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Vom Chef chauffiert in die neue Heimat

Zum Tiergartenfest am Sonntag soll das Faultier-Duo Carlo & Carla den ersten gemeinsamen öffentlichen Auftritt haben.

Carla ist unschlüssig: Soll sie die Transportbox verlassen – oder lieber doch nicht? Verknotet, wie sie gerade ist, scheint das nach Mensch-Maßstäben vor allem ein technisches Problem gewesen zu sein ...
Carla ist unschlüssig: Soll sie die Transportbox verlassen – oder lieber doch nicht? Verknotet, wie sie gerade ist, scheint das nach Mensch-Maßstäben vor allem ein technisches Problem gewesen zu sein ... © Foto: Uwe Jordan

Hoyerswerda. „Rat mal, wer da drinnen ist“ – Zoodirektor Eugène Bruins weist auf das engmaschige Sichtgitter der Transportkiste im zoo-eigenen Citroën-„Hundefänger“. Also, für einen Hund ist die schwarze Nase, die im Halbdunkel erahnbar ist, deutlich zu voluminös. Dann geht mir ein Licht auf: „Ein Faultier?“ – Richtig. Frage Nr. 2: „Und wie heißt sie?“ Ich denke daran, dass das Faultiermännchen, einer der Zoo-Publikumslieblinge, „Carlo“ genannt wird. Also „Caroline?“ Falsch! Erst die einfachere Lösung im zweiten Versuch ist richtig: „Carla“.

692 Kilometer in fast sieben Stunden

Geld und Recht
Wer den Pfennig nicht ehrt
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und sich nicht im Paragrafendschungel zurechtfindet, ist schnell arm dran. Tipps und Tricks rund um Geld, Sparen und juristische Fallstricke gibt es hier zu finden.

Am Montag, dem 26. August, 16.27 Uhr, wie von Eugéne Bruins exakt anhand der Daten des Bordcomputers angekündigt, ist Carla, chauffiert von Bruins, am Hoyerswerdaer Zoo vor dem Tropenhaus eingetroffen. Hinter beiden liegen 692 Kilometer Fahrt, sechs Stunden und 58 Minuten vom holländischen Apeldoorn bis in die Lausitz.

Allerdings: Ganz so einfach ist es doch nicht gewesen; von wegen: Anruf (Bruins bevorzugt das direkte Telefon-Gespräch statt der unpersönlichen Mail; so seien die Erfolgs-Chancen höher), Einvernehmen, Abholen ... Als europäischer Mensch kann man, (meist) unbehelligt von Grenzkontrollen, von einem EU-Land ins andere wechseln. Anders, wenn man als Zootier reisen soll; dauerhaft obendrein. Da braucht es zunächst eine Transport-Erlaubnis von Traces (Trade Control and Expert System), einem 2004 eingeführten Datenbanksystem, mit dem der gesamte Tierverkehr innerhalb der EU sowie aus der und in die EU erfasst wird. Das soll die Arbeit der Veterinärbehörden besser vernetzen, um zum Beispiel potenzielle Infektionsträger von Tierseuchen nach Ausbruch einer Tierseuche in anderen Beständen aufzufinden. Traces hat strenge Auflagen zur Reiseroute, die in Echtzeit lückenlos nachvollziehbar sein muss: Wo wird gestartet, welche Straßen werden benutzt, welcher Grenzübergang genommen, wann wird das Ziel erreicht ... Vermutlich konnte der Zoodirektor deshalb genau 16.27 Uhr vorhersagen.

Herkunft, Zoll, Gesundheitspass

Aber mit dem Traces-Schein ist es nicht getan. Eine tierärztliche Erklärung („das Tier ist gesund und transportfähig“), eine Herkunfts-Erklärung (beglaubigter Geburtsnachweis), Zollunterlagen und eine Abgabe-Erklärung, also die Beteuerung des abgebenden Zoos, dass es sich um einen endgültigen Umzug und nicht nur eine Leihgabe handelt, sind ferner nötig. Auch eine Kotprobe (zur medizinischen Untersuchung) und eine beglaubigte Geschlechtsbestimmung gehören dazu. Und, als Geste guten Willens, eine „Pfleger-Information“: Wie wurde das Tier gehalten (wie sah das Gehege aus), welche Medikamente benötigt es, welche „Diät“ ist angesagt, wie wurde es gefüttert, was mag es besonders ...).

Ein echter Reisepass dagegen tut nicht not – sonst hätten sich die Grenzer sehr gewundert, dass aus „Sid“ „Carla“ geworden war. Der Geburts-Zoo hatte das „Mädchen nach dem Filmstar-Faultier Sid aus „Ice Age“ benannt. Aber das war erstens falsch, Sid ist ja ein Junge) und zweitens – wie hätte denn das geklungen: „Carlo und Sid“; ganz anders dagegen „Carlo und Carla“!.

