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Vom ganz normalen Wahnsinn auf fremden Straßen

Maxi Unger ist für ein Jahr Rotary-Austauschschülerin in Argentinien. Regelmäßig berichtet sie für die SZ.

© unknown

Von Maxi Unger

Vor ein paar Tagen drehte sich auf Facebook eine Diskussion darum, dass die Deutschen die einzigen sind, die überhaupt fahren können, denn hier gibt es Regeln und vernünftige Fahrschulen. In Deutschland habe ich den A1-Führerschein absolviert und war des öfteren mit dem Motorrad unterwegs und kann bestätigen, dass die Regeln wunderbar funktionieren, weil sie jeder kennt. Läuft also alles sicher und geordnet.

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Als ich in Argentinien angekommen war, blieb mir oft der Mund offen stehen, als ich den Straßenverkehr erlebte. Nicht wenige Male habe ich mich instinktiv in meinem Sitz zusammengekauert, weil in meinen Augen schon längst fünf Autos und drei Motorräder aufs Schlimmste zusammengekracht sein müssten. Ist aber nichts passiert. Das ist alles ganz normaler, alltäglicher Wahnsinn. Unfälle gehören hier zur Tagesordnung. Die Nachrichten sind voll davon und nicht selten bemerke ich irgendwelche Straßensperrungen, weil da ein Motorrad auf der Straße liegt oder sich zwei Autos zu nahe gekommen sind. Oft gehen Crashs tödlich aus, meist auf Kosten der Mopedfahrer.

Meine Gastschwester sagte mir, dass es in Resistencia, wo ich ein Jahr lebe, mehr Mopeds als Menschen gibt. Das mag etwas übertrieben sein, irgendwie scheint sie aber recht zu haben. Überall tauchen diese aus allen Ecken auf und machen das Überqueren einer Straße zu einer besonderen Herausforderung. Zumeist sind viele auf einem Moped unterwegs. Sie sind vor allem als Familiengefährt beliebt. Mama, Papa und zwei bis drei Kinder passen da wunderbar drauf und brausen ohne Helm und mit dem Handy in der Hand durch die Stadt. Helme werden sowieso überbewertet. Sollten diese vorhanden sein, werden sie am liebsten am Handgelenk oder Lenker mitgeführt, um sie bei der nächsten Polizeikontrolle schnell überzustülpen. Sollte keiner vorhanden sein, wird vor der Polizeikontrolle einfach umgedreht und ein anderer Weg genommen. Alles halb so wild.

Auch der Sicherheitsgurt im Auto wird meist ignoriert und nur bei Polizeikontrollen angelegt. Um das lästige Piepen moderner Autos bei nichtangelegtem Gurt zu vermeiden, wird dieser einfach hinter dem Körper entlanggeführt. Kleinen Kindern wird es erlaubt, im Auto aufzustehen oder gar herumzulaufen, damit sie nicht anfangen zu quengeln. Oder sie werden gleich auf dem Schoß des Fahrers mitgeführt.

Ich habe acht Monate gebraucht, um mich an das Verkehrsverstehen zu gewöhnen. Fast alle Straßen in argentinischen Städten mit Schachbrettmuster sind Einbahnstraßen, ungefähr aller fünf Blocks gibt es Avenidas, das sind zweispurige Straßen. Rechts vor links wird kaum angewandt. Wer zuerst kommt oder am schnellsten ist, darf zuerst fahren, so einfach ist das. Auch Regeln wie nur links überholen und vorher blinken, gibt es hier nicht. Man drängelt sich irgendwie vorbei, und Ampeln gelten als unverbindliche Empfehlung. Wenn keiner da ist, fährt man halt einfach – wen stört das schon? Und wer zu langsam ist oder gefälligst zu warten hat, wird mit lang ausdauernder Hupe darauf hingewiesen. – Das Beeindruckende aber ist, dass die Argentinier dieses Chaos beherrschen. Ich als Deutsche bin verloren, Fahrschule hin oder her. Mit dem Fahrrad fahre ich am liebsten nur in der Siesta, wenn alle Mittagsschlaf machen. Dann ist es ruhig auf den Straßen und die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwelche Verrückten meinen Platz auf der Straße beanspruchen, sinkt gewaltig.