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Vom Klappern und Rattern

Die Leinenweberei „Hoffmann“ ist die letzte mechanische Weberei der Oberlausitz. Sie setzt auf feine Klassiker und rubbelige, neue Ideen.

© Thorsten Eckert

Von Miriam Schönbach (Text) und Thorsten Eckert (Fotos)

Ohrenbetäubend rattern die Webstühle. Es klackert, es rattert. Der Rhythmus bleibt immer gleich. Unermüdlich rast das Schiffchen mit einer Spule voller Garn zwischen den Fäden hin und her. Angelika Liske fährt ganz vorsichtig über den neuentstehenden Naturstoff. Nach über 20 Jahren bei der Leinenweberei Hoffmann in Neukirch ist sie immer noch fasziniert, wie aus dem Faden das feine Gewebe wird. Plötzlich schweigt das Fortissimo der Maschine, während sich die anderen Webstühle im Saal weiterhin zu übertönen versuchen. „Der Faden ist gerissen. Jetzt muss ich den Schuss suchen“, sagt die 57-Jährige und beugt sich über die dicht aneinandergereihten Fäden.

Stars im Strampler aus Bautzen
Stars im Strampler aus Bautzen

Auch in der letzten Woche sind Babys auf die Welt gekommen, die im Landkreis Bautzen zu Hause sind.

Ein wenig wie aus der Zeitgefallen wirken die Webstühle und Apparaturen aus Gusseisen und Holz.
Ein wenig wie aus der Zeitgefallen wirken die Webstühle und Apparaturen aus Gusseisen und Holz. © Thorsten Eckert
Damast aus Neukirch wird auf Jcaquard-Webmaschinen gefertigt, deren Muster mittels Lochkarten entstehen.
Damast aus Neukirch wird auf Jcaquard-Webmaschinen gefertigt, deren Muster mittels Lochkarten entstehen. © Thorsten Eckert
Gerissen: Mit einem Weberknoten werden die Fäden rasch wieder miteinander verbunden.
Gerissen: Mit einem Weberknoten werden die Fäden rasch wieder miteinander verbunden. © Thorsten Eckert

Angelika Liske braucht nur einen Augenblick, um den Fehler zu beheben. Geschickt holt sie den Kettfaden hervor und knotet ihn mit dem Pendant auf der Spule auf den Webstühlen aus Gusseisen und Holz zusammen. Ein bisschen wirken diese alten, hämmernden Apparaturen wie aus der Zeit gefallen. Ihre Einzigartigkeit ergibt sich für den Laien erst auf den zweiten Blick. Der Manufakturbetrieb an der Hauptstraße in der Gemeinde am Valtenberg ist die letzte mechanische Weberei der Oberlausitz und zugleich eine der wenigen, noch arbeitenden Leinenwebereien Deutschlands. Geschäftsführer Reinhard Ruta erwähnt die Superlative stolz. „Ich kenne noch drei Standorte“, sagt er. Zugleich spürt er auch die Verantwortung, das Traditionshandwerk zu erhalten.

Immer in Bewegung

Das Weberschiffchen mit dem Garn im Bauch macht sich wieder unermüdlich auf den Weg und gleitet zwischen den Kettfäden hin und her. Der Takt der Webstühle kennt Angelika Liska seit über 40 Jahren. Ihre Ausbildung macht sie damals beim VEB Leinen- und Baumwollweberei Wehrsdorf. Geschirrhandtücher, Bettwäsche, Zeltplanen entstehen im Betrieb. Nach der Wende ist Schluss, wie in so vielen anderen Webereien in der Oberlausitz. „Ich wollte nie etwas anderes machen. Mein Beruf ist so abwechslungsreich. Ich bin immer in Bewegung“, sagt die Weberin und flitzt weiter. Bei einem Webstuhl, einem etwas jüngeren Modell, bleibt sie stehen. Hier läuft weißes Gewebe auf die sogenannte Rolle. Bis zu 13 Maschinen behält Angelika Liske während ihrer Schicht im Blick. 5.30 Uhr ist Dienstbeginn, gegen 14 Uhr übergibt sie den Saal an eine Kollegin.

Leinentage Rammenau

Am 25. und 26. August ist das Barockschloss Rammenau zum 23. Mal Gastgeber der Internationalen Oberlausitzer Leinentage.

An fast 200 Ständen präsentieren sich Manufakturen, Kunsthandwerker, Designer und Künstler.

Geöffnet ist der Leinenmarkt an beiden Tagen von 10 bis 18 Uhr.

