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Weißwasser

Von Leuchttürmen und Zukunftskunst

Weißwasser ist besonders und soll es bleiben. Entdeckungen und Gedanken zu einer Stadt zwischen den Welten.

Blick vom Boulevard auf Weißwasser
Blick vom Boulevard auf Weißwasser © Archivfoto: Rolf Ullmann

Von Gregor Schneider

Weißwasser.  Vor ein paar Tagen wurden die „Leuchttürme“ verkündet, die in Gestalt großer Infrastrukturprojekte unsere Region durch die tosende See des Strukturwandels geleiten sollen. „Mächtig gewaltig“, möchte man spontan rufen. Es ist ja kein neuer Brauch, am Anfang erst mal dick aufzutragen, damit am Ende wenigstens ein Kompromiss entsteht. Ganz entscheidend für die Moral ist, dass den Worten zeitnah Taten folgen.

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Als Gewohnheits-Tiere sind wir an dieser Stelle ja geneigt, die Optimismusverbreiter mal bezüglich der Umsetzbarkeit und der Jahre zu befragen, die es dauern könnte. Denn so schön und grundsätzlich sinnvoll diese Planungen scheinen, so absehbar ist, an wie vielen deutschen Bürokratiehürden und Verfahrens-Karussells diese Leuchttürme vorbeimüssen, bis man sie leuchten sieht. Das Gespür verrät einem, dass derartig dimensionierte Vorhaben in Deutschland schon eine besondere Not lindern oder anderweitig hohe Priorität haben müssen, um nicht auf eine der vielen Sandbänke aus Norm und Recht aufzulaufen. Der Strukturwandel ist angeschoben. Diese Kaliber müssten also sehr zeitnah auf die Bahn geschickt werden, damit der Wandel bei ihrer Fertigstellung nicht Geschichte ist. Wie also sollen wir mit den Ankündigungen umgehen?

Dass wir für die Zukunft auch gute Netze – ob Schiene, Straße, digitale oder lokale Infrastrukturen – brauchen, ist zweifelsfrei. Wie aber gelingt es, unsere Bedarfe so zu verpacken, dass an den entscheidenden Stellen eine Not-Wendigkeit entsteht? Also eine Bewegung, die aus der Starre des Systems herausführt; Überwindung langwieriger und unbeweglicher Regelverfahren.

Zurzeit staunt man ja wieder, wie mal eben der dritte Flughafen von Istanbul fertiggestellt wurde. Die dortigen Mittel zur Durchsetzung sind mit Sicherheit nicht zu empfehlen, auch wenn sie Verfahren augenscheinlich beschleunigen. Aber wenn wir im Strukturwandel Leuchttürme und andere tolle Dinge errichten wollen, damit wir hier eine langfristige Perspektive und Lebensqualität haben, dann scheinen nicht die Ideen das Problem zu sein, sondern die behördlichen Hürden und Schwellen, die das Meer der Möglichkeiten verminen. Es geht – etwas überspitzt – um eine „Californication“ der Mentalität. Nicht im Sinne der gleichnamigen Fernsehserie, sondern im Sinne der Lebenshaltung, wie sie die Band Red Hot Chili Peppers beschrieben hat. Praktisch umgesetzt: In Kalifornien werden politische Ziele formuliert und an die Unternehmensbranchen adressiert; Untertitel: „Macht es machbar!“. Heißt, dass dort Hürden, die die Erreichung der Ziele verhindern, konstruktiv aufgelöst werden, damit es vorangeht. Klingt nett, so eine Denke: Mal Wege zu suchen, dass es funktioniert, statt Gründe aufzulisten, warum etwas nicht geht, nicht gehen kann.

Es wird sich zeigen, wie uns alte Argumentationsmuster bei der Transformation unserer Region weiterhelfen und ob es gelingt, manche davon zu überwinden, bevor die Verfahren wegen Verjährung komplett neu aufgelegt werden müssen.

Im Radio hörte ich neulich einen Herrn Schneidewind vom Wuppertal-Institut, der von „Zukunftskunst“ sprach: die Transformation kreativ und experimentell gestalten. Dahingehend ist der Strukturwandel nicht nur das herkömmliche Asphaltieren neuer Straßen, sondern der Wandel der Ermöglichungs-Kultur. Es könnte durchaus ein spannender Prozess werden.

Unser Autor Gregor Schneider ist gebürtiger Weißwasseraner und Rückkehrer. Der Stadtplaner arbeitet derzeit für das Projekt „Kleinstadt gestalten – Ort schafft“. Hier äußert er seine Gedanken zum Stadtgeschehen.