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Von Mönchen lernen

Autor und Benediktinerpater Anselm Grün im Gespräch über Leben, Arbeiten und Ostern in Zeiten des Coronavirus.

Anselm Grün ist Deutschlands erfolgreichster christlicher Autor. Gerade hat er ein neues Buch vorgelegt. Der Titel: Quarantäne!
Anselm Grün ist Deutschlands erfolgreichster christlicher Autor. Gerade hat er ein neues Buch vorgelegt. Der Titel: Quarantäne! © S. Fischer/GabyGerster

Anselm Grün ist Deutschlands erfolgreichster christlicher Autor: Seine 300 Bücher über menschliche Nöte, Glück und Führungsfragen erreichen eine Auflage von 14 Millionen. Jahrzehnte war er Cellerar, also wirtschaftlicher Leiter des Benediktinerklosters in Münsterschwarzach bei Würzburg und verantwortlich für 300 Mitarbeiter. Auch im Ruhestand widmet sich Pater Grün der Seelsorge: Er hält 200 Vorträge im Jahr und veranstaltet Seminare. Jetzt in der Corona-Zeit meldet er sich täglich aus dem Kloster mit einer Meditation auf Facebook. Gerade hat er ein neues Buch vorgelegt im Herder-Verlag. Der Titel: Quarantäne!

Wie ist das Leben im Kloster in Zeiten von Corona?

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Wir leben unser Leben wie gewohnt weiter, halten aber mehr Abstand zueinander und achten auf die Hygieneregeln. Als Seelsorger antworte ich den Menschen auf ihre vielen Mails und bin zu Telefongesprächen zu bestimmten Zeiten bereit. Und ich schreibe jetzt öfter in meinem Facebook.

Wann schreiben Sie all Ihre Bücher?

Wir Benediktiner haben einen guten Rhythmus. Und im Rhythmus unseres Tages ist täglich Zeit für das gemeinsame Gebet, für die persönliche Meditation, und eben auch für die Arbeit. Ich sorge gut für mich. Das ist die Bedingung dafür, dass ich dann auch gerne arbeite. Ich fühle mich nicht im Stress. Als ich noch Cellerar war, hatte ich feste Zeiten, am Dienstag und Donnerstag morgens zwischen 6 und 8 Uhr und am Sonntagnachmittag. Jetzt, in der Corona-Krise, halte ich keine Vorträge und habe mehr Zeit. Das genieße ich.

Pater Grüns neuestes Buch: "Quarantäne! Eine Gebrauchsanweisung". Herder-Verlag
Pater Grüns neuestes Buch: "Quarantäne! Eine Gebrauchsanweisung". Herder-Verlag © Herder-Verlag

Was können Menschen, die nicht in Abgeschiedenheit leben wollen, aber müssen, von Ihnen als Mönch lernen?

Wenn die Menschen jetzt sehr eng zusammenleben, gibt es Probleme und Konflikte. Daher ist es wichtig, ein gutes Verhältnis von Nähe und Distanz zu schaffen. Natürlich ist das in einer engen Wohnung nicht so einfach. Aber man könnte sich ja auf eine Stunde Schweigezeit einigen, in der jeder für sich ist, eine Zeit, die auch durch das Handy nicht gestört wird. Manche kommen mit ihren Aggressionen nicht zurecht. Und sie lassen sie dann an der Familie aus. Aggressionen sind nicht schlecht. Aber wenn ich Aggressionen spüre, dann ist das immer eine Einladung: ich brauche jetzt Zeit für mich. Ich brauche mehr Distanz. Ich muss mich besser abgrenzen. Wenn wir jetzt mehr Zeit daheim verbringen, ist es gut, dem Tag eine gute Struktur zu geben. Wenn wir formlos leben, tut es uns nicht gut. Formlosigkeit raubt uns alle Energie und letztlich die Lust am Leben.

Soziale Distanz erleben viele gerade als sehr negativ. Warum sind Stille und Einsamkeit für Mönche eine Tugend?

Einsamkeit kann weh tun. Die Stille ist am Anfang unangenehm. Denn da tauchen alle möglichen Gedanken und Gefühle auf. Vielleicht habe ich das Gefühl, dass mein Leben nicht stimmt. Die Stille ist wichtig, um sich selbst zu erkennen und sich anzunehmen, mit allem, was in mir auftaucht. Der Glaube ist da eine Hilfe. Denn ich glaube, dass ich mit allem, was in mir ist, von Gott bedingungslos angenommen bin. Dann brauche ich mich nicht zu bewerten. Ich darf sein, wie ich bin. Die Einsamkeit ist die Chance, über die wesentlichen Fragen des Menschseins nachzudenken. Der Philosoph Friedrich Nietzsche meint, die Einsamkeit befähige den Menschen, über die letzten Fragen nachzudenken.

Den christlichen Kirchen laufen die Menschen davon. Ihnen aber hören sie zu. Woran liegt das?

Unabhängig vom christlichen Glauben gibt es in allen Menschen eine Sehnsucht nach mehr, nach einem Geheimnis, das größer ist als wir selbst. Und es gibt eine Sehnsucht nach einer gesunden und heilsamen Spiritualität. Ich versuche, auf diese Sehnsucht zu antworten Und ich versuche, nicht zu moralisieren, nicht zu bewerten, sondern in einer einfachen Sprache die Sehnsucht der Menschen anzusprechen.

