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Dresden

Von Freud und Leid mit kleinen Büchern

In seiner Drei-Zimmer-Wohnung beherbergt Walter Staufenbiel eine der größten Privatsammlungen der Welt.

Eine Wohnung wie eine Mäuse-Bibliothek: Rund 14.000 Miniatur-Bücher aus aller Welt hält Walter Staufenbiel in seinen Vitrinen in Ehren.
Eine Wohnung wie eine Mäuse-Bibliothek: Rund 14.000 Miniatur-Bücher aus aller Welt hält Walter Staufenbiel in seinen Vitrinen in Ehren. © René Meinig

Nur ein Moment der Unachtsamkeit und schon ist es passiert. Das Buch fällt hinunter auf den Teppich – und die Sucherei beginnt. Mit einer Größe von 2,4 mal 2,9 Millimeter war das „Bilder-ABC“ bei seinem Erscheinen in den 60ern mal das kleinste Buch der DDR. Wahrscheinlich sogar der Welt. Inzwischen gibt es vermutlich irgendwo in Asien noch kleinere. „Diesen verrückten Wettlauf habe ich aber nicht mitgemacht“, sagt Walter Staufenbiel. Dennoch hat sein allerkleinstes Exemplar einen gut sichtbaren Ehrenplatz in der Vitrine bekommen.

Den 73-Jährigen einfach als Sammler zu bezeichnen wäre eine gewaltige Untertreibung. Dieser Mann lebt für seine Miniaturbücher. Etwa 14 000 Stück hat er mit zunächst moralischer und später aktiver Unterstützung seiner Frau Elke in mehr als 40 Jahren zusammengetragen. Und er will sie alle um sich haben. Jeden Tag.

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Die Drei-Raum-Wohnung in einem DDR-Plattenbau in Johannstadt ist daher mit der Zeit zu einem wahren Museum geworden. Wohin man hier drin auch schaut: Überall stehen Bücher, akkurat aneinandergereiht. Mini-Romane, Bildbände, Kalender, Atlanten, Kochbücher und Erotik. Sogar eine kleine Sächsische Zeitung. Außerdem hat scheinbar jedes Land der Erde seinen eigenen Bereich. Einige der Buchdeckel bestehen aus Leinen, andere aus Leder oder Metall. In Staufenbiels „Schatzkammer“ steht auch eine Bibel aus dem Jahr 1705. Allein die wird heute für 400 Euro gehandelt.

Ein gut erhaltenes Büchlein mit Bibeltexten aus dem Jahr 1705 gehört zu den besonderen Schätzen der Sammlung. An
Rekordjagden war Staufenbiel aber nie interessiert.
Ein gut erhaltenes Büchlein mit Bibeltexten aus dem Jahr 1705 gehört zu den besonderen Schätzen der Sammlung. An Rekordjagden war Staufenbiel aber nie interessiert. © René Meinig

Am Anfang stand ein Basar

Es gibt nichts, was es nicht gibt. Öffnet man einen „Götz von Berlichingen“, schaut einem allerdings nur ein blanker Hintern entgegen. Auch bei einem ernsten Hobby ist Spaß erlaubt. Neben der Toilette hängen Klo-Sprüche zur Lektüre. Zwischen den Büchern sind dekorativ immer wieder kleine Eulen zu sehen. Die hat er auch mal gesammelt, bis seine Bekannten und Verwandten anfingen, ihm Kitsch zu schenken.

Wenn in der Wohnung mal wieder Staubwischen angesagt ist, dann brauchen sich Elke und Walter ein paar Tage nichts anderes vorzunehmen. Aber insgeheim freut er sich ja, wenn es seine Lieblinge mal wieder in den Händen halten kann. Am liebsten würde Walter Staufenbiel auch jetzt jedes einzelne Buch herausholen und wortreich vorstellen. Wenn ihn überhaupt jemand bremsen kann, dann nur seine Frau. Manchmal. „Wenn ich jemanden entzünden will, dann muss ich selbst brennen“, sagt er. Und wie er brennt.

