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Vom stillen Sterben eines Schatzes

Das Modelllager der Porzelline ist dem Untergang geweiht. Im Inneren verrottet das Gedächtnis der Manufaktur.

Von Jane Jannke

Zurück in die Heimat!

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Zwanzig Jahre haben geschafft, was zwei Weltkriege, ebenso viele Flutkatastrophen, Verstaatlichung und Zusammenbruch der DDR zuvor nicht vermocht hatten. Mit mehr als 200 000 Modellen aus Gips lagert in einem modrigen Schuppen unweit der Betriebsstätte an der Carl-Thieme-Straße das historische Gedächtnis der Freitaler Porzellanmanufaktur. Doch dieses Gedächtnis, so beklagt nicht nur der Porzellankünstler Olaf Stoy, liegt seit geraumer Zeit im Sterben. Stadt, Landesamt für Denkmalpflege und Staatliche Kunstsammlungen wollen wenigstens einen Teil der kostbaren Sammlung retten.

Schlechte Marktlage und finanzielle Sorgen verstellten den Blick der ständig wechselnden Porzelline-Inhaber auf vergleichsweise unscheinbare Nöte am Rande. Für den zweiflügeligen Flachbau, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand, ein unausgesprochenes Todesurteil. Seit dem Ansatz einer Teilsanierung zu Beginn der 90er-Jahre blieb der gut 1 500 Quadratmeter große Bau sich selbst überlassen. Mit gravierenden Folgen.

Seit 2009 hält Olaf Stoy den Verfallsprozess in Bildern fest. Weil einfachste Instandsetzungsarbeiten ausbleiben, stürzt das Dach an mehreren Stellen ein, Mauern sacken weg, Feuchtigkeit dringt ein. Die Dachbalken krachen auf die morschen Regale aus Kiefernholz mit den historischen Gipsmodellen. „Es ist davon auszugehen, dass 60 bis 70 Prozent davon bereits zerstört sind“, so Stoy. Mehr als 25 Jahre lang war der 55-Jährige Chefmodelleur der Porzelline. Unter seinen Händen entstanden mehr als 300 jener Formen, die nun akut bedroht sind. „Früher hätte es eine Rolle Dachpappe gebraucht, um das Schlimmste abzuwenden“, sagt er ernüchtert. Mittlerweile hält er den Bau für verloren.

Seit der Gründung der Freitaler Manufaktur im Jahr 1872 bildeten die Modelle die Grundlage für die Porzellanherstellung an der Weißeritz. Aus ihnen werden die Formen gefertigt, in denen dann Figuren, filigrane Vasen, Leuchter und Pokale aus dem weißen Gold entstehen. Im Potschappler Schuppen an der Wiederitz lagern Tausende historischer Urformen von Kunstwerken, die es zu einigem Renommee und sogar bis in die Vitrinen der britischen Queen Mary brachten.

„Die Sammlung ist sowohl für die Produktionsgeschichte der Manufaktur als auch als Dokument der Designgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts von großer Bedeutung und aufgrund ihrer geschlossenen Überlieferung von Seltenheitswert“, befand das Landesamt für Denkmalpflege und stellte die Modellsammlung auf Ersuchen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 2013 unter Denkmalschutz. Kurz darauf holten die Kunstsammlungen auch die in freistaatlichem Besitz befindliche Mustersammlung wertvoller Einzelstücke aus der Manufaktur, weil die Porzelline abermals vor der Pleite stand.

Angebote bleiben ungehört

„Wir sehen dringenden Handlungsbedarf“, konstatierte Michael Streetz vom Landesamt auf Anfrage. Über die Stadt Freital stehe man seit 2014 in Gesprächen mit dem Eigentümer der Porzelline. Armenak Agababyan, der seit 2008 die Geschäfte führt, scheint den Ernst der Lage zu kennen. Erst im September kündigte er an, auch das Modelllager im Rahmen eines mehr als eine Million Euro schweren Investitionspaketes sanieren zu wollen. Damals machte er das Vorhaben vom Entgegenkommen der Stadt abhängig. Seither tat sich jedoch nichts. Auf Anfrage räumte Betriebsleiter Anatolij Schilling den schlechten Zustand des Lagers zwar ein, ansonsten äußert man sich allerdings nicht zur Sache.

Signale des Entgegenkommens hatte es seitens der Stadt mehrfach gegeben. „Schon vor Jahren hatte OB Mättig angeboten, die Sammlung in ein Gebäude an der Wilsdruffer Straße auszulagern“, weiß Olaf Stoy. Zuletzt war sogar eine Kooperation mit dem Chemnitzer Industriemuseum im Gespräch. Zwischen der Porzellanstadt Selb in Franken, Chemnitz und Freital sollte eine Art Porzellanachse entstehen, die Freitaler Modelle ins TGZ überführt und dort ausgestellt werden. „Herr Agababyan fand das alles ganz toll, machte aber keine verbindliche Zusage.“ Olaf Stoy bleibt nur die Rolle des besorgten Zuschauers. Dem Porzelline-Chef hält er vor, das Haus allein aus der Perspektive des Geschäftsmannes zu führen, für die Kunstschätze an der Wiederitz aber kein Auge zu haben. Das Denkmalamt allerdings will noch nicht aufgeben. Man werde einen neuen Vororttermin in nächster Zeit anstreben, um über die weitere Vorgehensweise zu beraten.

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