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Von Goethe gehasst

August Gottlieb Meißner gilt als Erfinder des modernen Krimis. Geboren wurde er in Bautzen.

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Von Miriam Schönbach

Bautzen. Heute würde man ihn wohl in einem Atemzug mit Martin Suter, Simon Beckett oder Henning Mankell nennen. Ihre Lektüre verspricht den Lesern Gänsehaut pur. Ihre Werke stehen in zahlreichen Bücherregalen – wie im 18 Jahrhundert die Schriften von August Gottlieb Meißner (1753 - 1807). Damals sorgte er für Lese-nachschub bei den Fans von Spannung. Seine Bücher mit Titeln wie „Mord aus Schwärmerey“ oder „Blutschänder, Feueranleger und Mörder zugleich“ waren echte Bestseller. In die Nachschlagewerke seiner Zeit ging der Frauenschwarm als Erfinder der Kriminalerzählung ein.

Vor 210 Jahren stirbt der gebürtige Bautzener am 18. Februar 1807 im hessischen Fulda. Seine ersten Lebensjahre aber verbringt der kleine August Gottlieb Meißner an der Spree. Sein Vater Abraham Gottlieb Meißner ist ein angesehener Bürger der Stadt. Als Quartiermeister des Minckwitzischen Kürassierregiments kümmert er sich um die Versorgung der berittenen Einheit. Später wird er als Ratsmitglied Senator für Militärangelegenheiten.

Zurück in die Vaterstadt

Das ist eine wichtige Funktion. Nur drei Jahre nach der Geburt August Gottliebs beginnt mit dem Einmarsch der Preußen in Kursachsen am 29. August 1756 der Siebenjährige Krieg. Am 15. November desselben Jahres beziehen preußische Regimente in Bautzen ihr Winterquartier. Aus der Ferne wird wohl der Sprössling der Familie die Schlacht bei Hochkirch 1758 miterlebt haben. In der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober überraschen die österreichischen Truppen dort die preußische Armee unter der Führung Friedrich II. Es sterben knapp 17 000 Soldaten im gegnerischen Kugelhagel. Als der Friedensvertrag zwischen Österreich, Brandenburg-Preußen und Kursachsen im Februar 1763 unterzeichnet wird, ist der Vater schon zwei Jahre tot.

Aus diesem Grund zieht die Mutter Charlotte Ernestine, eine Tochter des Löbauer Arztes Johann Gottlob Sergnitz, wieder in ihre Vaterstadt. August Gottlieb Meißner wächst ohne Geschwister auf. Zwischen 1764 und 1772 besucht er das Lyzeum. Die Schule wird von Johann Gottfried Heinitz geführt. Zu seinen berühmten Schülern zählt Gotthold Ephraim Lessing. Ihn lernt er an der städtischen Lateinschule in Kamenz kennen. Im Jahr, als Meißner die Schule verlässt, feiert das berühmte Trauerspiel des Aufklärers, Emilia Galotti, am Herzoglichen Opernhaus in Braunschweig seine Premiere. Auch sonst hat sich der Dichter schon einen Namen gemacht. Man kann mutmaßen, dass sein alter Lehrer manchmal über ihn erzählte.

Förderer erkennen Talent

Auch August Gottlieb Meißner zieht Literatur magisch an. Allerdings drängt seine Mutter darauf, dass er etwas Vernünftiges studiert. Der Oberlausitzer entscheidet sich für Rechtswissenschaften. Er schreibt sich 1773 an der Universität in Wittenberg und Leipzig ein. Schon während seiner Zeit an der Pleiße begeistert er sich für Theater und Dichtung. Zu seinen Freunden gehörten die berühmten Schauspieler Conrad Ekhof, Friedrike Sophie Seyler und Ester Charlotte Brandes. Ekhof und Lessing waren übrigens zeitgleich 1767 am neu gegründeten Hamburger Nationaltheater – als Schauspieler und Dramaturg.

