merken
PLUS

Vom Zuckerhut an die Elbe

Rund 700 Brasilianer leben derzeit in Sachsen. Zwei davon erzählen, warum sie hier sind und was sie hier dennoch vermissen.

© Ronald Bonß

Von Marco Henkel

Ein Blick auf die Uhr. Überpünktlich erscheinen Rodrigo Lins de Oliveira und Carolina Cadaval am Treffpunkt in der Dresdner Altstadt. „Pünktlichkeit haben wir in Deutschland als Erstes gelernt“, erzählt Rodrigo und lacht dabei.

Anzeige
Gesund und glücklich trotz Krise
Gesund und glücklich trotz Krise

Wie kommen wir glücklich und gesund durch diese Zeit? Diese und weitere Fragen beantwortet Manuel Eckardt in einer digitalen Veranstaltung der VRB Niederschlesien eG.

Seit etwa drei Jahren lebt das Paar in Deutschland, zwei davon in Dresden – rund 10.000 Kilometer von ihrer brasilianischen Heimatstadt Rio de Janeiro entfernt. Die Entscheidung nach Deutschland zu gehen, trafen die beiden eher spontan. Bereits 2009 hatte Carolina ein Auslandssemester an der Hochschule Dessau verbracht. Als sie zwei Jahre später die Möglichkeit bekam, dort auch ihren Master im Fach Design zu machen, kam sie zurück. „Die Qualität der Ausbildung hier ist einfach sehr gut. Und im Vergleich zu anderen europäischen Städten wie London ist der Lebensunterhalt in Deutschland sehr günstig“, begründet Carolina ihre Entscheidung. Auf ihren Freund Rodrigo musste sie hier zunächst acht Monate lang verzichten. So lange dauerte es, bis er sein Visum hatte. Auch er bekam schließlich einen Studienplatz hier. Im kommenden Jahr schließt er sein Studium in System Engineering an der TU Dresden ab. Nebenbei arbeitet er bereits als Projektmanager für eine Software-Firma. Dort hat auch Carolina nach ihrem Abschluss im Februar dieses Jahres eine Stelle gefunden.

Irgendwann, so die beiden, wollen sie wieder zurück an den Zuckerhut gehen. Wann das sein wird, wissen sie noch nicht. „Wir möchten dem deutschen Staat erst etwas dafür zurückgeben, dass wir hier kostenslos studieren konnten“, erzählen sie. Außerdem fühlen sich die beiden wohl in Dresden. Die Stadt habe die perfekte Größe und außerdem eine gute Mischung aus modernen und historischen Gebäuden. Gerade die Burgen und Schlösser in Sachsen gefallen den beiden sehr: „Wir waren schon dreimal auf der Festung Königsstein, weil es dort so schön ist“, erzählt Rodrigo. „Auch der Zwinger mit seinen Sammlungen ist einfach unglaublich. In Brasilien gibt es so alte Gebäude kaum.“

Seit elf Jahren sind die 25-Jährige und der 31-Jährige mittlerweile ein Paar. Zusammengezogen sind sie aber erst in Deutschland. „Brasilianer leben fast bis zum 30. Lebensjahr bei ihren Eltern, da die Mieten vergleichsweise hoch sind“, sagt Carolina. „Studenten wählen für das Studium deswegen auch meist eine Universität in der Heimatstadt. So etwas wie Bafög gibt es nicht.“ Doch das ist nicht der einzige Unterschied, der den beiden in ihrer neuen Heimat aufgefallen ist. Besonders der deutsche Nah- und Fernverkehr hat es den beiden angetan. „In Brasilien gibt es überhaupt keine Bahnverbindungen zwischen den Städten. Wenn Brasilianer von einer Stadt in eine andere wollen, müssen sie das Auto oder den Bus nehmen“, berichtet Rodrigo. „Wegen der großen Entfernungen manchmal sogar das Flugzeug.“ Auch innerhalb der Städte regiert in Brasilien oft das Verkehrschaos. „Ich brauchte immer zwei Stunden für den Weg zur Arbeit – pro Strecke, dabei waren es nur wenige Kilometer“, erzählt Rodrigo. Fahrrad fahren sei in Brasilien keine Alternative. „Viel zu gefährlich“. Während der WM wird das Verkehrsproblem kaum besser werden, vermuten die beiden. „Eigentlich wurde versprochen, dass auch in die Infrastruktur investiert wird. Aber eingehalten wurden diese Versprechen nicht.“ Nur die Stadien seien gebaut worden.

Die Städte werden grün-gelb

Deswegen unterstützen Rodrigo und Carolina auch die Demonstranten, die seit Monaten gegen die Fifa und die WM auf die Straße gehen. Gegen den Fußball an sich würden sich die Demonstrationen aber nicht richten, versichern sie. „Die Fifa sorgte sogar dafür, dass Gesetze in Brasilien geändert werden. Eigentlich gibt es zum Beispiel kein Bier in den Stadien. Aber Budweiser ist einer der Hauptsponsoren der WM.“

Trotzdem, da ist Rodrigo sich sicher, wird die WM ein schönes Fest werden. Schon seit Monaten schmücken Jugendliche Plätze und Straßen mit Fahnen und Farbe, haben sie von ihren Eltern in der Heimat erfahren. Das Geld dafür wurde zuvor bei Laden- und Barbesitzern gesammelt. Am Ende ist die ganze Stadt grün-gelb. An Spieltagen mit brasilianischer Beteiligung wird dann ohnehin Ausnahmezustand herrschen, ist sich Carolina sicher. Das sei bei den letzten Weltmeisterschaften nicht anders gewesen. „Um 12 Uhr haben dieses Jahr alle Feierabend. Wenn das Spiel beginnt, sind die sonst so verstopften Straßen leer gefegt, und bei Toren dröhnt der Jubel durch die ganze Stadt.“

In Deutschland, so finden die beiden, sei bis jetzt kaum echte WM-Stimmung zu spüren. „Man sieht kaum deutsche Fahnen auf der Straße. Aber das ändert sich vielleicht, wenn die Deutschen das erste Spiel haben“, glaubt Carolina. Bleibt noch eine Frage zu klären: Wer gewinnt die WM? „Deutschland, Brasilien oder Spanien“, tippt Rodrigo. „Wir drücken natürlich Brasilien die Daumen, aber wenn die Deutschen gewinnen, sind wir auch glücklich.“