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Pirna

Vogelschützer auf Rettungsmission

In Rückersdorf und Dittersdorf sollen Windräder gebaut werden, obwohl das Greifvögel gefährdet. SZ erklärt die Gründe.

Zählen achtmal im Jahr die Greifvögel und deren Brutplätze bei Rückersdorf/Neustadt: Madlen und Jan Schimkat.
Zählen achtmal im Jahr die Greifvögel und deren Brutplätze bei Rückersdorf/Neustadt: Madlen und Jan Schimkat. © Dirk Zschiedrich

Madlen und Jan Schimkat reden miteinander, ohne sich anzusehen. Mit dem Feldstecher spähen sie gen Himmel und sind immer noch überrascht, was sie sehen. 

Von einer Anhöhe bei Rückersdorf haben sie innerhalb weniger Minuten fünf Milane und einen Mäusebussard entdeckt. „Das ist schon eine außergewöhnliche Dichte fürs Hügelland, sagen sie.

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Seit 25 Jahren arbeitet Jan Schimkat für das Naturschutzinstitut Dresden. Jetzt ist er im Auftrag der Stadt Neustadt dabei, den Bestand an Milanen zu dokumentieren. Die Stadt will die Brutpaare im Revier schützen. Bedroht könnten sie sein, wenn fünf weitere Windräder am Wachberg errichtet werden. Das sieht der neue Regionalplan vor. Aus Investorensicht fliegt dort quasi Geld durch die Luft, das es einzufangen gilt. Das wollen nicht nur die Vogelschützer verhindern, sondern auch die Stadt. Der Stadtrat hatte sich vor Längerem gegen den Windkraftstandort ausgesprochen.

Widerstand gibt es auch in Dittersdorf bei Glashütte. Dort wurde in den vergangenen Tagen ebenfalls ein Roter Milan gesichtet. Bei der Fortschreibung des Regionalplans wurde die Kritik jedoch abgebügelt.

Wer hat gegen die Greifvögel entschieden?

Die Mitarbeiter der Geschäftsstelle des Regionalen Planungsverbands Oberes Elbtal/Osterzgebirge haben nach Abwägung aller Interessen den Standort Rückersdorf in den Entwurf des neuen Regionalplans aufgenommen. Endgültig soll darüber die Verbandsversammlung am Montag, 24. Juni, entscheiden. Greifvögel sind sogenannte schlagopfergefährdete Arten. Das heißt, sie werden im Flug von rotierenden Rotorblättern erschlagen. Insbesondere geht es um Milane. Die spähen in Kreisflügen den Boden nach Nahrung ab. Bei guter Thermik gleiten sie relativ langsam in die Höhe. Weil sie in der Luft keine natürlichen Feinde haben, ignorieren sie die Rotoren. Statistisch stirbt nach Ansicht von Wissenschaftlern alle acht Jahre ein Milan pro Windrad.

Hat die Region nicht schon genug fürs Klima getan?

Die Gegner der Windkraftstandorte in Rückersdorf und in Dittersdorf bei Glashütte fordern, die Standorte aus dem Plan zu streichen, selbst wenn aus naturschutzrechtlicher Sicht der Bau möglich wäre. Der Planungsverband ist jedoch dazu verpflichtet, Standorte zur Gewinnung regenerativer Energie auszuweisen. „Täten wir das nicht, würde der Plan nicht genehmigt werden“, erklärt Geschäftsstellenleiterin Heidemarie Russig. Die Vorgaben dafür kommen aus dem Energie- und Klimaprogramm des Freistaates, das Gesetzes-Charakter hat. Darin sind Vorgaben für jede Region festgehalten, wie viel Energie aus regenerativen Quellen zu erbringen ist. Ohne Regionalplan wäre es übrigens noch leichter, Windräder zu errichten.

Warum wird der Standort nicht einfach aus dem Plan gestrichen?

Laut Energie- und Klimaprogramm müsste die Region der Landkreise Meißen, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und der Stadt Dresden mindestens 410 Gigawattstunden pro Jahr zusätzlich bringen. Sämtliche künftig zu realisierenden 16 Standorte würden bei konsequentem Ausbau über 700 Gigawattstunden erzeugen. Allerdings stammt die Vorgabe noch von der CDU-FDP-Landesregierung, die sie damals im Vergleich zu anderen Bundesländern bewusst niedrig gehalten hat. Der Planungsverband plant für die nächsten zehn Jahre und geht davon aus, dass die Vorgabe im Klimaprogramm wesentlich erhöht werden wird, unabhängig der Zusammensetzung künftiger Landesregierungen.