Bei diesen großen Vorbildern begann Meißner in der Studierstube mit kleinen literarischen Arbeiten. Doch Förderer erkennen sein Talent. Aus dem Jahr 1776 stammen seine ersten bekannten Werke, so das Gedicht „Murat und Friederike“ und die komische Oper „Das Grab des Mufti“. Außerdem schreibt er für die Literaturzeitschrift „Neue Unterhaltungen“. Doch er traut seiner Leidenschaft nicht. Stattdessen heuert er als Geheimer Kanzellist, zuerst im Geheimen Konsilium, der höchsten Regierungsbehörde nach dem Kabinett, dann am Geheimen Archiv in Dresden, an.

Der Beruf finanziert ihm seine literarischen Streifzüge. Mit einem Freund gibt er die Quartalsschrift „Für ältere Litteratur und neuere Lectüre“ heraus. Parallel verfasst er Nachdichtungen aus dem Englischen und Französischen. Außerdem veröffentlicht er Prosatexte, Gedichte und Theaterstücke. Seinen eigentlichen Durchbruch aber feiert er mit den Sammlungen von „Erzählungen und Dialogen“ sowie den „Skizzen“. Wie schon in Leipzig hält er auch in Dresden zu den führenden Künstlern der Zeit, darunter Hofkapellmeister Johann Gottlieb Naumann oder den Malern Johann Eleazar Zeißig - der gebürtige Großschönauer war Direktor der Kunstakademie in Dresden - oder Jakob Crescenz Seydelmann, dem Erfinder der Sepiatechnik.

Vielleicht wird ihm die Elbresidenz zu klein. Zudem ist das Angebot zu verlockend. Gemeinsam mit seiner Frau, der Hofratstochter, Johanna Christiana Elisabeth Becker, nimmt Meißner 1785 den Ruf der Universität Prag als Professor der Ästhetik und klassischen Literatur an. Unter Kaiser Joseph II. weht ein aufklärerischer Wind an der Moldau. Der älteste Sohn von Franz I. und Maria Theresia von Österreich macht sich in der Kunst- und Theaterwelt vor allem einen Namen durch sein gutes Verhältnis zu Wolfgang Amadeus Mozart.

Neue literarische Höhen erklommen

In Prag erklimmt August Gottlieb Meißner mit Erzählungen, Romanen und Fabeln ganz neue literarische Höhen. Er verfasst unter anderem Biografien zur römisch-griechischen Geschichte – zu Spartacus und Julius Caesar. Neben der Schreib- und Lehrtätigkeit gründet der Professor aber auch noch ein Buchgeschäft, gibt die Zeitschrift „Apollo“ heraus und 1796 seine „Kriminal-Geschichten“ als Sammelband. In Prag werden auch die Kinder Eduard, Bianca und Elvira geboren.

Mit seinen Werken muss August Gottlieb Meißner Aufsehen erregt haben, denn selbst Johann Wolfgang Goethe und Ludwig Tieck soll sich über ihn geäußert haben. Sie kritisierten seine sprachlichen Mängel und die fehlende Originalität. Vielleicht war Deutschlands berühmtester Dichter aber auch nur neidisch, weil dem Erfinder der Kriminalerzählung die weiblichen Leser wahrlich an den Lippen klebten. Allerdings hält der Ruhm nicht lange. Gemeinsam mit der Familie verlässt das Mitglied der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften Prag und übernimmt 1805 die Stelle des Gymnasialdirektors in Fulda. Dort wird seine Tochter Nathalie geboren. – Aber das Glück der Familie wehrt nur kurz. Beim Durchzug der Napoleonischen Truppen durch Fulda bringen sie den Typhus in die Stadt. In Folge der Fieberepidemie sterben seine Frau und zwei Kinder und am 18. Februar 1807 auch August Gottlieb Meißner.

Literaturhinweis: Frank Fiedler/Uwe Fiedler: Lebensbilder aus der Oberlausitz: 60 Biografien aus Bautzen, Bischofswerda und Umgebung.