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Von der MZ-Tafel bis zum Diplomatenschild

Frank Schulze aus Nardt hat über 150 Original-Kraftfahrzeug-Kennzeichen aus aller Welt zusammengetragen.

„Wenn man Vorkriegsdeutschland, Ostzone, Westzone, DDR, BRD und die Bundesländer der USA nicht mitzählt, habe ich Kennzeichentafeln von immerhin 56 Ländern dieser Welt zusammen getragen.“ – Frank Schulzes Sammlung hat ein „Deutsches Eck“ (lin
„Wenn man Vorkriegsdeutschland, Ostzone, Westzone, DDR, BRD und die Bundesländer der USA nicht mitzählt, habe ich Kennzeichentafeln von immerhin 56 Ländern dieser Welt zusammen getragen.“ – Frank Schulzes Sammlung hat ein „Deutsches Eck“ (lin © Foto: Uwe Jordan

Es war gewissermaßen ein schleichender Beginn: „Als 16-jähriger Bursche kaufte ich mir 1975 eine 150er MZ. Als ich mir mit 18 Jahren eine 250er ETS kaufte, die ich wiederum ein Jahr später gegen eine 250er 5-Gang-TS tauschte, hatte ich die alten Kennzeichen übrig, weil die eine Maschine in einen anderen Bezirk der DDR ging und die beiden 250er aus Bautzen stammten. So hatte ich plötzlich Motorradkennzeichen als «Souvenir» in meiner Studentenbude liegen“, schildert Frank Schulze, wie alles begann – freilich ohne dass er da schon wusste, DASS etwas begann.

Unansehnlich und rostig

Das sollte noch Zeit haben und mancherlei Umwege nehmen. Nach einem üblen Motorradunfall im Jahr 1980 hatte er erst einmal genug von den Zweirädern und kaufte sich seinen ersten Trabi – der am Kauftag bereits 14 Jahre alt war ... Im Zuge der fälligen Restaurierung der Pappe montierte er auch neue Kennzeichentafeln, weil die alten unansehnlich rostig waren. Da wurden für die Kennzeichen schon keine Plasteprägemarken mehr vergeben, Zeichen der jährlichen Sicherheits-Überprüfung, sondern kleine Sticker, mit welchen die Technische Überprüfung (heute AU/HU) am Fahrzeug sichtbar gemacht wurde.Etwas später kaufte Frank Schulze im Industriegelände Hoyerswerda eine Garage und alle Schilder, die bis dahin in einem alten Koffer lagen, wurden dekomäßig von innen ans Garagentor genagelt.1990, nach der Wende, gab es die Pflicht zum systematischen Umkennzeichnen aller Kraftfahrzeuge. So wurden die DDR-Bezirkskennungen wie „Z“ für Cottbus oder „Y“ und „R“ für Dresden durch Kürzel für Städte, Landkreise oder Großräume ersetzt. DDR-Sonderkennzeichen, etwa der Nationalen Volksarmee (VA) oder der Volkspolizei (VP), natürlich auch Diplomatenkennzeichen der DDR wurden über Nacht als Sammelobjekte interessant. „Es war abzusehen, dass diese in Kürze – für immer – nicht mehr zu sehen sein würden. Ich tat, was getan werden musste – ich rettete hier und da solche Tafeln“, schildert Frank Schulze den zweiten Impuls seiner Sammelleidenschaft in Wendzeiten.

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Eins aus jedem Bundesstaat

Bei einer Amerika-Reise 1995 gab es den nächsten großen Sammel-Kick. Spontan kam die Idee, von jedem Bundesland, das befahren wurde, eine Kennzeichentafel fürs Garagentor zu organisieren. Das war recht einfach, weil kein Autohändler Alt-Autos entsorgte: Schrott-Autos standen auf Hinterhöfen oder vor der Werkstatt seit Jahren herum, mitunter auch seit vielen Jahren „in der Prärie“. So ein Schild kostete eigentlich nur höfliches Fragen und/oder fünf Minuten Arbeit. Die Amis ändern in jedem Bundesland das Design ihrer Tafeln fast jährlich, aber fast immer bleibt ein Teilmotiv der Tafel erhalten: in Wyoming der Rodeo-Reiter, in Colorado eine Bergkette, in Utah mitunter Ski-Fahrer, in New Mexico Sonne und Palme, in South Dakota die Mount-Rushmore-Köpfe, in South Carolina bunte Vögel, in Oregon eine Pferdekutsche, in Hawaii ein Regenbogen ...„Bei allen Urlaubsreisen in den Folgejahren gelang es mir, meine Kollektion zu vergrößern: Dänemark, Schweden, Norwegen, Frankreich, Großbritannien, Spanien, Belgien, den Niederlanden, Neuseeland ... Freunde, die Eltern, mein Bruder und unsere Kinder brachten Tafeln aus Australien, Mallorca, Gran Canaria, Teneriffa, Sri Lanka, Kuba, Israel, Türkei, Ägypten, Tunesien, Brasilien, Kanada oder Marokko mit.“

