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Vom Tierzüchter zum Obstbauern

Als Lars Folde und Rainer Töpolt am 1. Januar 1994 das Obst- und Weingut Pesterwitz gründeten, standen ihre Chancen, das erste Jahr zu überstehen, fünfzig zu fünfzig. Die Vorgeschichte ihrer waghalsigen...

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Von Ingolf Seifert

Als Lars Folde und Rainer Töpolt am 1. Januar 1994 das Obst- und Weingut Pesterwitz gründeten, standen ihre Chancen, das erste Jahr zu überstehen, fünfzig zu fünfzig. Die Vorgeschichte ihrer waghalsigen Unternehmensgründung ist kurz: Nach der Wende hatte das Land Sachsen das einstige Volkseigene Gut (VEG) Pesterwitz gekauft, um sich Flächen für den Autobahnbau zu sichern. Folde: „An Landwirtschaft war der Freistaat nicht interessiert. Deshalb schrieb er die Agrarflächen des Gutes zur Verpachtung aus und sah sich nach Käufern für die Technik und den Viehbestand um.“ Folde war seit 14 Jahren im VEG beschäftigt, hatte Tierzucht studiert und wollte das Gut in die neue Zeit retten. „Also nahm ich den Laden selbst in die Hand und Rainer Töpolt - ein gestandener Landwirt - machte mit.“

700 000 Mark betrug der Kaufpreis für das tote und lebende Inventar, dazu kam die Pacht für Land, Hof und Ställe. „Geld, das wir nicht hatten“, so Folde. Doch der Freistaat war bereit, die Summe ein Jahr zu stunden. „Wir sollten nach der ersten Ernte zahlen“, erinnert sich Folde. „Und das war eine riskante Übereinkunft. Wäre die Ernte ein Fehlschlag gewesen, hätten wir dichtmachen können und wären bis an unser Lebensende auf unseren Schulden sitzen geblieben.“ Doch in der Silvesternacht 1993/94 kam im neuen Gut ein Kälbchen zur Welt, „und das“, so Folde, „war unser Glücksbringer.“ Die Ernte fiel gut aus. Der Ertrag deckte die Schulden. Über den Berg waren die beiden Unternehmer damit freilich noch nicht.

Folde und Töpolt hatten das Kerngeschäft des ehemaligen VEG übernommen: ein Mischbetrieb aus Tierzucht und Obstanbau - mit 385 Kühen, dem Reiterhof in Roßthal und rund 300 Hektar Land, davon 55 Hektar Obst-Plantage. Und zunächst war die Verlockung groß, die Tierzucht auszubauen, denn das war Foldes Spezialstrecke. Doch die beiden entschieden sich anders. „Tierzucht am Stadtrand“, so Folde, „erschien uns doch zu riskant. Die A 17 würde über unser Pachtland führen, neue Wohngebiete würden vor unserer Nase entstehen; wo sollten wir unsere Kühe weiden?“ Also trennten sie sich von den Tieren und konzentrierten sich aufs Obst.

Wie man Obst anbaut, lernte Folde von Obstbauern des ehemaligen VEG. Welche Sorten er pflanzen musste, erfuhr er auf den Bauernmärkten. Folde: „Einen Teil unseres Obstes verkaufen wir im eigenen Hofladen und auf Wochenmärkten. Dort brauchen sie ein breites Sortiment aus eigenem Anbau, um zu bestehen.“ Schritt für Schritt bauten Töpolt und Folde ihren Apfelbestand auf 27 Sorten aus, experimentierten mit wärmeliebenden Früchten, pflanzten Nektarinen, Pfirsiche und Aprikosen und kauften den Weinberg des einstigen VEG.

Hagelschläge vernichten halbe Apfelernte

Schließlich hatten sie ihren Weg gefunden, beschäftigten 16 ehemalige VEG-Mitarbeiter und hatten ihr Auskommen. Doch 1998 vernichtete Hagel die Apfelernte. Folde: „Eine Katastrophe, bei der ich gelernt habe, dass in der Landwirtschaft schnell alles vorbei sein kann.“

Danach reiste der Unternehmer quer durch Belgien, die Schweiz und Österreich. Hagelnetze sollten seine Äpfel in Zukunft schützen. „Doch Hagelnetze sind teuer und schwer zu handhaben“, so Folde. „Da können sie viel verkehrt machen.“ Deshalb zog er von Hof zu Hof und erkundigte sich bei den Obstbauern, welche Netze sie benutzten. Zwei steirische Landwirte reisten schließlich mit ihm nach Pesterwitz und stellten ein 4,8 Hektar großes Hagelnetz auf.

Das Netz habe sich inzwischen dreimal bewährt, sagt der Agrarunternehmer. Im Juni vorigen Jahres vernichtete ein Hagelschlag abermals einen Großteil der Äpfel. Folde: „Die Hälfte eignete sich nur noch für Saft.“ Dann brach nach dem August-Hochwasser der Obst-Verkauf ein. Gerettet habe das Gut nur der Apfelbestand unter dem Hagelnetz. „Der hat das Unwetter unbeschadet überstanden. Und mit dem Erlös haben wir überlebt.“

Inzwischen ist Töpolt im Ruhestand. Folde führt das Obst- und Weingut allein. Über alle Schwierigkeiten hinweg, so zieht er Bilanz, sei das Unternehmen von Jahr zu Jahr gewachsen. Den Hof des Gutes in Pesterwitz konnte Folde inzwischen kaufen. Der Absatz des Obstes über die Erzeugerorganisation der Bauern in Borthen, den Hofladen und die Bauernmärkte funktioniere heute reibungslos. Er brauche sich um die Zukunft des Unternehmens nicht mehr ernsthaft zu sorgen. „Und unser Glückskalb aus der Silvesternacht 1994 haben wir nie geschlachtet. Und auch die anderen 27 Kälber nicht, die danach noch - bis zur Einstellung der Tierzucht - zur Welt kamen“, sagt Folde. „Wir lassen die Tiere jetzt auf unseren Wiesen weiden und pflegen so kostengünstig das Gras.“