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Vom Online-Seminar ins Spargelfeld

Den Bauern fehlen Erntehelfer, Studenten verlieren ihre Nebenjobs. Das klingt nach einer Win-Win-Situation – ist es aber nicht.

Die Spargelbauern brauchen jetzt dringend Hilfe auf den Feldern. Doch nicht jeder der helfen will, kann das auch.
Die Spargelbauern brauchen jetzt dringend Hilfe auf den Feldern. Doch nicht jeder der helfen will, kann das auch. © Armin Weigel/dpa

Von Luise Anter

Michael Görnitz hat ein Problem: Ihm fehlen die Leute. Görnitz hat einen Obstbaubetrieb in Coswig, 200 Hektar bewirtschaftet er. Für Saat, Pflege und Ernte braucht er jedes Jahr Saisonarbeiter. Aktuell fehlen ihm noch 200. Die sollen eigentlich ab Mai Erdbeeren, Heidelbeeren oder Äpfel ernten. In normalen Jahren kommen die Erntehelfer vor allem aus Rumänien und Bulgarien. Nicht im Jahr der Corona-Pandemie.

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Um diese zu bekämpfen, hat das Bundesinnenministerium Mittwoch vergangener Woche ein Einreiseverbot für Saisonarbeiter verhängt, um die Infektionsgefahren durch den grenzüberschreitenden Verkehr zu verringern. Laut Bundeslandwirtschaftsministerium fehlen bundesweit etwa 300.000 Erntehelfer, in Sachsen sind es laut Landesbauernverband etwa 7.000. 

Gezwungen soll niemand werden

Dabei sind die Bedarfe etwa vom Weinbau und der Schafzucht eingerechnet. Um die Lücke zu füllen, hat das Ministerium von Julia Klöckner (CDU) unter anderem ein Portal geschalten: www.daslandhilft.de. Wie auf dem des Bauernverbands (www.saisonarbeit-in-deutschland.de) können dort Bauern inserieren, die Hilfe suchen – und Freiwillige, die arbeiten wollen: Menschen in Kurzarbeit, Pensionäre oder auch Studenten. Die nämlich haben vielfach ihre Nebenjobs verloren. Der sächsische Landwirtschaftsminister Wolfram Günther (Grüne) will außerdem dafür sorgen, „dass Fridays-for-Future-Gruppen und Landwirtschaft zueinanderfinden“, sagte er im Interview mit der Sächsischen Zeitung.

„Zwangsarbeit lehnen wir entschieden ab“, sagt Lasse Emcken, Sprecher der Konferenz Sächsischer Studierendenschaften. Er spielt auf die Forderung der AfD an, Schüler ab der 10. Klasse und Studenten für die Ernte zu rekrutieren, wie zur Kartoffelernte in der DDR. „Aber wenn Studierende sich freiwillig melden und fair bezahlt werden, dann gerne.“ Die Hochschulen müssten den Studenten im kommenden Semester mehr Flexibilität geben, damit diese sich um Angehörige kümmern oder bei der Bewältigung der Coronakrise helfen können – mit Lieferdiensten in der Stadt, in der Medizin oder eben der Landwirtschaft.

Erfahrung und Durchhaltevermögen fehlen

Bei Obstbauer Michael Görnitz müssten sie durchschnittlich acht Stunden am Tag, sechs Tage die Woche arbeiten. Er hält das für vereinbar mit dem Studium, schließlich beginne die Arbeit um vier Uhr früh. Emcken dagegen sagt: „Um nebenbei noch zu lernen oder Kinder zu betreuen, ist für Studierende ein Job besser, den man an zwei oder drei Tagen die Woche machen kann“. Außerdem haben viele Studenten kein Auto, kommen also gar nicht so leicht raus aus der Stadt. Man müsse auch bedenken, dass „viele Studierende keine Erfahrungen mehr mit der Landwirtschaft haben“. 

Darin sieht der Sächsische Bauernverband das größte Problem: „Für diese Tätigkeiten müssen die Leute angelernt werden“, sagt Präsident Manfred Uhlemann. Eine grüne Erdbeere könne man von einer roten zwar noch unterscheiden. Aber wenn der Spargel zu kurz gestochen wird, kann man ihn kaum verkaufen. „Und wenn Sie ungelernte Leute zum Schafscheren schicken, haben Sie danach ein blutiges Schaf.“ 

„Der Lernprozess ist gar nicht so das Problem“, sagt Michael Görnitz. Den Menschen fehle es vor allem an Durchhaltevermögen. Er hat in den letzten Jahren schon Studenten, Geflüchtete und Arbeitssuchende beschäftigt. Teilweise haben sie nach einem halben Tag aufgegeben oder er musste sie wegschicken, weil sich mit ihrer Produktivität der Mindestlohn nicht erwirtschaften ließ. „Erdbeerpflücken ist das härteste, was es gibt.“

Arbeit muss fair bezahlt werden

Nicht nur Studenten sind als Erntehelfer im Gespräch. Die Bundesregierung prüft zudem, das Arbeitsverbot für Asylbewerber aus sicheren Herkunftsstaaten und Geduldete aufzuheben – befristet für die Zeit der Beschäftigung auf dem Feld. Zwar begrüßt Mark Gärtner vom sächsischen Flüchtlingsrat grundsätzlich, dass über eine Aufhebung des Verbots diskutiert wird. Er hält die Idee aber für opportunistisch. „Wenn es um den Spargel auf unserem Teller geht, dürfen Asylbewerber plötzlich arbeiten.“ Die Arbeit müsse langfristig und fair bezahlt sein. „Es kann nicht sein“, sagt Gärtner, „dass jemand erst die Landwirtschaft unterstützt und dann abgeschoben wird.“

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Auch wenn er sich über die Hilfsangebote freut – Manfred Uhlemann ist skeptisch, dass für ganz Sachsen und das ganze Jahr genug Saisonarbeiter gefunden werden. Denn die werden nicht nur kurzzeitig zum Spargelstechen gebraucht, sondern über Monate hinweg zum Säen, Pflegen und Ernten. Viele Bauern dürften zögern, ob sie den Salat aussäen, wenn Sie nicht wissen, ob sie später jemand zum Ernten haben – und stattdessen Getreide anpflanzen, auch wenn ihnen dann Vertragsstrafen mit dem Handel drohen. „Bei Spargel, Erdbeeren und anderen frischen, regionalen Produkten kann es dieses Jahr zu Engpässen kommen“, sagt Uhlemann.

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