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Vollmatrose auf Kleiner Fahrt

Michael Ziegler ist ein echter Seebär. Früher befuhr er die Weltmeere. Seit 2005 lenkt er Fahrgastschiffe und Fähren auf der Talsperre Kriebstein. Teil 3 unserer Serie.

Arbeitsplatz Steuerrad: Michael Ziegler aus Hainichen ist 1. Schiffsführer der Kriebsteiner Flotte.
Arbeitsplatz Steuerrad: Michael Ziegler aus Hainichen ist 1. Schiffsführer der Kriebsteiner Flotte. © Dirk Westphal

Talsperre Kriebstein. Kriebstein – Lauenhain und zurück. Neun Kilometer flussaufwärts, neun Kilometer abwärts. Viermal am Tag heißt es für das Fahrgastschiff MS Kriebstein „Leinen los“. „450, 500 Fahrten werden es schon sein“, sagt der 1. Schiffsführer der Talsperrenflotte, Michael Ziegler. Zu der gehören das Schwesterschiff MS „Hainichen“ sowie die Motorfähren „Lauenhain“ und Höfchen und die 1912 gebaute, historische Motorfähre „Mittweida“.

 Gefahren wird, wenn zehn Mann am Anlieger stehen. Normalerweise. Aufgrund der Corona-Krise wurde allerdings der Umbau des Hafens vorgezogen. Deshalb gibt es derzeit zwar keine Rundfahrten mit den Fahrgastschiffen, wohl aber Linienfahrten mit den beiden Motorfähren. Mit diesen wurde bereits nach der Einweihung der Talsperre im Jahr 1930 begonnen.

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Keine Langeweile auf dem Wasser

Auch wenn die Strecke, die Michael Ziegler in der Saison von April bis Oktober fährt, immer die gleiche ist, so wird es ihm auf dem Wasser dennoch nicht langweilig. „Das Wetter verändert sich jeden Tag, die Passagiere sind jeden Tag andere“, sagt der 61-Jährige. 

Es gebe zwar auch viele Stammgäste, doch immer wieder entdecken Touristen die Talsperre, oder kommen nach Jahren immer mal wieder, weiß er zu berichten. Vor allem an der Landschaft würde sich derzeit viel verändern.

 „Am Wald. Man sieht vom Schiff aus, was an Bäumen alles abgestorben ist, was weg muss“, sagt Ziegler etwas wehmütig.Als Schiffsführer arbeitet Michael Ziegler seit 2005. Zuvor war der gelernte Tischler an der Talsperre als Hausmeister tätig. Als er sah, dass in der Flotte eine Stelle frei wird, bewarb er sich und wurde genommen. 

„Du wirst eingearbeitet, legst eine Prüfung ab und dann bist du Schiffsführer“, erklärt der Hainichener seinen Werdegang zum Kapitän auf der 28,4 Meter langen „Kriebstein“.

Prinzip der großen Schiffe und kleinen Boote ist gleich

Zunächst allerdings fuhr er die kleineren, knapp 20 Meter langen Fähren. Beide Bootstypen können übrigens rund 120 Personen befördern. Ein Vorteil, schon einmal auf großen Schiffen gefahren zu sein, sei es beim Ablegen der Prüfungen nicht. 

„Man sollte wissen, dass Eisen schwimmt, dass ein Boot wackelt“, sagt Ziegler und erklärt: „Das Prinzip eines großen und eines kleinen Schiffes ist das gleiche. Das eine fährt auf dem Meer, das andere eben auf einer Talsperre.“ 

Ein Weg, die attraktive Landschaft rund um die Talsperre zu genießen, ist von einem der Ausflugsschiffe aus.
Ein Weg, die attraktive Landschaft rund um die Talsperre zu genießen, ist von einem der Ausflugsschiffe aus. © Dietmar Thomas

Allerdings gibt er zu, dass ein Seemann mit den ganzen maritimen Gegebenheiten sicher besser zurechtkommt als ein Quereinsteiger. „Aber bis jetzt hatten wir aber eigentlich nur Quereinsteiger, die von Land kamen. 

Kraftfahrer und auch Maurer. Das kann jeder lernen“, das Michael Ziegler, der der einzige echte Seebär in der Flotte ist. Er selbst hat die Seefahrt als Vollmatrose der Handelsschifffahrt nach seiner Armeezeit ab 1979 von der Pike auf gelernt und war bis 1994 auf Großer Fahrt in der ganzen Welt.

Handwerksberuf als Rüstzeug für die Seefahrt

Zuletzt als Bootsmann, also als Verantwortlicher für die Wartung und Instandhaltung der technischen Ausrüstung des Schiffs. Mit 34 ging er an Land, arbeitete als Tischler und Hausmeister, doch er wechselte, sobald es ging, aufs Wasser zurück. 

Eine Wahl, die der 61-Jährige bis heute nicht bereut. „Viele sagen, so wie du arbeitest, will ich meinen Urlaub verbringen“, sagt Michael Ziegler lachend und ergänzt: „Das sage ich zu anderen aber auch.“

Allerdings hat der Hainichener an der Talsperre auch Tage erlebt, die zum Vergessen waren. „Gerade, wenn hier Hochwasser ist“, sagt Ziegler. „An den nächsten Tagen beginnt man dann, die Brücken am Anleger zu richten, die unter Umständen verdreht und verbogen sind. Da kann man dann schon sagen, dass man das nicht gebraucht hat.“ Aber so wäre das.