Seltenes und „Sorgenkinder“

Das war relativ unproblematisch. Sehr viel Mühe mehr bereitete hingegen die Beschaffung von Sonderkennzeichen aus Deutschland: rote Händlerkennzeichen (06er), rote Oldtimer-Kennzeichen (07er), Tageszulassungen, grüne Kennzeichen, Oldtimerkennzeichen (mit einem H am Ende), Behörden-Kennzeichen. Neuerdings gibt es auch Kennzeichen, die auf Elektro-Autos deuten lassen. „Mit erheblichem Aufwand konnte ich Tafeln von der Deutschen Post/Bundespost (BP), von der Bundeswasser- und Schiffsverwaltung (BW), der Deutschen Bahn (DB), alte Zollkennzeichen (oval) und vom Bundestag/Bundesrat (BD) organisieren.“ Heute hat die Post meist Kennzeichen von BN für Bonn an ihren Fahrzeugen. Sehr schwierig war das Beschaffen von Tafeln aus der Schweiz, von Österreich oder Italien. Die Behörden betrachten Kennzeichen als eine Art Urkunde, es gibt mitunter Kombinationen, die der Besitzer sein Führerscheinleben lang nutzt. Doch auch hier half Freund Zufall: „2004 hatte ich zehn Tage dienstlich im Kosovo zu tun. Um Pristina herum gab es geschätzt 40 Autoschrottplätze. Der Hammer! Hier konnte ich für zwei, drei Päckchen Zigaretten Kennzeichen aus der Schweiz, Österreich und Alt-Jugoslawien für meine Sammlung retten.“Mit den EU-Kennzeichen endete die Zeit, da man an einem Auto schon von Weitem erkannte, ob es aus Polen (schwarz), Belgien (rot), Frankreich (schwarz), Holland (gelb) oder England (beige) kam; vorbei die Zeiten, da Kfz.-Kennzeichen aus Aluminium gegossen waren (wie in Großbritannien oder Rumänien) oder auf Tafeln vorgefertigte Buchstaben in einen Rahmen geschoben wurden (wie in Schweden).

Von 10,20 bis sieben Millionen Euro

Wunschkennzeichen oder Sinnkombinationen sind verbreitet. Manch Fahrzeugbesitzer ist stolz, wenn die Initialen seines Namens oder die seiner Herzdame aufs Kennzeichen geprägt sind. „Als ehemaliger Hoyerswerd’scher haben meine Motorräder nach dem «HY» ein «FS» platziert, und weil ich flink war, konnte ich über die Zeit die Ziffern 1, 2 und 3 ordern. Kostenpflichtig.“ Aber was sind schon die 10,20 Euro (zuzüglich 2,60 Euro für die vorherige Reservierung im Internet oder per Telefon) gegen die Summen, die bei Versteigerungen von Kennzeichen in England erzielt werden: so die 440.000 Pfund (ca. 480.000 Euro), die sich Afzal Khan aus Bradford das „F1“ für seinen Mercedes SLR McLaren kosten ließ – oder gar erst die 7 Millionen englische Pfund (7,68 Mio Euro), die Saeed Abdul Ghaffar Khouri aus Abu Dhabi für das Schild mit der schlichten, aber unübertrefflichen Nummer „1“ auf den Tisch legte ...

Fernweh an der Alaska-Tafel

Zurück zur Schulze’schen Sammlung: Was nicht an die Wand oder die Tore der Garage passte oder doppelt war, wurde in Koffer verpackt und wartete auf bessere Zeiten. „Als wir uns 2004 ein Häuschen in Nardt kauften, kam der große Knall. In unserem vollunterkellertem Haus annektierte ich komplett das Kellergeschoss. Auf weißen Kunststoffplatten, sortiert nach geografischen Regionen, brachte ich edle Stücke an. Die Tafeln lassen sich von den Wänden abnehmen und somit auch mal vorübergehend verleihen.“ Auf Anfrage gestaltete Schulze mal in einem Reisebüro ein Schaufenster. Denn die Schilder vermitteln bei genüsslicher Betrachtung eine Menge Fernweh. „Ich beobachtete ein junges Mädchen, das mit seinen zarten Fingern über eine Licence-Plate von Alaska strich. Was sie wohl gedacht haben mag?“ (frs/JJ)

Ein Hinweis zum Schluss: Wenn man ein Kennzeichen, etwa auf einer Landstraße, findet, sollte man versuchen, es dem Besitzer zurückzugeben. (Zulassungsstelle oder Polizei helfen). Der Besitzer des Kennzeichens müsste sonst sein Fahrzeug aufwendig und teuer umkennzeichnen.

Ein Museum für Nummernschilder und Zulassungsgeschichte gibt es in Großolbersdorf (Sachsen): Schilder aus 170 Ländern: www.nummernschildmuseum.de

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