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Von der Front ins Arbeitslager

8. Mai. Die FreitalerSchülerin Nicole Jentsch wollte mehr wissen als imGeschichtsbuch steht und machte sich auf die Suche nach einem Zeitzeugen.

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Von Ina Tittel

Der Mai wird für mich immer ein wichtiger Monat bleiben“, sagt Karl-Heinz Schiefer. Im Mai 1945 geriet der damals 17-Jährige in russische Kriegsgefangenschaft, wurde nach Leningrad verschleppt. Vier Jahre verbrachte er fernab seiner Heimat, ohne Familie, ohne Freunde, in völliger Ungewissheit, ob er jemals nach Hause zurückkehren würde. Zuhause – das war für ihn sein Geburtsort Oelsa.

60 Jahre später erzählt der ehemalige Soldat über seine Erlebnisse. Sein Gegenüber ist Nicole Jentsch, eine Abiturientin aus Freital, die mehr erfahren wollte als im Geschichtsbuch steht. Die 18-Jährige hat ihre Gespräche mit dem Senior protokolliert und daraus eine Kurs-Abschlussarbeit für die Schule geschrieben.

„Karl hat sich mir gegenüber enorm geöffnet. Wir sind uns während der Gespräche so nahe gekommen, dass ich viele seiner Gefühle und Verhaltensweisen jetzt besser verstehe“, sagt Nicole Jentsch. Und der Rentner legt Wert auf die Feststellung: „Die Jugend muss sich mehr mit dem Thema Krieg befassen.“ Warum? Vielleicht damit sie zu dem selben Schluss kommt wie er: „Wenn du das erlebt hast, nimmst du kein Gewehr mehr in die Hand.“

Noch Anfang 1945 hätte Karl-Heinz Schiefers Leben eine andere Wendung nehmen können. Mit 17 Jahren unausgebildet an die polnische Front abkommandiert, wurde er am 13. Februar 1945 durch eine vor ihm explodierende russische Granate verletzt und vorerst nach Hause geschickt. „Die Bombardierung Dresdens in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 musste er von seinem Heimatort aus miterleben“, schreibt Nicole Jentsch. Ein Arzt schrieb ihn kurz darauf wieder „kriegsverwendbar“, und er kämpfte bis zur deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 in Österreich. Dort fiel er zunächst in die Hände der Amerikaner, wurde aber letztlich an die Russen ausgeliefert. Nach einem Marsch Richtung Prag wurden die Gefangenen über Odessa, Kursk und Orel in das Lager Krasnogorsk bei Moskau gebracht. 1946 ging es dann nach Leningrad. „Wie haben euch die Menschen in Leningrad empfangen?“, fragt Nicole Jentsch in ihrem Interview. „Sie waren den Deutschen natürlich nicht gerade freundlich gesonnen, und das war für uns auch verständlich. Wenn wir in der Kolonne durch Leningrad liefen, wollte keiner außen laufen, aus Angst, von einem sich rächen wollenden Zivilisten geschlagen zu werden.“

Untergebracht in einem sechsstöckigen Steinbau mit mehreren Schlafsälen über 30 bis 40 Mann, begann der Tag jeden Morgen um 6 Uhr. Von 8 bis 17 Uhr mussten die Kriegsgefangenen arbeiten, zwischendurch gab es eine halbe Stunde Mittagspause, in der meist vor Erschöpfung geschlafen wurde. „Die Männer wurden zum Be- und Entladen von Schiffen und Lkws, zum Bewässerungsgrabenbau in der Landwirtschaft, zur Arbeit in der Schwerindustrie, zu Malerarbeiten und vor allem zum Hausbau herangezogen.

Wenigstens habe man seine tägliche Nahrungsration bekommen – da erging es der Leningrader Bevölkerung oft schlechter als den Deutschen in den Lagern. 1947 gelang es Schiefer, ein Lebenszeichen an seine Familie zu senden. Er schrieb seine Adresse in die Rasierklingendose eines Soldaten, der wegen einer Dystrophieerkrankung nach Hause geschickt wurde. Dieser setzte sich schließlich mit Schiefers Eltern in Verbindung. Entlassen wurde der gebürtige Oelsaer erst zwei Jahre später.

„Meine Generation hat einfach alles, was man sich wünschen kann. Wir sind frei von Regimen, die uns eine Meinung aufzwingen wollen. Wir können in den Urlaub fahren, uns mit Freunden treffen, einkaufen gehen – und alles ohne größere Einschränkungen“, schreibt Nicole Jentsch im Fazit ihrer Arbeit. Sie hält es für wichtig, dass gerade an den Schulen über die NS-Zeit aufgeklärt wird. Diese Geschichte müsse erzählt werden, und schließlich „sind wir die letzte Generation, die noch selbst mit Zeitzeugen dieser Diktatur sprechen kann.“

„Nicole hat das sehr authentisch dargestellt, was uns damals geschehen ist“, sagt wiederum Karl-Heinz Schiefer. Diesem Urteil schloss sich auch Nicoles Geschichtelehrer am Freitaler Gymnasium an. Er benotete das Werk mit einer glatten Eins.