Der Eintritt kostet zehn Euro, Studenten und Schüler ab 16 zahlen acht, Kinder ab sieben Jahren zwei Euro.

www.barockschloss-rammenau.com

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Die meisten der Mitarbeiter der Leinenweberei Hoffmann haben ihr Handwerk noch vor 1989 in der Vielzahl der Textilbetriebe in der Region gelernt. Denn die Stoffmacher hat in der Oberlausitz Tradition. Bis ins 12. Jahrhundert reicht die Geschichte des Handwerks zurück. Seitdem wird hierzulande nachweislich Flachs angebaut und verarbeitet. Einen Aufschwung erlebt das Handwerk zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Ein Jahrhundert später werden Leineweber zum dominierenden Wirtschaftszweig.

Mehr als 20 000 Webstühle stehen in dieser Zeit im sogenannten Textilgürtel. 50 000 Menschen arbeiten als Weber, Spinner, Bleicher, Färber, Garnsammler oder Webstuhlbauer. Aufgrund der großen Nachfrage nach Oberlausitzer Ware wächst die Branche – wie man heute sagt – innerhalb von 20 Jahre auf 120 000 Stühle mit 80 000 Beschäftigten an.

Ab 1860 wandelt sich das Bild erneut: Es entstehen Großbetriebe mit modernen Web- und Spinnmaschinen. Mehr als 50 000 Meister und Gesellen geben bis zum Ende des Jahrhunderts die Arbeit am Handwebstuhl auf und gehen in Fabriken. Einen Namen machen sich die industriell gefertigten Waren. Das sächsische Königshaus isst von Großschönauer Damast, die halbe Welt putzt sich mit Taschentüchern aus Lauban die Nase und die Weberei Hoffmann stattet mit ihrem Leinen Kreuzfahrtschiffe einer Hamburger Reederei aus.

Schwere wird nie beseite gelegt

Wieder verstummt der ältere Webstuhl. Angelika Liske holt aus einer hölzernen Kiste eine neue Schussspule. „Garn für 20 Zentimeter Leinen sind etwa darauf“, sagt sie und wechselt geschickt die sogenannte Kanette. Für unerlässlichen Nachschub dieser garnumwickelten Holzstäbe sorgt Heike Gießler. Sie ist die Chefin über die Spulmaschine. Automatisch wandern die leeren, hölzernen Spitzen aus einer Kiste in die Vorrichtung und verteilen sich dann an ihren vorgesehenen Platz. Immer, wenn eine Kanette mit dem Flachsgarn voll ist, fällt die nächste in eine Mulde. Dann ist das Geschick der Spulerin gefragt. Mit drei schnellen Schlingungen sitzt das Fadenende fest – und schon kann das rasante Aufspulen wieder beginnen.

Seit mehr als 35 Jahren macht Heike Giesler genau diese Handgriffe. Ihre Schere legt sie dabei nie beiseite. Wenn ein Faden reißt, schneidet sie die Garnenden gerade und verbindet sie mithilfe eines Weberknotens wieder miteinander. „Ich lege die Fäden übereinander, mache eine Öse und ziehe dann die rechte Seite durch“, sagt sie und lässt die Spule weiter das Garn aufdrehen. Als sie im Betrieb lernte, arbeiteten die 30 Webstühle im Akkord. Die Ursprünge des Unternehmens indes gehen bis auf das Jahr 1905 zurück. Damals gründeten Karl Gustav Schulze und Martin Hoffmann ihre Mechanische Weberei mit Appreturanstalt, Konfektion und Kartonfabrik. Spezialitäten waren Stickereien und Jacquardstoffe, Leinendamaste, Tischtücher, Bettwäsche und Geschirrtücher.

Mehr als 100 Jahre später verlässt eine Vielzahl dieser Produkte immer noch die Neukircher Manufaktur. „Unsere Klassiker laufen sehr gut“, sagt Reinhard Ruta und geht vom Websaal in den Schauraum. Das blaukarierte Grubentuch, das viele wohl noch als Muss aus den Küchen ihrer Groß- und Urgroßeltern kennen, liegt dort genauso wie die etwas gröberen, gestreiften und karierten Küchentücher oder die feinen Glashandtücher. Was die Jacquardmaschine kann, demonstrieren reliefartige Stoffmuster. Reinleinen, Halbleinen, wenige Produkte aus Baumwolle. Das Neukircher „Linnen“ beziehen heute Kunden aus ganz Deutschland als Meterware oder gleich konfektioniert.