Dabei stand am Beginn seiner Sammelleidenschaft wie so oft ein Zufall. Der gelernte Vermesser zog 1967 aus Sachsen-Anhalt nach Dresden und wurde Gewerkschaftsfunktionär. Bei einem Bummel über einen Basar auf der heutige Cockerwiese entdeckte er 1974 ein kleines Büchlein, dass sich in französischer Sprache mit dem Sport in der DDR beschäftigte. Er nahm es mit und bemerkte wenig später, dass diese Miniaturbücher eine wachsende Fangemeinde haben. Schon bald zählte er selbst dazu. Alles, was kleiner als zehn mal zehn Zentimeter war und aus gebundenen Seiten bestand, musste er haben. „Das würde ich heute nie wieder machen“, gesteht er. Ohne Spezialgebiet konnte er dem eigenen Anspruch, jede Neuerscheinung haben zu wollen, nie gerecht werden.

Geburtstag? Weihnachten? Die Überraschung war stets nur der Titel des Buches. Es gab Zeiten, da war Walter Staufenbiel für zwei Tage zu nichts mehr zu gebrauchen, wenn er auf Ebay mal das Ende einer Auktion verpasst hatte. „Inzwischen bin ich ruhiger geworden“, sagt er. Platz ist sowieso keiner mehr da.

Da liegt auch daran, dass Elke nach der Wende selbst anfing, die Sammlung zu vergrößern. Ihr Gebiet: Kinderbücher im Miniaturformat. Vom Struwwelpeter als Puppenstubenbuch bis zur Pixi-Reihe mit allein knapp 2 000 Exemplaren hat auch sie allerhand zusammengetragen.

Nur wenige Millimeter misst dieses Exemplar aus DDR-Zeiten, das einst als kleinstes Buch der Welt galt.
Nur wenige Millimeter misst dieses Exemplar aus DDR-Zeiten, das einst als kleinstes Buch der Welt galt. © René Meinig

„Manchmal könnte ich heulen“

Über die Jahre werden sie schon Geldbeträge im Wert mehrerer Kleinwagen in ihre Bücher investiert haben. Über ihre Ausgaben Buch geführt haben sie nie. Manchmal fragen sie sich, ob sie nicht einfach aufhören sollten. Und dann fällt ihnen wieder ein: „Wir leben jetzt, Wir rauchen nicht und wir trinken nicht“, wie Walter Staufenbiel sagt. „Wir erfreuen uns einfach an unseren Büchern.“

Seit zehn Jahren ist er der Vorsitzende des bundesweiten Sammlerkreises Miniaturbuch mit Sitz in Stuttgart. Viermal im Jahr gibt er ein handgemachtes Journal heraus – allerdings im A4-Format. Sonst würde zu wenig reinpassen. Mit seinen 73 Jahren gehört er im Verein noch zur Jugend. Viele andere Gruppen im Land haben sich schon aufgelöst. Das Miniaturbuch würde es mal schwer haben.

Was nach ihnen mal aus der Sammlung in der Pfotenhauer Straße wird, daran können oder besser wollen Elke und Walter Staufenbiel noch nicht denken. In Geld sei der Wert schon lange nicht mehr zu beziffern. Den Staufenbiels geht es vor allem darum, das Kulturgut Miniaturbuch zu bewahren. Das ist in diesen Tagen schwer genug. „Manchmal könnte ich heulen, wenn ich sehe, wie wenig Wertschätzung dem Gebiet in der Wissenschaft entgegengebracht wird“, sagt er. Würde heute eine Bibliothek, nah oder fern, ernsthaftes Interesse zeigen und ihm zusichern, dass die Sammlung nicht in irgendwelchen Kartons im Keller landet – er würde sofort anfangen, zu packen. „Die Tränen am Abend würde dann ja keiner sehen.“

Mehr Infos zum Büchersammler-Verein: www.miniaturbuch.de

Auf einer Fingerspitze wirkt das kleinste Buch gleich noch viel kleiner.
Auf einer Fingerspitze wirkt das kleinste Buch gleich noch viel kleiner. © René Meinig

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