtig, um die Besucher aus dem Westen an Meißner Wein heranzuführen.

Gottfried Herrlich legt die Blätter seiner Chronik beiseite. Er will nicht zu viel von der Vergangenheit sprechen. Wie ein junger Hüpfer springt er auf und bittet in die Küche. Da steht sie, die neuste Zutat des Meissen-Menüs: ein hausgemachter Kartoffel-Baumkuchen in Form der Meißner Domtürme, ergänzt durch ein Kalbsrückensteak an Spätburgunderjus. „Das kriegen sie nicht einmal in Rom“, sagt Herrlich und schmunzelt über seinen eigenen Witz.