Vom Gewebe fasziniert

Die Fachbegriffe sind für den Wirtschaftsingenieur längst keine Fremdwörter mehr. Doch abzusehen war es für den gebürtigen Nordhessen nicht, dass er einmal in der traditionsreichen Leinenweberei anheuert. Stattdessen arbeitete der 60-Jährige nach seinem Studium bei Siemens, als Unternehmensberater und bei einem großen Energieversorger. „Ich hatte schon immer die Idee, mal einen Produktionsbetrieb zu übernehmen. Aber es musste sich eben auch der richtige finden“, sagt der Wahl-Oberlausitzer. In einem Laden in Berlin-Charlottenburg, wo Bett- und Tischwäsche verkauft wird, entdeckt er eines Tages Oberlausitzer Leinen. Der Fund führt ihn schließlich zuerst nach Dresden, dann zu den Leinentagen im Barockschloss Rammenau und schließlich nach Neukirch.

Beim Besuch fasziniert Reinhard Rucha das inzwischen einzigartig gewordene Gewebe immer noch. „Ich habe das Potenzial gesehen und dachte mir, dieser Betrieb muss mit seiner Tradition weitergeführt werden.“ Mit der Enkelin des Firmengründers, Christine Rentsch und deren Ehemann Gottfried, versteht er sich auf Anhieb. Die beiden Neukircher haben nach der Wende den zwangsverstaatlichten Betrieb reprivatisiert. Bis 1990 wurden unter anderem täglich 20 000 Geschirrhandtücher produziert und an Handelsketten in Westdeutschland exportiert. Nach unruhigen Jahren laufen die Webstühle ab 1994 wieder. Ein Großauftrag der Bundespost über die Herstellung von Postsäcken und Münzbeuteln sichert das Auskommen der damals 30 Mitarbeiter.

Seit dem Ruhestand der Familie Rentsch 2007 knüpft nun Reinhard Ruta an die Oberlausitzer Leinentradition an. Dabei setzen er und seine Mitarbeiter aber nicht nur auf die Klassiker, sondern sind immer auf der Suche nach neuen, „linnenen“ Ideen. Der Geschäftsführer greift nach einem Karton und holt Bettwäsche hervor. Über das Leinen zieht sich ein nicht endend wollendes Raster aus strengen, geradlinigen Strichen. „Dieses Muster haben wir zusammen mit Berliner Designern entworfen, es nimmt bewusst das Thema Bauhaus auf“, sagt der 57-Jährige.

Ein Tuch wie Peeling

Ein weiteres junges Kind der Leinenweberei sind Zwei-Zonen-Massagetücher aus Frottee. Reinhard Rucha holt ein solches Handtuch aus dem Schrank und fährt mit seiner Hand über den zum Teil rubbeligen Stoff. Außen ist es weich, zur Mitte wird es immer härter. „Am Rand ist Baumwolle, dann setzen wir Leinen und Naturleinen dazu. Das erspart jedes Peeling“, sagt der Manufakturchef schmunzelnd. Selbstverständlich nutzt er so ein Handtuch auch privat, und selbstverständlich trägt er ein Leinenhemd. Mit einem Lächeln im Gesicht steigt er auch die Treppen im Fabrikgebäude nach oben. Hinter einer weiteren Tür ist Rattern zu hören. Es ist der Eingang zur Näherei. Gisela Rickert setzt immer wieder den Nähfuß auf den weißen Stoff und säumt das Tuch. Die 75-Jährige ist seit 16 Jahren in Rente, aber kommt immer noch gern zu ihren Kolleginnen, wenn sie gebraucht wird. Am 10. August 1964 hat die Neukircherin ihre Lehre bei den „Hoffmanns“ begonnen. „Im Himmel“, wie sie sagt – und zeigt mit dem Kopf eine Etage höher. Bettwäsche hat sie damals vor allem genäht, an diesem Vormittag säumt sie 80 Tücher in der Stunde. Immer wieder summt die Nähmaschine. Die weißen Tücher mit einem bestimmten Gewicht und einer bestimmten Struktur gehen für Testverfahren an einen Waschmittel- und Waschmaschinenproduzenten.

Gisela Rickert legt wieder ein fertiges Tuch auf den Stapel und greift nach einem neuen Exemplar. Ihre Kollegin Simone Sommer fertigt dagegen Leinenbeutel. „Sie wollen wir zu den Leinentagen am Wochenende mitnehmen – und Reste können wir auch verwerten“, sagt die 55-Jährige. Das Treffen der Manufakturen, Kunsthandwerker, Designer und Künstler ist für Reinhard Rucha ein Muss.

Wenn er sieht wie Tausende Besucher ins Barockschloss Rammenau strömen, um das alte Handwerk zu bewundern, dann ist er überzeugt: In der letzten mechanischen Weberei der Oberlausitz werden auch in Zukunft die Webstühle und Nähmaschinen laut und leise klappern und rattern.