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Vom Zugmesser bis zum Computer

Die Chemnitzer Satelliten der 4. Sächsischen Landesausstellung zeigen einheimische Technik als Wunder und als Wagnis.

Was es mit dem „EisenbahnBoom“ in Sachsen auf sich hat, erleben Besucher in Chemnitz-Hilbersdorf.
Was es mit dem „EisenbahnBoom“ in Sachsen auf sich hat, erleben Besucher in Chemnitz-Hilbersdorf. © Holger Stein

Von Uwe Salzbrenner

Experten haben in Chemnitz die fürstliche Wunderkammer neu entdeckt, die neben wissenschaftlichen Instrumenten einst Kunstwerke, seltene Naturalien, Objekte aus anderen Erdteilen und Kuriositäten in einem Kabinett zusammenführte, um sie zu klassifizieren. Im Industriemuseum nehmen Maschinen den Platz in den Vitrinen ein. Die Sonderschau anlässlich der 4. Sächsischen Landesausstellung demonstriert das Geschick der Einheimischen und erzählt eine ostdeutsche Geschichte des Maschinenbaus.

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Die fünf Klassen, denen man die Exponate hier zurechnet, heißen kernig „Industrie 0.5“ bis „Industrie 4.0“. Beginnend mit Geräten wie dem Zugmesser zur Holzbearbeitung, dem Laufrad und dem Wirkstuhl werden die Besucher über die Nutzung der Dampfkraft im 19. Jahrhundert und der Elektrizität im 20. Jahrhundert zu den Miniaturen elektronischer Steuerungen geführt, zu 3-D-Drucker in Hanglage, zu Roboter und Smartphone.

Steht der Mensch noch im Mittelpunkt?

Das Schöne am Wunderkammer-Effekt: Man betrachtet die Aggregate ästhetisch. Da kommt das Alte gut weg, ganz gleich, ob die Maschine Kartoffeln schält, pumpt oder hobelt. Vermutlich, weil man aus der Form gut auf die Funktion schließen kann. Und es zeigt sich, wie weit in spätere Zeiten eine einst erfundene Technologie reicht: Nutzen wir doch jetzt noch mechanische Uhren, haben Kühlschränke, hören Radio. Ältere Maschinen kann man heute wieder fit machen.

Attraktiv ist ebenso, dass die Besucher im Industriemuseum Maschinen als ausgelagerte Körperfunktionen zu verstehen lernen, bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts der Muskelkraft – und als größtmögliche Vereinfachung. Was ist Digitalisierung anders als die Nutzung zweier simpler Zustände, „Strom ist an“ und „Strom ist aus“? Hier zeigt sich ein Darstellungsproblem modernster Computertechnik: Die Algorithmen sind unsichtbar, der größte Teil der Technik ebenfalls. Laien können ihr Wirken nur an den Ergebnissen ablesen. Andererseits ist sie so bedienerfreundlich und offenkundig Antwort auf verborgene Wünsche, dass sie in alle Bereiche unseres Alltags eingedrungen ist. Die digitale Transformation verändert unsere Welt und uns gleich mit. Auf jeden Fall verändert sich die tägliche Arbeit. In der Ausstellung wird auf diesen Umwandlungsprozess mit viel Erklärungsaufwand eingegangen, mit Expertenurteil im Videoformat und künstlerischer Intervention. Ist doch noch herauszufinden, wie künftig Maschinen Datenwege so kurz bekommen, um in Echtzeit auf Veränderungen zu reagieren. Ist doch noch zu klären, welche Entscheidungen man Maschinen überlassen kann und welche nicht. Wie können wir gut mit ihnen zusammenarbeiten? Kurz gesagt: Steht der Mensch im Mittelpunkt der Entwicklung?

Vom Geschick der Rangierer

Im Eisenbahnmuseum in Chemnitz-Hilbersdorf stehen Rangierbahnhof und Lokschuppen im Mittelpunkt. Nicht als Sonderschau, sondern immer. Die Landesausstellung hat den zwei tragenden Vereinen Zaun und Wegenetz finanziert. Im ehemaligen Güterschuppen gibt es einen Überblick über das sächsische Eisenbahnnetz – einst das dichteste Europas – und die Chemnitzer Maschinenbaufirma Richard Hartmann, deren ukrainische Fabrik später die DDR mit Diesellokomotiven versorgte. Sonst sind die Wege so weit, dass eine Draisine Besucher zum „Showroom“ der Lokomotiven fährt, in Sachsen in der Dampflokzeit „Heizhaus“ genannt.

In der Lokleitung steht jetzt eine Fahrkartendruckerei. Und alle Technik ist museumswürdig. In der Ordnung des Industriemuseums gehörte sie in die Extraklasse „0.5/2.5“. Die 1930 gebaute Seilablauflage des ehemaligen Rangierbahnhofs hat es möglich gemacht, Güterzüge ohne Lokomotive zu trennen und zusammenzustellen. Die nötige Kraft lieferte eine Kombination aus Gleichstrom- und Wechselstrommotor. Sobald ein Zug den Ablaufberg erreichte, wurde er von der Lok ab- und an einen Seilwagen angekoppelt, Waggon für Waggon an vorbestimmten Punkten auf die Gleisharfe verteilt.

Wenn sich Kategorien vermischen

In Chemnitz waren das 3.600 Waggons pro Tag. Geleitet wurde dieser Ablauf vom Befehlsstellwerk 3. Das Schaltpult offenbart, dass auch hier Technik nicht bloß elektromechanisch gewesen ist und die Kategorien sich vermischen: Die Bedienknöpfe mit Leuchtanzeige tragen die Bezeichnungen „Ablauf ein“, „Steuergewalt aus“, „Zug locker aus“, zu verwenden in festgelegter Reihenfolge. Was ist das anderes als ein Programm, ein Algorithmus?

In Chemnitz-Hilbersdorf erklären Veteranen des 1996 stillgelegten Güterbahnhofs Besuchern dies persönlich. Es wird klar, dass das Geschick für die Rangierer vor allem darin bestanden hat, aufmerksam zu sein und nichts falsch zu machen. Die Ablaufmeister mussten alle fünf Stunden abgelöst werden. Die Arbeiter am Gleis hatten per Hand Weichen zu stellen und die ablaufenden Wagen ohne Schaden für die eigene Gesundheit zu verteilen. Das Werkzeug: eine Stange, um die Kupplung zu lösen, eine zweite, um den Hemmschuh zu setzen, die „Krücke“.

Die 4. Sächsische Landesausstellung ist bis zum 31. Dezember zu sehen.  

Industriemuseum Chemnitz, Zwickauer Str. 119; Öffnungszeiten: Di – Fr 9 –17 Uhr, Wochenende und Feiertage 10 – 17 Uhr.

Eisenbahnmuseum Chemnitz-Hilbersdorf, Frankenberger Str. 172, Do – So 10 – 17 Uhr

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