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Von der Weide in den Tod

Unglück. Ein Zug fährt bei Pfaffendorf in eine Herde Schafe. 60 Tiere sterben, der Triebwagen ist kaputt.

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Von Ralph Schermann

Die Regionalbahn mit der Nummer 17 622 fuhr gestern auf die Sekunde pünktlich ab. Exakt 7.05 Uhr setzte sich im Bahnhof Görlitz der rote Triebzug in Bewegung. Doch sein Ziel, die Ankunft 8.43 Uhr in Dresden, erreichte er nicht. Nur sieben Minuten nach der Abfahrt kam ein mehrstündiger Halt. Er kam unerwartet und ziemlich ruckartig.

Auch Willi Xylander saß im Zug. Der Leiter des Görlitzer Naturkundemuseums wollte dienstlich nach Leipzig und hatte sich kaum in den ersten Artikel der Morgenzeitung vertieft, als auch ihn der Ruck erwischte. Ironie des Schicksals, dass der ungewollte Halt auch mit Natur zu tun hatte: Die Regionalbahn war in eine Schafherde gefahren.

7.12 Uhr meldete der Lokführer den Vorfall seiner Leitstelle. Im Waggon gab es keine Verletzten, allerdings erlitt kurz vor dem Zusammenstoß ein Reisender eine leichte Herzattacke. Als Ort wurde „Kilometer 6,3“ notiert, was eine Stelle zwischen Schlauroth und Pfaffendorf bezeichnet. Dort kennt jeder Anwohner die Herde, die einem Nachbarn des Lindenhofes gehört. Auch gestern grasten die 289 Tiere in einem mit Netz- und Elektrozaun abgegrenzten Areal, und es ist noch unklar, wie sie aus diesem heraus auf die Eisenbahngleise gelangten. Die Ursache herauszufinden dürfte für den Ermittlungsdienst der Görlitzer Bundespolizei und den schwer schockierten Schafhalter E. nicht leicht werden.

Lange Wartezeit im Zug

Der Triebwagen erfasste eine größere Gruppe der Herde und schleifte viele Tiere einige Meter mit. Vor Ort ließen die ineinander verknäulten Schafe zunächst nur eine Schätzung zu. Die Ermittler gingen von rund 60 Tieren aus, die die zuständige Tierkörperbeseitigungsanstalt aus der Nähe von Großenhain gegen 14.30 Uhr abholte.

Die Masse der Tiere sorgte beim Triebwagen dafür, dass Motorteile und Teile des Fahrgestells deformiert wurden. An eine Weiterfahrt war auch dann nicht zu denken, als Feuerwehrleute der Freiwilligen Wehren aus Markersdorf, Gersdorf und Pfaffendorf die Gleise freigeräumt hatten, bestätigte Karin Schwelgin von der Deutschen Bahn. Während nachfolgende Züge mit Bus-Ersatz zwischen Reichenbach und Görlitz abgefangen wurden, saßen die rund 30 Reisenden des Frühzuges auf freier Strecke fest. Nicht alle hatten genügend Lesestoff dabei wie Willi Xylander, der es freilich auch verständlich fand, dass spätestens um 9 Uhr die ersten Fahrgäste immer gereizter reagierten. Schließlich schickte die Deutsche Bahn AG noch eine weitere Stunde später aus Löbau einen Leerzug auf dem zweiten Gleis, in den die Görlitzer dann endlich umsteigen konnten. Viele kritisierten diese lange Wartezeit. Insgesamt war der Streckenabschnitt bis gegen 11 Uhr voll gesperrt.

Auch Mutterschafe betroffen

Über den Wert der Schafe konnten gestern noch keine Angaben getroffen werden. Die an der Unfallstelle eingesetzte amtliche Tierärztin Sandra Keil stellte fest, dass sich unter den toten Tieren mehrere Mutterschafe befanden. Schafhalter erzielen ihre Erlöse vor allem vom Verkauf der Lämmer, und diese Ablammzeit kommt jetzt langsam heran. Einige schwer verletzte Tiere wurden eingeschläfert. Die überlebenden Schafe standen wegen der ungewohnten Situation stark unter Stress. Einige zitterten, die meisten wirkten ermattet. Die Schaulustigen dagegen nicht. Die erschienen bald in Scharen.