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Vom Fischer und seinem Sohn

Wenn der Goldfisch auf dem Rücken schwimmt, klingelt bei Ermischs das Telefon. Dann ist der Arzt im Fischer gefragt. Ferndiagnosen aber sind schwer. Also empfehlen Hans und Gunter Ermisch erstmal, eine Wasserprobe vorbei zu bringen.

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Von Heike Sabel

Wenn der Goldfisch auf dem Rücken schwimmt, klingelt bei Ermischs das Telefon. Dann ist der Arzt im Fischer gefragt. Ferndiagnosen aber sind schwer. Also empfehlen Hans und Gunter Ermisch erstmal, eine Wasserprobe vorbei zu bringen.

Schließlich wissen Vater und Sohn, dass lebendes Inventar so seine Besonderheiten hat. Und Fisch allemal. Dazu gehört auch der gewisse Geruch. Erst wenn es stinkt, ist was faul mit dem Fisch. Ansonsten ist es wie beim Bauern, der aus dem Stall kommt oder dem Koch in der Küche. Man riecht eben sofort, wo sie arbeiten. Wobei junior Gunter Ermisch Wert darauf legt: „Man kann mit Viehzeug arbeiten und trotzdem gepflegt sein.“

Er sagt es und dreht wieder einmal sein Basecap um 180 Grad. Das macht er oft. Genau so mag der den Ausspruch: „Da wächst mir eine Feder.“ Warum er nicht Schuppe oder Gräte sagt, weiß er selbst nicht. Der Vater und sein Sohn haben eben einen robusten Beruf. Bei Wind und Wetter sind sie draußen. Da wird nicht jedes Wort dreimal hin und hergedreht. Und ständig mit den Händen in kaltem Wasser, ist trotz Handschuhen nicht angenehm. Trotzdem angeln sie nicht den ganzen Tag, wie mancher Besucher vermutet. Obwohl das beide schon gern würden.

Stattdessen quält sie die Bürokratie. Wie heißt es so schön, der Fisch stinkt vom Kopf... Ohne Förderanträge geht kein Fisch an die Angel, doch bevor es so weit ist, muss viel Papier beschrieben werden. Wieder ein Grund für Gunter, seine Mütze zu drehen. Es sieht wie eine Beschwörungsgeste und Kampfansage zugleich aus.

Hans, der Vater, ist schon etwas ruhiger geworden. Der 56-Jährige übernahm 1994 die Anlage. Da klauten sie ihm die Fische aus dem Bassin und sperrten ihn vorher im Wohnwagen ein. Hans Ermisch hat seine wilden Zeiten hinter sich. Lernte bei der Binnenfischerei, machte den Meister und den Ingenieur, betreute unter anderem die Teiche im Großen Garten in Dresden. Er ist Fischer von der Pike auf.

Evergreen Lachs

und ein Superstar

Damit ist auch Gunter Ermisch aufgewachsen. Hätte er nicht Fischwirt lernen können, wäre für den 33-Jährigen eine Welt zusammengebrochen. 1995 stieg er beim Vater ein. Seither sind sie der Fischer und sein Sohn. Beiden ist klar: Wenn man mit etwas Lebendem anfängt, dann gibt es fette und magere Jahre, weil man vom Wetter abhängig ist.

Das Abfischen am kommenden Sonnabend ist gewissermaßen die Fischer-Kirmes. Entsprechend wird sie auch gefeiert. Drei Tonnen Karpfen holten Ermischs und ihre Leute voriges Jahr aus dem Wasser. Trotz der Trockenheit und den damit verbundenen Sauerstoffproblemen rechnen sie auch dieses Jahr wieder damit. Abfischen heißt, es wird geangelt, gegessen und getrunken. Weil der Fisch ja bekanntermaßen dreimal schwimmen muss. Essen kann man ihn das ganze Jahr. Die Mär von den fischlosen Monaten ohne „R“ stammt aus dem Mittelalter, als es keine Kühlschränke gab, weil es ja die warmen Monate sind. Schnell hat Gunter Ermisch die Geschichte vom Tisch gewischt. Mit umso mehr leckeren Fischen wird er heute gedeckt.

Der Liebling der Kunden ist die Forelle, seit kurzem kommt der Saibling dazu. Lachs ist ein Evergreen mit der geräucherten Ausgabe als Superstar. Ermischs ist der Fisch noch lange nicht über. Mindestens einmal pro Woche kommt er auf den Teller. „Für Lachs, da gibt es schöne Rezepte“, schwärmt Hans Ermisch. Noch immer steckt sein zweiter Berufswunsch in ihm: Koch. Als er einmal zu einer Geburtstagsfeier keine Fischplatte anbot, gab es Krach. Wer einen Fischer als Verwandten hat, will eben auch was davon haben.

Hans Ermisch genehmigt sich auch gern mal zwischendurch einen Happen und schaut deshalb dann bei seiner Frau Christine vorbei. Sie schmeißt Büro und Laden und gab dafür ihren Job als Augenoptikerin auf. Seit sechs Jahren schaut sie statt auf Brillen auf Fischaugen. „Sie ist unser Frustablader“, sagen die beiden Männer und sind sich wieder einig. Manchmal scheinen auch an ihnen die Generationskonflikte nicht vorüber zu gehen. Da verdreht der „Junge“ die Augen, weil der „Alte“ zu viel redet, und der „Alte“ versucht den „Jungen“ zu berichtigen. Am Ende jedoch ergänzen sie sich immer wieder. Schließlich zählt, dass beide zusammen eine Firma vertreten.