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Vom Zappelphilipp zum Musterschüler

Im Kreis steigt die Zahl der krankhaft hyperaktiven Kinder. Eine Mutter erzählt, wie die Familie mit ADHS umgeht.

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© dpa

Von Dominique Bielmeier

Es fing im Kindergarten an. „Die Erzieherinnen haben uns erzählt, dass unser Sohn besonders lebhaft ist“, sagt eine Mutter aus Oschatz, die anonym bleiben möchte. Ihr Kind konnte nie abwarten, bis es an der Reihe war, musste immer dazwischenreden. Schnell war der Verdacht da: Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS. Eine Untersuchung im Sozialpädiatrischen Zentrum in Riesa bestätigte ihn: Die Intelligenztests, die der Junge machen musste, fielen sehr gut aus, die Aufmerksamkeitstests dagegen schlecht. Kurz: Das Kind war intelligent, konnte sich aber nicht konzentrieren.

Obwohl die Mutter, die als Ergotherapeutin arbeitet, ihren inzwischen neunjährigen Sohn früh förderte und mit ihm trainierte, seine Aufmerksamkeitsspanne zu steigern, kam die Ernüchterung in der Grundschule: Aus dem Zappelphilipp war ein in sich gekehrtes Kind geworden, das dem Unterricht nicht folgen konnte und aus dem Fenster sah. Am Ende der zweiten Klasse war er versetzungsgefährdet.

So wie dem Jungen geht es immer mehr Kindern und Jugendlichen im Landkreis Meißen. Nach Information der DAK-Gesundheit hatten im Jahr 2011 vier Prozent der Fünf- bis 14-Jährigen eine ADHS-Diagnose – im Vergleich zum Jahr 2008 ein Anstieg um 0,1 Prozentpunkte. Die Kasse beruft sich dabei auf repräsentative Daten aus dem Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung. Erstmals wurden darin ambulante Abrechnungsdaten aller gesetzlich Versicherten in Deutschland analysiert.

Bundesweit sollen demnach rund 325 000 Schüler an ADHS leiden. Im Kreis Meißen sind Jungen häufiger betroffen als Mädchen: 6,2 Prozent sollen krankhaft hyperaktiv sein, aber nur 1,8 Prozent der Mädchen. Die DAK mutmaßt, dass der Anstieg bei den Jungen auch durch falsche Diagnosen verursacht sein könnte. In Thüringen, Rheinland-Pfalz und Bayern werde die Störung häufiger diagnostiziert, in Stadtstaaten wie Hamburg und Bremen seltener. „Kinder sind in Großstädten sicher nicht ruhiger als auf dem Land“, sagt Robby Gräßler von der DAK-Gesundheit, „aber besonders zappelige Schüler fallen in kleinen Orten eher auf.“

Bei einer SZ-Umfrage auf Facebook gehen die Meinungen zu ADHS weit auseinander. „Das ist nur eine Erfindung, um mit Medikamenten wieder großes Geld zu machen!“, schreibt eine Frau. Eine andere schiebt es auf die Beschäftigung mit Spielekonsolen. Ein Mann ist sich sicher: „Es wird voreilig diagnostiziert.“ Auch Betroffene äußern sich: „Ich habe ein Kind mit einem stark ausgeprägten ADHS“, schreibt eine Nutzerin. „Man wird nur mit Vorurteilen überhäuft. Lehrer sind überfordert. Der Alltag ist schwer.“

Auch die Mutter aus Oschatz hat die Nase voll von Vorurteilen, wie sie auf Facebook zu lesen sind. Bei einer Kinderpsychologin in Wurzen ließ sie eine umfassende Diagnostik ihres Kindes machen. Die Ärztin lieferte schließlich eine verständliche Erklärung: Die Antennen, die jeder Mensch hat – für Geräusche, Gerüche, und so weiter – sind bei einem Kind mit ADHS ständig aktiviert. Der vorbeifahrende Bus oder das Rascheln einer Federmappe können einen solchen Schüler schon ablenken.

Lange hat sich die 30-Jährige gegen Medikamente für ihren Sohn gesträubt. Die Psychologin in Wurzen riet ihr jedoch dazu. In der Woche nimmt das Kind nun morgens Ritalin – und kann problemlos am Unterricht teilnehmen, der Notendurchschnitt ist viel besser. Ein bis zwei Jahre wird der Schüler nun mit Tabletten behandelt. Danach soll sich das Gehirn an die neuen Strukturen gewöhnt haben.

Einen Tabletten-Verschreibungswahn können die Daten der DAK nicht bestätigen, im Gegenteil: Ärzte verschreiben trotz steigender Diagnosezahlen weniger Medikamente. 2013 hatten 2,5 Prozent aller DAK-Versicherten zwischen fünf und 14 Jahren mindestens eine Verordnung. 2011 waren es noch 2,8 Prozent. Ursache könnten die strengeren Arzneimittelrichtlinien sein, mutmaßt die Kasse. Seit 2010 dürfen allein Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen die Medikamente verordnen.

Dass die Schuld für ADHS auch nicht unbedingt im Elternhaus zu suchen ist, beweist die Oschatzer Mutter: Ihr jüngerer Sohn sei „die Ruhe selbst“.