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Dresden

Vom Arbeiterkind zum Akademiker

Joshua und Matthias haben als Erste in der Familie studiert. Jetzt machen sie anderen Mut, diesen Schritt zu wagen. 

Die Dresdner Arbeiterkind.de-Gruppe trifft sich regelmäßig im Studentenclub Wu5 am Tusculum. Matthias Schüssler (l.) und Joshua Nowak laden dazu ein. Foto:
Die Dresdner Arbeiterkind.de-Gruppe trifft sich regelmäßig im Studentenclub Wu5 am Tusculum. Matthias Schüssler (l.) und Joshua Nowak laden dazu ein. Foto: © René Meinig

Lern erst mal was Richtiges! Mach uns keine Schande! Es gibt Sätze, die gehören zum Denken früherer Generationen. Mütter und Väter von einst haben sie nicht böse gemeint. Doch Mahnungen wie diese hatten ungeheure Bremskraft. Inzwischen tauchen sie immer weniger auf. Zu studieren ist kein Hexenwerk mehr, selbst sogenannte brotlose Kunst halten Eltern für legitim. Hauptsache, der Nachwuchs geht den Weg, der ihn erfüllt.

Die Entscheidung für eine Ausbildung ist schon schwer genug. Möbeltischler oder Medizin, Immobilienkaufmann oder Informatik, so vieles ist möglich. Ein Studium in den Fokus zu nehmen, wirkt jedoch häufig selbstverständlicher, wenn schon Familienangehörige studiert haben. Sie kennen sich aus, geben Tipps, sind mit dem studentischen Leben vertraut, mit Prüfungsordungen und Baföganträgen.

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Matthias Schüssler hatte diese Wegbereiter nicht an seiner Seite. Wie die meisten Mitglieder und Ehrenamtlichen der Initiative Arbeiterkind.de ist er der erste Akademiker in seiner Familie. „Mein Vater war kaufmännischer Angestellter, meine Mutter Stewardess“, erzählt der 41-Jährige. Vorbehalte gegen ein Studium hatten beide nicht, es gehörte nur einfach nicht zu ihrer Lebenserfahrung. Das Deutsche Studentenwerk, das Hochschulinformationssystem und das Statistische Bundesamt haben erhoben, dass von 100 Akademikerkindern mehr als 80 ebenfalls studieren. Von 100 Kindern nichtakademischer Eltern nehmen nur gut 20 ein Studium auf.

Als Matthias Schüssler in Rheinland-Pfalz die Schule beendet hatte, wusste er nicht, wohin die Reise für ihn gehen soll. Zunächst folgte er den Fußstapfen seines Vaters und besuchte die Höhere Handelsschule. Danach konnte er sich nicht dazu entschließen, Kaufmann zu werden, probierte sich in Praktika aus, nahm ungelernt Jobs an, ging nach Berlin, begann, sich bei den Grünen zu engagieren. Politik, Gesellschaft, Umwelt und soziale Themen, das war interessant. „Ich merkte, dass ich gern auch beruflich mit Politik zu tun hätte, und machte mir Schritt für Schritt einen Plan.“ Der war schwierig umzusetzen und führte über den zweiten Bildungsweg. Wenn Matthias Schüssler heute zurückdenkt, gibt er zu: „Ich hätte es deutlich einfacher haben können.“ Dass seine Eltern nicht studiert hatten, spielt für ihn eher unterschwellig eine Rolle. „Vor allem wusste ich einfach lange nicht, was ich mal machen möchte.“ Seine Inspiration fand er auf dem Weg, den er zunächst ohne festes Ziel vor Augen gegangen war. Umso entschlossener begann er, das Abitur an einem Kolleg nachzuholen. Mit Schüler-Bafög bekam er eine Ausbildungsförderung, die er nicht zurückzahlen brauchte. Mindestens ein Jahr lang musste er zuvor jedoch berufstätig gewesen sein. Auch sein Politikstudium in Dresden förderte der Staat.

Wovon soll ich leben, während ich studiere? Wie finanziere ich diese lange Phase? Vor allem dann, wenn die Eltern als Handwerker, Dienstleister oder Verwaltungsangestellte nicht genug Geld verdienen, um einen weiteren kompletten Lebensunterhalt zu sichern? Diese Fragen beschäftigen viele jungen Leute, die mit Hochschule oder Uni liebäugeln. Vor allem wer schon im eigenen Leben steht, möchte seine Eltern nicht mehr belasten.

Muss er auch nicht. Das weiß Matthias Schüssler nicht nur, weil er es selbst durchlebt hat, sondern weil er zehn Jahre lang angehende Studenten ehrenamtlich für Arbeiterkind.de beriet. Das Thema Studienfinanzierung ist im Engagement der gemeinnützigen GmbH ein zentrales Anliegen. Die Mitglieder organisieren Beratungstage an Hochschulen, halten auf Bildungsmessen Vorträge, bieten ihr Wissen an Infoständen an. Jeden Monat laden sie an ihren Stammtisch ein. Tenor: Einem Studium soll nichts im Weg stehen – keine Sorge um die Existenz, keine Furcht, im organisatorischen Dschungel steckenzubleiben. Auch nicht die Unsicherheit auf ungewohntem Terrain und unter Gleichaltrigen, die so viel souveräner erscheinen, weil sie die Hochschulwelt schon von ihren Eltern kennen.

Irgendwie fehl am Platz komme sich diese erste Generation oft vor, weiß Joshua Nowak. „Ich habe mich zwar nie als klassisches Arbeiterkind gefühlt“, sagt er. Aber die Bedenken kann er nachfühlen. „Meine Eltern haben nicht studiert, mich aber unterstützt.“ Der akademische Weg sei ihm recht spät in den Sinn gekommen. „Doch als das Abi so gut lief, habe ich mich entschlossen, Psychologie zu studieren.“ Das Studium ist inzwischen beendet, trotzdem engagiert er sich für Arbeiterkind.de und übernimmt den Staffelstab von Matthias Schüssler, der sich nach zehn Jahren aus dem Ehrenamt zurückzieht.

„Wir wollen häufiger in Schulen gehen und mit den Schülern über die Möglichkeit des Studiums sprechen“, sagt er. Auch die Stammtischrunden werde es weiterhin geben. Sicher, nicht jeder muss studieren. Aber keiner soll seine Chance vertun.

Arbeiterkinder und ihre Unterstützer treffen sich am 12. September von 17 bis 20 Uhr in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats und Universitätsbibliothek, Zellescher Weg 18, zum Auftaktworkshop. Anmeldungen bitte unter [email protected] 

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