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Wie geht's, Brüder

Wo ist hier die Stahlstadt?

Das slowakische Kosice war 2013 Kulturhauptstadt Europas. Doch hat sich  der Aufwand langfristig gelohnt? Aus der Serie "Wie geht's, Brüder?"

Der Dom prägt den linsenförmigen Hauptplatz von Kosice.
Der Dom prägt den linsenförmigen Hauptplatz von Kosice. © Matthias Schumann

Vor den Stadttoren von Kosice liegen die ausgedehnten Stahlwerke, sie gehören dem Stahlgiganten US-Steel und sind nach den VW-Fabriken in Bratislava der zweitgrößte Arbeitgeber der Slowakei: 10.000 Arbeitsplätze. Schon bei der Einfahrt in die Stadt ist davon nichts mehr zu spüren. Kurz bevor die ausgedehnte Altstadt erreicht ist, gibt es regen Straßenbahnverkehr, der im großen Bogen um die City herumgeführt wird. Und einige Parkhäuser, denn in die Altstadt kommt man nur zu Fuß.

Es ist schon keine Überraschung mehr, dass die Stadtväter mit Hilfe der Europäischen Union viel Geld in die Hand genommen haben, um vor allem die etwa einen Kilometer lange Hauptmagistrale in Schuss zu bringen. Nahezu jedes Haus aller Größen, aber auch Kirchen und städtische Einrichtungen leuchten in hellen Farben. 

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Das konnten wir erwarten, nach dem Kosice 2013 Europas Kulturhauptstadt war - eine Stadt mit dem Ruf wie Eisenhüttenstadt oder Magnitogorsk. Aber gerade jetzt, wo sich aktuell Dresden, Chemnitz und Zittau um diesen Titel bewerben, steht die Frage: Lohnt der Aufwand auch langfristig?

Beim Stadtbummel an einem Sonnabend hat Kosice - mit 242.000 Einwohnern genauso groß wie Chemnitz - zwei Überraschungen zu bieten. Die Erste: In der Stahlstadt ist jede Menge Leben, die Cafés im Freien sind gut gefüllt, gepflegte kleine Parks, an jedem Eingang der Hauptkirche steht ein Brautpaar und wartet mit der ganzen Hochzeitgesellschaft ungeduldig auf die Trauung. Familien schlecken Eis und bummeln an den Schaufenstern entlang, dazwischen zahlreiche Touristen, die es früher hier so gut wie gar nicht gab.

Überraschung zwei: Die Kultur lebt weiter. Auf einer Bühne werden den ganzen Tag slowakische Volkstänze aufgeführt. Einige hundert Meter weiter gibt es im Schatten einer großen Kirche ein Drehorgel-Festival, ziemlich originell. Das Stadttheater präsentiert ein anspruchsvolles Programm, im Kino gib es ein „Art-Film-Festival“. 

Hinter der Altstadt lockt ein Experimentiermuseum Kinder und Jugendliche an, in einer alten Kaserne werden Multimediashows präsentiert. Es gibt neue Ausstellungshallen und Bibliotheken, Co-Working-Plätze in sanierten Fabrikgebäuden. Für die sächsischen Bewerber um den Kulturhauptstadttitel durchaus eine Reise wert.

Weitere Beiträge aus der Serie

Matthias Schumann, Fotograf für die SZ und in vielen Krisenländern mit der Kamera unterwegs, und Autor Olaf Kittel wollten wissen, wie es heute, 30 Jahre nach dem Umbruch, in den einstigen „Bruderländern“ aussieht. Alle Beiträge aus der Serie "Wie geht's, Brüder?" finden Sie unter folgendem Link:

WIE GEHT'S, BRÜDER?

Ost-Tour-Reporter laden Leser ein: Zum Abschluss der großen Serie „Wie geht`s, Brüder?“ lädt die Sächsische Zeitung am 20. August um 19 Uhr zu einem Leserforum in den Kongresssaal im Dresdner Haus der Presse ein. Reporter Olaf Kittel und Fotograf Matthias Schumann berichten über ihre Erlebnisse, zeigen viele noch unveröffentlichte Fotos und beantworten Leserfragen. Die Veranstaltung wird gemeinsam mit dem Forum für zeitgenössische Fotografie Dresden veranstaltet. Der Eintritt ist frei.