Wassersportler werden angehupt

Zum Alltag aber auch Begegnungen mit Wassersportlern, die den Fahrgastschiffen – oft aus Unwissenheit – schon mal in die Quere kommen. Gerade vorhin zwei Paddler, sagt Ziegler. 

Seit 1990 weht auf den Fahrgastschiffen und Fähren der Kriebsteinflotte auch wieder die sächsische Flagge.  
Seit 1990 weht auf den Fahrgastschiffen und Fähren der Kriebsteinflotte auch wieder die sächsische Flagge.   © Dirk Westphal
Im Winter werden die Schiffe aus dem Wasser gezogen und liegen vor der Bootshalle am Kriebsteiner Hafen.
Im Winter werden die Schiffe aus dem Wasser gezogen und liegen vor der Bootshalle am Kriebsteiner Hafen. © Siegfried Scharf
Foto von der ersten MS "Kriebstein" Anfang der 30-er Jahre.  
Foto von der ersten MS "Kriebstein" Anfang der 30-er Jahre.   © Repro: Döbelner Anzeiger
Seit mittlerweile 40 Jahren bricht die  neue MS "Kriebstein" zu Rundfahrten über die Talsperre auf.
Seit mittlerweile 40 Jahren bricht die  neue MS "Kriebstein" zu Rundfahrten über die Talsperre auf. © Dirk Westphal
Im Jahr 1930 wurde das Boothaus am Kriebsteiner Hafen gebaut und Mitte der 30-er Jahre erweitert.
Im Jahr 1930 wurde das Boothaus am Kriebsteiner Hafen gebaut und Mitte der 30-er Jahre erweitert. © Siegfried Scharf
Die historische Motorfähre "Mittweida" ist Baujahr 1912 und kommt im Sommer immer noch zum Einsatz.
Die historische Motorfähre "Mittweida" ist Baujahr 1912 und kommt im Sommer immer noch zum Einsatz. © Siegfried Scharf
Ab 13. April 1930 begannen die ersten Fährüberfahrten an der Talsperre.
Ab 13. April 1930 begannen die ersten Fährüberfahrten an der Talsperre. © Repro: Döbelner Anzeiger
Am 30. April 1930 starteten die Linienfahrten über die Talsperre Kriebstein. Hier legt die "MS Falke" erstmals in Falkenhain an. 
Am 30. April 1930 starteten die Linienfahrten über die Talsperre Kriebstein. Hier legt die "MS Falke" erstmals in Falkenhain an.  © Repro: Döbelner Anzeiger
Impression vom Kriebsteiner Hafen 2020 vor Beginn der Umbauarbeiten..
Impression vom Kriebsteiner Hafen 2020 vor Beginn der Umbauarbeiten.. © Dirk Westphal
Die Boote der Kriebsteinflotte im Jahr 1933.
Die Boote der Kriebsteinflotte im Jahr 1933. © Repro: Döbelner Anzeiger

„Die hupt man an. Nicht, um sie zu erschrecken, sondern nur, um darauf aufmerksam zu machen, dass von hinten etwas kommt“, erklärt der Schiffsführer. „Die fuhren quer ins Hafenbecken, aber ich brauche den Platz ja, um das Schiff zu drehen.“ 

Für die Freizeitkapitäne wären die Fahrgastschiffe aber eher kein Problem. Die „Kriebstein“ und die „Hainichen“, die um 1980 in Berlin gebaut wurden, hätten einen guten Schiffskörper, der trotz 18 Kilometer pro Stunde Geschwindigkeit kaum Wellen machen würde. „Wenn man etwas näher an die Paddler herankommt, nimmt man etwas Fahrt raus. Aber das passt dann schon“, sagt Ziegler.

Breiteste Stellen sind die besten für den Schiffsführer

Richtige Lieblingsstellen auf den täglichen Rundfahrten von Kriebstein nach Lauenhain und zurück hat der Schiffsführer eigentlich nicht. „Dort oben gibt es den Wappenfelsen und den Pfaffenstein – aber die sind es nicht. Die beste Strecke ist an Falkenhain vorbei. Da ist es richtig breit und man kann auch mal nach rechts und links schauen“, so Ziegler.

Der unspektakulärste Abschnitt sei die Strecke von Tanneberg bis zum Pfaffenstein. „Wir sagen zu dem Tal Schlauch. Da ist rechts und links nichts anderes als Wald, da ist alles grün“, erklärt der 61-Jährige. 

Er selbst gibt allerdings auch zu, viele Sachen, die die Touristen sehen, an seinem Arbeitsplatz gar nicht mehr wahrzunehmen. „Ich finde es ja auch außergewöhnlich, wenn ich in den Urlaub fahre“, sagt Michael Ziegler. Der hat dann auch wieder mit Wasser und Booten zu tun.

 „Den verbringe ich an der Ostsee. Auch im Winter, da fahre ich nach Warnemünde oder Rostock. Ich will nirgendwo anders hin“, so der Hainichener, auch wenn sein Heimathafen nicht mehr der Rostocker ist, sondern der der Talsperre Kriebstein. 

„Einmal Seebär, immer Seebär“, sagt Michael Ziegler, der dann im Achterwasser schon mal auf ein Fahrgastschiff steigt. „Um nicht aus der Übung zu kommen“, ergänzt er schmunzelnd.

Nächste Folge der Sommerserie erscheint am 6. August

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Die nächste Folge unserer Sommerserie "Kriebsteinsee statt Mittelmeer" lesen Sie ab 6. August bei Sächsische.de.

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