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Von der Streuobstwiese in die Flasche

Auf einem alten Dreiseithof in Freital-Birkigt hat eine Brennerei eröffnet – mit einem sächsischen Novum.

Von Tobias Winzer
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Kathrin Augustin und Holger Stein haben einen alten Pferdestall zur Brennerei umgebaut. Die Destillationsanlage wurde im schwäbischen Eislingen angefertigt.
Kathrin Augustin und Holger Stein haben einen alten Pferdestall zur Brennerei umgebaut. Die Destillationsanlage wurde im schwäbischen Eislingen angefertigt. © Andreas Weihs

Durch die kleinen Bullaugen der Anlage ist es gut nachzuverfolgen – wie aus einem Obstbrei, der Maische, Hochprozentiges wird. Im rechten Kessel wird die Maische aufgekocht. Das Kondensat wandert dann über ein Rohr nach links, kühlt ab und wird in drei Stufen noch einmal kondensiert. Aus einem kleinen Hahn rinnt dann 85-prozentiger Alkohol, der verdünnt einen edlen Brand ergibt.

„Wir machen nicht Masse, nur Klasse“, sagt Holger Stein und schaut auf seinen Destillationsapparat. Zusammen mit seiner Familie bewirtschaftet er einen alten Dreiseithof an der Gitterseer Straße in Freital- Birkigt. Mit einem Hoffest haben er und seine Frau, Kathrin Augustin, am Sonnabend die Brennerei offiziell eröffnet. Ein alter Pferdestall wurde dafür in den vergangenen drei Jahren Stück für Stück umgebaut. Dass es nun neben der Brennerei von Sandos Schubert am Hartmannsberg und der Weißeritztaler Feinbrennerei von Jörg Straßberger in Somsdorf die dritte Brennerei in Freital gibt, machte erst eine Gesetzesänderung möglich.

Bereits seit 15 Jahren lässt Holger Stein einen Teil des Ertrags seiner drei Hektar Streuobstwiesen zu Bränden verarbeiten – bislang allerdings beauftrage er dafür eine andere Brennerei, weil er selbst keine Anlage hatte. Er bildete sich jedoch selbst als Brenner fort, machte sogar eine Ausbildung an einer Universität.


20 verschiedene Sorten hat Holger Stein über die Jahre entwickelt.
20 verschiedene Sorten hat Holger Stein über die Jahre entwickelt. © Andreas Weihs

Anfang dieses Jahres sorgte dann eine Steuerreform dafür, dass sich nicht nur im Süden Deutschlands, sondern bundesweit sogenannte Abfindungsbrennereien gründen dürfen. Im Unterschied zur bislang üblichen Verschlussbrennerei müssen dabei die Destillationsanlagen nicht für den Zoll verplombt werden. Als kleine Einschränkung dürfen jedoch nur 300 Liter reiner Alkohol pro Jahr produziert werden. Für einen Brenner wie Holger Stein, der sich auf kleine Mengen spezialisieren und ständig Zugriff auf die Anlage haben will, perfekt. Im schwäbischen Eislingen fand er ein Unternehmen für den Bau der gewünschten Destillationsanlage und ließ sich für seine Brennerei ein Unikat herstellen. Das alles ging so schnell, dass sich in Freital-Birkigt nun die erste Abfindungsbrennerei in ganz Sachsen befindet.

20 verschiedene Sorten hat Holger Stein über die Jahre entwickelt – vom Kasachischen Wildapfel, über die Königin-Victoria-Pflaume bis hin zum Calva, einem im Holzfass gereiften Apfelbrand, und dem Weißgeist – der Birkigter Version eines Gins, wie Holger Stein betont. Von manchen Bränden, wie einem Mispelbrand, stellt Holger Stein gerade einmal 20 Flaschen her. „Wir wollen hier den heimischen Früchten nachspüren“, sagt er.

Der Birkigter, der den Hof in der vierten Generation bewirtschaftet und auch als Fotograf arbeitet, ist sichtlich stolz darauf, will ansonsten aber bewusst nicht zu viel Aufmerksamkeit. Feste Öffnungszeiten der Brennerei wird es nicht geben, auch keine Internetseite oder eine telefonische Bestell-Hotline. Verkauft wird nur zu den regelmäßig auf dem Hof stattfindenden Festen – das nächste findet bereits am 22. Dezember statt.

Hof Stein, Gitterseer Straße 44, Freital-Birkigt; am Sonnabend, 22. Dezember, ist der Hof von 11 bis 17 Uhr geöffnet