Wie sprechen Sie mit Menschen, für die Gott eine Art Märchenfigur ist oder auch eine überflüssige Idee?

Viele lehnen den Glauben an Gott ab, weil sie ein bestimmtes Bild von Gott haben. Ich frage daher immer: An welchen Gott kannst du nicht glauben? Und dann versuche ich, mit den Menschen über das zu sprechen, was sie im Tiefsten anrührt. Wenn sie zum Beispiel die Schönheit einer blühenden Frühlingslandschaft anrührt, was geschieht da in der Seele? Schönheit ist eine Spur Gottes. In der Schönheit berührt sie letztlich Gott.

Was ist für Sie Gott? Zweifeln Sie nie?

Gott ist für mich persönlich und zugleich überpersönlich. Ich habe Bilder von Gott, wie den gütigen und liebenden Gott, den Gott der Weite und der Freiheit. Aber zugleich weiß ich, dass Gott jenseits aller Bilder ist. Natürlich kommen in mir auch Zweifel hoch: Ist Gott nur eine Einbildung? Wenn ich die Zweifel zulasse, führen sie mich tiefer in das Geheimnis Gottes hinein. Ich kann Gott nicht festlegen. Aber trotz aller Zweifel traue ich der Bibel, traue ich den Christen, die seit 2.000 Jahren an Gott geglaubt haben.

Haben Sie einen Traum, eine Mission?

Die christliche Botschaft so zu verkünden, dass die Menschen sie verstehen und davon in ihrem Herzen bewegt werden. Ich will niemanden überzeugen. Ich verstehe Mission als Werbung für den christlichen Glauben. Denn ich glaube, dass er heilsam ist für den Menschen von heute. So träume ich davon, dass die Menschen in Europa, die sich mehr und mehr von den Kirchen abwenden, sich neu für die christliche Botschaft begeistern können.

Wesentlich dafür ist die Ostergeschichte. Widerspricht der Glaube an die Auferstehung nicht der Vernunft?

Für mich nicht. Ich zitiere gerne den Psychologen C.G. Jung. Der sagt: Als Psychologe kann ich die Auferstehung nicht beweisen. Aber als Psychologe weiß ich um die Weisheit der Seele. Und die Weisheit der Seele weiß, dass der Tod nicht Ende, sondern Vollendung ist. Wenn ich aber gegen die Weisheit der Seele mit noch so vielen rationalen Argumenten, wie sie heute oft vorgebracht werden, verstoße, dann werde ich ruhelos, rastlos und neurotisch. Jung meint, ab der Lebensmitte bleibt nur der lebendig, der zu sterben bereit ist. Und bereit ist nur der, der daran glaubt, dass der Tod Durchgang zu einem erfüllteren Dasein ist.

Hilft Ihnen dieser Gedanke?

Als ich mit Nierenkrebs im Krankenhaus lag, war für mich der Glaube an die Auferstehung wichtig. Es ist nicht entscheidend, wie lange ich lebe. Mein Tod ist nicht Ende, sondern Vollendung. Ich lebe gerne und arbeite gerne. Aber ich habe keine Angst vor dem Tod. Denn ich glaube, im Tod wird meine tiefste Sehnsucht erfüllt.

Was kann die Osterbotschaft in der Corona-Krise vermitteln?

Die Ostergeschichte bezieht sich nicht nur auf die Auferstehung nach dem Tod, sondern auf unser Leben hier. Wir sollen hier und jetzt aufstehen aus dem Grab unserer Angst, aus dem Grab unserer Resignation, wir sollen aufleben in die Lebendigkeit.

Empfinden Sie den erzwungenen gesellschaftlichen Stillstand als Chance oder als Schaden?

Er ist sicher eine Chance, nachdenklicher zu werden und uns zu fragen, wie wir in Zukunft leben wollen. Aber dieser Zustand darf nicht zu lange dauern. Sonst könnte er zum Schaden werden, nicht nur zum wirtschaftlichen Schaden. Wir könnten auch verlernen, uns auf die Gemeinschaft, auf die Arbeit und auf das Leben in der Gesellschaft einzulassen. Die Krise bringt beides ans Licht: den Egoismus und das Kreisen um sich selbst, das sich in Hamsterkäufen äußert, aber auch eine neue Solidarität, dass wir für andere einstehen. Ich hoffe, dass die Solidarität in Zukunft stärker ist als der Egoismus.

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Es ist für mich ungewohnt, ohne Kirchenbesucher Ostern zu feiern. Aber es kann auch eine Chance sein, daheim nachzudenken über das, was der Tod Jesu am Kreuz für uns bedeutet und was Ostern für uns heißen könnte. Und Ostern könnte man nicht nur die Gottesdienste im Fernsehen oder Internet verfolgen, sondern auch durch einen besinnlichen Spaziergang durch die österliche Natur erleben. Das Leben, das in der Natur aufblüht, möchte an Ostern auch in mir aufblühen, als ein Leben, das stärker ist als der Tod.

Macht Ihnen die Corona-Krise Angst?

Mir persönlich nicht. Ich vertraue auf den Segen Gottes, dass der mich einhüllt wie ein schützender Mantel.

Das Gespräch führte Christina Wittig-Tausch

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