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Vom Kriminalroman bis zur Spezialbibel

Tournee. Der Verlag der Domowina geht auf die Reise – zu den Menschen. Mit neuer Literatur zu sorbischen Bräuchen.

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Von Andreas Kirschke

Eine weibliche Leiche sorgt für Entsetzen. Bei Friedhofsarbeiten kommt sie zum Vorschein. Eine junge Kommissarin und ein erfahrener Kriminalist ermitteln. Ihre Spur führt bis nach Schweden. Sie stoßen auf ein Beziehungsgeflecht. Es reicht bis zu Einwohnern, die im Krieg in Skandinavien stationiert waren. „Pawcina zlósce“ (Die Spinnwebe) gehört zu den Buchpremieren, die auf der Lesetournee 2006 des Domowina-Verlages vorgestellt werden. Lubina Hajduk-Veljkovicowa schrieb diesen packenden sorbischen Krimi.

Bücherherbst auf Sorbisch

„Etwas Seltenes zum Lesen, zum Schmökern“, sagt Marija Macijowa, Geschäftsführerin des Domowina-Verlages. „Unsere Leser warten dar-auf“, weiß sie. Und weil das so ist, gibt es die Autoren quasi zum Anfassen – auf der Lesereise. Da können Fragen gestellt und Meinungen ausgetauscht werden. Die Tournee stellt Öffentlichkeit für sorbische Literatur her. Damit das funktioniert, wird die Aktion mit Partnern organisiert: Vereine, Domowina-Ortsgruppen und -verbände und auch Verkäufer des Jahreskalenders Serbska Protyka sind mit dabei.

Jahr für Jahr findet die finale Literaturkirmes an einem anderen Ort statt. In Schleife, in Mühlrose, Dissen, Jänschwalde, Drachhausen, Hochkirch und Königswartha hat es sie schon gegeben. Dieses Jahr ist Trebendorf Gastgeber. „Wir sehen das sorbische Territorium weit gefasst“, so Marija Macijowa. „Wir gehen auch in Gebiete, wo nur wenige Einwohner sorbisch sprechen und lesen.“ Entscheidend sei doch, dass die Leute interessiert seien.

Ein anderer Grundsatz: Autoren mit Bezug zur Region stellen neue Bücher vor. In diesem Herbst gehört auch ein Lesebuch mit Texten des sorbischen Rohner Halbbauern, Autodidakten und Volksschriftstellers Hanso Njepila dazu. Zusammengestellt hat es der Bautzener Sprachwissenschaftler Fabian Kaulfürst. In Schleifer Sorbisch (Šycko som how napisal) und in Deutsch (Im Kämmerlein hab´ ich geschrieben) heißt der Titel. Vignetten erstellte Marija Nagelowa. Am 20. Juni jährte sich Hanso Njepilas Todestag zum 150. Mal. „Wer aber war dieser Mann?“, fragt eine Ankündigung im Verzeichnis des Domowina-Verlages. „Ein ziemlich ungewöhnlicher: Ein armer Halbbauer im heimatlichen Rohne, der Möbel schnitzte und mit selbst gebauten Flügeln zu fliegen versuchte, zudem schriftkundig – zu jener Zeit eine Ausnahme.“ Njepila schrieb über alles, was er sah, hörte und fühlte. Nur fünf seiner 30 Handschriften blieben erhalten.

Passend zum jüngsten Jubiläum 200 Jahre Njepila-Hof Ende September in Rohne, passend zu Njepilas 150. Todestag im Juni gibt der Domowina-Verlag dieses Lesebuch heraus. Dr. Hync Rychtar und Roža Šenkarjowa tragen Texte daraus in Trebendorf zur Literaturkirmes vor. „Wir hoffen, dass wir in der Schleifer Region viele Leser finden.“ Auch nach der Tournee will der Verlag dieses Jahr wichtige Bücher herausgeben: Mitte November „Swjate pismo“ (die Heilige Schrift) als sorbische Gesamtausgabe der Bibel. Lektorin Lucija Bejmina, Pfarrer Gerat Wornar, Monsignore Mercin Salowski, Lektorin Irena Šerakowa und Jurij Šerak, der frühere Stilisator von Serbske Nowiny haben das Werk redigiert. „Die Bibel ist das Fundament der Sprache, das Fundament der Kultur – gerade auch im Sorbischen“, so Salowski in einem früheren SZ-Gespräch.

Noch 2006 will der Verlag „Paternoster“ herausgeben. Zum zweiten Mal erscheint die Broschüre mit Prosa junger sorbischer Autoren. Einige waren Teilnehmer des alle zwei Jahre von Domowina-Verlag und Stiftung für das sorbische Volk organisierten Literaturwettbewerbs. „Paternoster ist jedoch kein Exzerpt dieses Wettbewerbs“, stellt Marija Macijowa klar. „Hier geht es darum, dass junge Leute, die bislang noch kein eigenes Buch geschrieben haben, die Chance zur Veröffentlichung erhalten.“