merken
PLUS

Von der Motorspritze ins Wahllokal

Günter Kuhn ist seit 70 Jahren Mitglied der Reinsdorfer Feuerwehr. Dafür bekam er das Ehrenkreuz verliehen.

Von Frank Korn

Als Günter Kuhn der Reinsdorfer Feuerwehr beigetreten ist, war noch Krieg. Im Frühjahr 1944 war das, ein paar Wochen vor seinem 16. Geburtstag. 70 Jahre ist er nun also Mitglied. Aus diesem Anlass überreichten ihm Wehrleiter Rainer Hempel und Stellvertreter Harald Günzel das „Ehrenkreuz für 70 Jahre treue Dienste“ des Landesfeuerwehrverbandes Sachsen.

Anzeige
Wundermittel Bewegung
Wundermittel Bewegung

Zu langes Sitzen erhöht das Risiko für Bluthochdruck. Bewegen und dabei sparen. Um mehr zu erfahren klicken Sie hier:

An seine Anfangszeit erinnert sich Günter Kuhn noch ganz genau. „Wir hatten damals eine Spritze vom Typ Selve. Deren Saugleitungen waren noch mit Normalgewinde versehen, heute hat man Bajonettverschlüsse.“ Bei der Feuerwehr absolvierte er noch eine Grundausbildung, ehe er Ende 1944 zur Wehrmacht eingezogen wurde. Und springt gleich in die Neuzeit. „Vor einem Jahr war ich im Krankenhaus wegen meiner Bauchspeicheldrüse. Der Arzt fragte, wann ich mit dem Rauchen angefangen habe. Als ich sagte, mit 16, fragte er, warum so zeitig. Ich antwortete, es war das Jahr 1944, es war Krieg und ich stand mit meiner Einheit im Osten. Da war Ruhe.“ Im Krieg habe ihm aber der „liebe Gott“ geholfen, dass er nicht in den Kampf ziehen musste. Günter Kuhn erkrankte an Scharlach und Diphterie. Er wurde 30 Kilometer nach hinten ins Krankenhaus verlegt. Das wurde später nach Spremberg evakuiert. Von dort durfte er Anfang April 1945 nach Hause. Gerade als er wieder die Einberufung bekommen hatte, tauchten die Amerikaner mit ihren Panzern am Dorfrand auf. „Damit hatte sich das für mich erledigt.“ Sehr zur Freude seines Vaters Erwin, der gesagt hatte: „Du bleibst zu Hause, ich bin froh, dass du wieder da bist.“

Nach dem Krieg machte Günter Kuhn natürlich wieder bei der Feuerwehr mit. Doch nicht alle, die wollten, durften mitwirken. „Einer war zum Beispiel bei der Wehrmacht Feldwebel gewesen, dem wurde die Mitgliedschaft bei der Feuerwehr verboten.“ Ein Ereignis aus dem Jahr 1950 hat Günter Kuhn noch deutlich vor Augen. „Wir waren bei der Bekämpfung eines Brandes bei Seidels, am gleichen Tag waren Wahlen. Ich wurde direkt von der Motorspritze weggeholt und ins Wahllokal geschleppt. Das nannte sich Wahl. Ich weiß nicht, was darauf stand. Die haben mir den Zettel in die Hand gedrückt und ich durfte ihn reinstecken.“

Im Jahr 1958 hat Günter Kuhn einen Schneidezahn eingebüßt. Die Spritze zog aus einem Teich Gras und Unkraut mit an. Das Sieb setzte sich zu. Als er es öffnete, flog ihm das Teil gegen den Mund. Nicht nur der Zahn war weg, sondern auch ein Loch in der Lippe. Im Waldheimer Krankenhaus, das gab es damals noch, wurde er von Doktor Lippert behandelt. Einmal hätten die Kameraden fast einen Einsatz verpasst. Der Probelauf der Sirene war immer Sonnabends 12 Uhr. An einem Ostersonnabend brannte eine Scheune. Die Sirene hat aber erst keiner für voll genommen, weil es gerade kurz vor 12 Uhr war. „Die Rauchwolken haben dann aber auch darauf hingewiesen, dass es brennt.“

Günter Kuhn arbeitete als KFZ-Schlosser bei der damaligen Firma Krafthand. Auch da war er bei der Betriebsfeuerwehr. „Wir sind auch einige Male ausgerückt“, sagt der 85-Jährige. Er erinnert sich noch gut an einen Brand in der Straße des Friedens in Hartha.

Die Namen der ehemaligen Wehrleiter sind Günter Kuhn noch geläufig. Kurt Schindler, Rudolf Petzold, Georg Koch, Herbert Grünheid. Bei Letzterem fungierte er als Stellvertreter. „Als Herberts Frau krank wurde, kam er zu mir und sagte, jetzt musst du weiter machen, das war Ende der 1970er Jahre.“ Etwa ein Jahrzehnt hatte er das Amt des Wehrleiters inne. Dann folgte Dietmar Goldammer. „Er wurde dazu verdonnert, sonst hätte er das Gewerbe nicht bekommen.“

Natürlich gab und gibt es für Günter Kuhn auch ein Leben neben der Feuerwehr. So hat er 62 Jahre lang im Männerchor Reinsdorf mitgesungen. 1952 heiratete er seine Frau Elsbeth. Beide haben zusammen zwei Töchter und zwei Söhne sowie acht Enkel und acht Urenkel. Aus dem aktiven Dienst bei der Feuerwehr ist Günter Kuhn 1995 mit dem Dienstgrad eines Unterbrandmeisters ausgeschieden. Das Geschehen in der Freiwilligen Feuerwehr Reinsdorf verfolgt er aber immer noch aufmerksam. Er freut sich, wenn die Kameraden vorbeischauen. Oder ihm solche feinen Auszeichnungen bringen.