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Vom Häftling zum Obdachlosen

Mike Harnisch saß fast vier Jahre im Gefängnis. Nun will er neues Leben beginnen. Doch eine Bleibe findet er nicht.

Von Antje Steglich

Der Mann mit den ersten grauen Strähnen in den schwarzen Haaren spricht ganz sachlich und ruhig. Über sein altes Leben in Dresden. Über die Betrügereien, Verkehrsdelikte und Autodiebstähle. Über seine Zeit im Knast. Das alles liege jetzt hinter ihm, sagt Mike Harnisch. Hier in Riesa wolle er ein neues Leben anfangen. Doch so recht gelingt ihm das nicht. Er landet im Obdachlosenheim.

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Und hier fühlt sich der 41-Jährige alles andere als wohl. Die vielen Menschen liegen ihm nicht. Zudem sei die neue Adresse mehr als hinderlich bei der Jobsuche. Als Gebäudereiniger würde er gern arbeiten und in einer eigenen kleinen Wohnung leben. Doch Arbeitgeber und Vermieter scheinen nicht gerade auf den Ex-Knacki zu warten. Zudem ließen ihn die Ämter im Stich, kritisiert Mike Harnisch. „Ich gehöre nicht ins Obdachlosenheim“, ist er überzeugt und spricht deshalb wieder und wieder bei den Behörden vor. Dabei hat er das sogar schriftlich.

Vor der Entlassung aus der JVA Dresden hat Dr. Franziska Darmstadt, Amtsärztin des Gesundheitsamtes der Landeshauptstadt, bei dem Mann eine seelische Behinderung festgestellt. „Bei Entlassung in die Wohnungslosigkeit wäre eine Unterbringung in eine große Übergangseinrichtung ungünstig und könnte zu Rückfällen führen“, schreibt die Medizinerin ausdrücklich in ihrer Stellungnahme. Stattdessen empfiehlt sie ganz konkret eine Unterbringung in einem ambulant betreuten Wohnen für mindestens zwei Jahre sowie eine Betreuung mit einem erhöhten individuellen Bedarf von zehn Stunden pro Woche in den ersten sechs Monaten nach Entlassung. Im Rahmen dessen solle dem ehemaligen Gefangenen, der erst in der JVA Zeithain und später in Dresden einsaß, bei der Anbindung in sein neues Wohnumfeld geholfen werden, bei der Suche nach einer Wohnung sowie bei Behördengängen, so die Amtsärztin weiter. Die Realität sieht jedoch so aus, dass sich Mike Harnisch – teils mit Hilfe eines Kumpels – allein mit dem ganzen Papierkram herumschlägt. Und das eher schlecht als recht, wie er selbst zugibt.

Doch der Kontakt zu seinem zugeteilten Betreuer vom Sozialen Dienst sei eben nicht der beste, sagt der Neu-Riesaer. Das Amt selbst wollte sich zu einzelnen Fällen gegenüber der Sächsischen Zeitung jedoch nicht äußern. Jetzt baut Mike Harnisch auf das Jobcenter des Landkreises Meißen. Von dort bekommt er derzeit sein Geld, und dort hat er heute noch einmal einen Gesprächstermin. Dabei sei man speziell in diesem Fall eigentlich gar nicht wirklich zuständig. Denn das Jobcenter soll vor allem bei der Eingliederung ins Arbeitsleben helfen, heißt es. Für die grundsätzliche Integration ins Leben sei eher der Soziale Dienst gefragt. Damit beides gelingt, gibt es nach SZ-Informationen normalerweise vor der Entlassung eines Häftlings Absprachen zwischen den Behörden. Warum das im Fall von Mike Harnisch scheinbar nicht geklappt hat, bleibt offen. Inoffiziell wird allerdings auch dem 41-Jährigen zumindest ein gewisses Maß an Unkooperativität unterstellt. Im Gespräch aber betont Mike Harnisch, dass er sich redlich bemüht. Denn hinter all der Ruhe steckt sicher auch eine gehörige Portion Verzweiflung.