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Gelassenheit hilft auch an der Bahnsteigkante 

Franziska Klemenz über den Umgang mit unpünktlichen Zügen

Von Franziska Klemenz
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Symbolbild © dpa / Montage: SZ-Bildstelle

Pünktlichkeit. „Die Tugend der Könige“. Manchen gilt sie als besonders deutsche Tugend. Sie stehen fluchend am Bahnsteig, wenn die Anzeigetafel mal wieder in kryptischen Botschaften verheißt: Du kommst zu spät. Viel zu spät. Auch ich habe schon geflucht, oft sogar.

Für eine funktionierende Wirtschaft sind verlässliche Zeitabsprachen unabdingbar. Ein Containerschiff kann nicht drei Tage länger im Hafen abhängen, die Tagesschau kann nicht erst um 20.03 Uhr beginnen, weil die Sprecherin noch eine quarzen will. Auch zwischenmenschlich ist Pünktlichkeit wichtig. Niemand soll Lebenszeit verschwenden, weil er auf mich warten muss. Das wäre ungerecht.

Diese Fragen haben mit Verlässlichkeit zu tun. Natürlich wäre es schön, sich auch auf die Bahn verlassen zu können. Manches können Bahnbetreiber definitiv tun, um die Verlässlichkeit zu steigern: Klapprige Fahrzeuge mit kaputten Türen frühzeitig reparieren, zum Beispiel.

Völlig verlässlich können Reisen aber niemals sein. Sie befinden sich im Spannungsfeld unzähliger Faktoren. Unfälle, Unwetter, Unwägbarkeiten. Unsere rasant durchgetakteten Zeitpläne haben dafür keinen Platz. Also fluchen wir umso lauter, wenn die Bahn uns plötzlich zwingt, ein Stückchen Zeitraum abzugeben.

In Indien läuft das anders. Wer als Mensch mit der Tugend Pünktlichkeit per Zug reist, dreht durch. „Nächste Stunde kommt er, Miss. Ganz bestimmt“, heißt es. Und das 24 Stunden lang. Was machen Einheimische? Sie entspannen sich, quatschen, essen, kurz: nehmen es hin. Menschen der westlichen Welt fordert die Reise heraus, ihre Tugenden zu hinterfragen. Sich einer zu entsinnen, die viele längst verlernt haben: Geduld. Das beste Mittel gegen Frust am Bahnsteig.

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