Warum gilt nicht das Tötungsverbot aus dem Artenschutz?

Zentraler Punkt im Tier- und Artenschutz ist das Tötungsverbot. Das heißt aber nicht, dass jede technische Anlage verhindert werden kann, an der ein Tier sterben könnte. Nach der Logik müsste man auch jedes Auto verbieten. Deshalb werden gesetzliche Rahmen geschaffen. Das wäre zum einen der Schutz bedrohter Arten, wie er etwa bei der Hufeisennase im weltbekannten Konflikt mit der Dresdner Waldschlößchenbrücke eine Rolle spielte. Es kommt zum anderen auch auf die Dichte der Population an. Ist diese in der Nähe eines Windkraftstandortes hoch, kann nicht mehr von der zufälligen Tötung einzelner Individuen durch Vogelschlag gesprochen werden.

Wie dicht müsste denn die Population der Milane sein?

Das ist ein weiterer Knackpunkt der Diskussion in Rückersdorf. Die Mitarbeiter des Planungsverbands entscheiden nach Aktenlage. Als Grundlage haben sie die Brutvogelkartierung Sachsen von 2011 bis 2016 und eine Zugvogelerfassung von 2011. Beide Dokumente enthalten keinen Brutnachweis für Milane bei Rückersdorf. Neue Daten hätte nur der Freistaat erheben können. „Da hätten wir uns mehr Unterstützung vom Umweltressort des Landes gewünscht“, sagt Russig. 


Madlen und Jan Schimkat entdeckten auch dieses Nest mit zwei jungen Schwarzmilanen. 
Madlen und Jan Schimkat entdeckten auch dieses Nest mit zwei jungen Schwarzmilanen.  © Dirk Zschiedrich

Um die Aktenlage zu verbessern, hat Neustadt bereits 2010 das Naturschutzinstitut Dresden mit der Dokumentation von Brutnachweisen beauftragt. Demnach wurden fünf Brutpaare von Milanen innerhalb der Tabuzone um die geplanten Windkraftstandorte gezählt. „Das ist auf jeden Fall ein zu beachtendes Dichtezentrum“, sagt Jan Schimkat.

Warum wird das Gutachten nicht anerkannt?

Zum einen muss der Planungsverband bewerten, wie relevant und repräsentativ ein Gutachten ist. Hierzu erklärte die zuständige Mitarbeiterin in der letzten Ausschusssitzung, dass Schimkats Zahlen zwar übermittelt wurden, nicht jedoch das geforderte Kartenmaterial von der Stadt Neustadt zur Verfügung gestellt wurde. Zum anderen wurde es inhaltlich bewertet. Demnach könne nicht ausgeschlossen werden, dass die gezählten Milane nur mal kurz so zahlreich in der Gegend waren, weil es viel zu fressen gab. Nötig seien jedoch Brutnachweise. „Auch die haben wir schon vor Jahren erbracht und sie bis heute dokumentiert“, sagt Schimkat. Dass das komplett ignoriert wird, sei ihm in allen 25 Berufsjahren noch nicht vorgekommen. Warum die Karten mit den Brutstätten nicht gern übermittelt werden, kann sich Schimkat nur damit erklären, dass es schon Fälle gab, dass Brutbäume gefällt oder die Greifvögel vertrieben wurden. Wer sich allerdings die Mühe macht und die Baumgruppen auf dem Grünland begutachtet, wird schnell fündig – auch als Laie.

Nach welcher Matrix hat der Verband die Windkraftstandorte bewertet?

Der Verband hat sich eine eigene Matrix ausgedacht und neun Kriterien festgelegt. Die wurden mit einem oder zwei Daumen nach oben oder unten sowie neutral bewertet. Überwogen die Daumen nach oben, blieb der Standort im Plan. Beim Daumen nach unten fiel er raus. Das ist auf der Homepage des Planungsverbands in der Anlage „Dokumentation der Windpotenzialflächen“ im Regionalplan nachzulesen.

Kann nach Regionalplan-Beschluss der Bau noch verhindert werden?

Vor jedem Bau eines Windrads ist eine immissionsschutzrechtliche Genehmigung erforderlich. Hier muss der Antragsteller auch nachweisen, dass der Artenschutz gewährleistet ist. Dass das nicht immer klappt, zeigt das Beispiel Lübau. Der Standort war 2003 noch im Regionalplan aufgeführt. Dort ist der Bau dann aber doch wegen Artenschutz untersagt worden.

Öffentliche Verbandsversammlung am 24. Juni, ab 16.30 Uhr, Festsaal Rathaus Dresden, Dr.-Külz-Ring 19.

Regionalplan im Internet

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