Aus Sid wurde Carla

Eine Art Pass benötigen nur besonders schutzwürdige / bedrohte Tierarten – eine Cites-Bescheinigung: Die „Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora“ ist eine am 1. Juli 1975 in Kraft getretene internationale Konvention, die verhindern soll, dass Tiere, die unbefugt der Natur entnommen oder gar gestohlen worden sind, gehandelt werden. Cites blieb Carla beziehungsweise Bruins erspart: Faultiere gelten nicht als bedroht. Dennoch, und nun „zum anderen“ der Reise: Für Carlas ordnungsgemäße Übersiedlung war eine Erlaubnis der internationalen Zuchtbehörde notwendig. Meist stehen „zu habende“ Tiere auf einer Available-/Wanted-Liste (AWL) des jeweiligen Zoos. Die AWL ist eine im Internet einzusehende Seite (die fast jeder ernst zu nehmende Zoo weltweit hat), auf der erkennbar ist, welche Tiere ein Zoo abgeben will („available“ für „verfügbar“), andererseits, für welche er sich interessiert („wanted“ für „gesucht“), um seinen Bestand sinnvoll zu ergänzen. Doch auf der AWL des Zoos Apenheul („Affenhöhle), in dem Carla am 1. April 2018 geboren worden war, stand sie nicht. Eugène Bruins hatte direkt bei der Internationalen Zuchtbuch- / Koordinationsbehörde angefragt, die darüber wacht, dass Tiere so „verteilt“ werden, dass sie den Genpool der Art auffrischen und nicht der Degeneration durch Inzucht Vorschub leisten. Dort wusste man also um den Hoyerswerdaer Wunsch nach einem Faultierweibchen; wusste auch, dass Apenheul eins abzugeben hatte, und stellte den Kontakt her.

Langeweile und Kolkrabengezeter

Im Falle von Carla war alles bestens. Aufregendster Moment: Beim „Einkisten“ biss Carla, unmutig ob des Ereignisses, ihren künftigen Chef in die Hand. Dann wurde es „eine langweilige Fahrt, weil ich bei Tiertransporten nicht das Radio anmache, sondern höre, was sich im Frachtraum tut. Ich bin froh, wenn ich aus der Kiste ein Kratzen höre“ – dann ist alles in Ordnung. So gelangte Carla wohlbehalten ins Hoyerswerdaer Tropenhaus und wird den Besuchern des 60-Jahre-Zoo-Hoyerswerda-Tiergartenfestes am jetzigen Sonntag, dem 1. September, präsentiert werden.

Apropos Langeweile: Bruins’ aufregendste Fahrt war ein Kolkraben-Transport aus Berlin, als die beim „Einsteigen“ verdächtig ruhigen Tiere beim Aufbiegen auf die A 13 plötzlich ein mordsmörderisches Geschrei begannen („Ich war zu Tode erschrocken“). Auch die Beschaffungsreise der Ziegen Romeo und Julia aus Bischofswerda mit deren dreiviertelstündigem Dauer-„Määääh“ war nervig. Dagegen war die Carla-Aktion geradezu erholsam.

Gekostet hat Carla: Nichts. Zoos geben heute untereinander „überflüssige“ Tiere meist gratis ab. Nachweislich nur „in gute Hände“. Auch Hoyerswerda schenkt Tiere an andere zoologische Einrichtungen oder züchtet für sie nach; hat ein eigenes (Transport-) Kistenlager und eine lückenlose computergestützte Dokumentation.

P.S.: Abzugeben hat der Zoo Hoyerswerda übrigens an private Halter drei Ouessant-Schaf-Böckchen; auch einzeln, gegen eine Schutzgebühr von 50 Euro. Das geht völlig unkompliziert; fast ohne Papierkram. Interessenten können sich gerne bei Eugène Bruins am Burgplatz 8 melden.

Im Tropenhaus machen sich derweil die neugierigen Gürteltiere Günther und Gwendolyn kratzend an der Box zu schaffen: „Ist da etwa ein Weihnachtsgeschenk für uns drin? Ja, ist denn heut schon Weihnachten?“
Im Tropenhaus machen sich derweil die neugierigen Gürteltiere Günther und Gwendolyn kratzend an der Box zu schaffen: „Ist da etwa ein Weihnachtsgeschenk für uns drin? Ja, ist denn heut schon Weihnachten?“ © Foto: Uwe Jordan
Montag, 16.27 Uhr. Die letzten Meter geht’s zu Fuß: Die Transportkiste mit Carla wird entladen und in das Tropenhaus-Gemeinschaftsgehege gebracht, das das Faultier-Weibchen in den Tagen der Eingewöhnung mit den Gürteltieren Günther und Gwendolyn teilen wi
Montag, 16.27 Uhr. Die letzten Meter geht’s zu Fuß: Die Transportkiste mit Carla wird entladen und in das Tropenhaus-Gemeinschaftsgehege gebracht, das das Faultier-Weibchen in den Tagen der Eingewöhnung mit den Gürteltieren Günther und Gwendolyn teilen wi © Foto: Uwe Jordan
Zoodirektor Eugène Bruins in seinem Büro mit den Reisedokumenten von Carla, die das Faultier zur Übersiedlung brauchte.
Auf dem Computer ist der Steckbrief ihres Gefährten Carlo im ZIMS, dem „Zoological Information Management System“, geöffnet.
Zoodirektor Eugène Bruins in seinem Büro mit den Reisedokumenten von Carla, die das Faultier zur Übersiedlung brauchte. Auf dem Computer ist der Steckbrief ihres Gefährten Carlo im ZIMS, dem „Zoological Information Management System“, geöffnet. © Foto: Uwe Jordan

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