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Von stillen Nächten vor Jahr und Tag

Schon früher gab es einen verordneten Ladenschluss. Der Potschappler Markt hatte am Heiligabend bis zur letzten Minute geöffnet.

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Von Heinz Fiedler

Sage keiner, vor hundert Jahren sei das Weihnachtsfest in unserer Gegend geruhsamer verlaufen als heute. Die einheimischen Händler zum Beispiel durften den Heiligabend zur Hälfte auf Straßen und Plätzen verbringen, womöglich bei Schnee und Kälte.

Die Verordnung des Gemeinderates zum Potschappler Christmarkt an der Hofmühle legte Schwarz auf Weiß fest, dass sich das Markttreiben auf den 22., 23. und 24. Dezember zu beschränken habe. Am Weihnachtstag selbst durfte der Handel noch bis abends 9 Uhr Kundenwünsche erfüllen. Tatsächlich hielten alle Marktstände wegen der Konkurrenz bis zur letzten Minute geöffnet, von Kundschaft war in den Abendstunden allerdings nur wenig zu sehen.

Nur Eheringe gefragt

Weihnachten vor hundert Jahren entdeckt so mancher sein Herz für Mildtätigkeit. Der Frauenverein Potschappel sammelt in Partnerschaft mit dem Fechtverein 270 Mark. Die erste Dame der Vereinigung spricht von einer eindrucksvollen Summe, mit der sich die Not verschiedener Bürger lindern ließe. Mit dem Weihnachtsmann gehen Vereinsmitglieder am Heiligabend auf Tour, um bedürftige Potschappler in ihren Wohnungen zu bescheren. Geschenkt werden Kleidungsstücke und Wertbons für Lebensmittel. Kohlen verteilt man zu je fünf Zentner.

Die Bilanz des Handels fällt, bezogen auf das Weihnachtsgeschäft von 1891, durchwachsen aus. So klagt der im Weißeritztal ohnehin nur schwach vertretene Schmuckwarenhandel, dass Broschen der besseren Sorte und Ringe kaum verlangt wurden. Lediglich Eheringe waren gefragt.

Der Feinkosthandel musste zum Teil empfindliche Verluste hinnehmen. Delikatessen für den Mittagstisch und die Abendbrottafel konnten sich nur wenige leisten. Wesentlich günstiger schnitt die Textilbranche ab. Die Kundschaft konzentrierte sich vor allem auf Billigwaren. Einen Kinderschal konnte man schon für zehn Pfennige bekommen. Eine blau bedruckte Schürze kostete 70, eine Garnitur seidener Haar- und Kragenschleifen 80 Pfennige. Das Teuerste: eine Gesellschaftsrobe für 60 Mark.

Hartes Urteil

Eine Umfrage der örtlichen Zeitung zum Weihnachtsfest von 1900 enthüllt, dass der Gänsebraten ganz oben auf dem Küchenzettel der Familien steht. Gefolgt von Krautwickel und Rinderrouladen. Doch nicht jeder besitzt das nötige Kleingeld, um sich einen Festtagsschmaus auf legalem Wege zu ermöglichen. Diebstähle nehmen während der Dezemberwochen überhand. Ein Birkigter Bauer wird Zeuge, wie ein mit Rad vorfahrender Mann in das Gehege der Gämse eindringt, vier Exemplare an Ort und Stelle schlachtet und anschließend in einen mitgebrachten Rucksack verstaut.

Der erboste Bauer übergibt den Dieb der Polizei. Schon kurz darauf kommt es zur Verhandlung. Die Justiz greift hart durch und verurteilt den Übeltäter zu einer Zuchthausstrafe von drei Jahren und sechs Monaten.

Noch bevor Otto Roths Märchen zur Aufführung kommen, erlangt Ausgang des 19. Jahrhunderts der Deubener Pfarrer Dr. Johannes Lehmann als Autor von Theaterstücken zumindest lokale Bedeutung. Am 27. Januar 1895 hält er seine Antrittspredigt.

Ein Jahr später bearbeitet er das Märchen „Hans im Glück“ für Aufführungen des Amateurensembles der Volksbühne Deuben. In der Folgezeit überrascht der Pfarrer die Öffentlichkeit mit den Weihnachtsmärchen „Traumpeter“ und „Dornröschen“ sowie mit dem volkstümlich angelegten Lustspiel „Dr. Allwissend“.

Lehmanns Arbeiten wurden alle aufgeführt, teilweise auch außerhalb des Plauenschen Grundes. Die musikalische Untermalung stammte aus dem „Liederbuch für Volksschulen“ von Siegmund Sörgel, Direktor der Potschappler Schule. Dr. Lehmann wirkte fünf Jahre als Pfarrer in Deuben.

Noch an ein anderes, seinerzeit viel besprochenes Dezemberereignis sei erinnert. 1902 rollte die erste beheizte Straßenbahn durch den Plauenschen Grund. Es war die erste warme Linie überhaupt. Sie führte von Löbtau über Potschappel bis Deuben. In einem Presseartikel heißt es dazu: „Wer sich bei winterlichem Frost an einer Haltestelle kalte Füße geholt hatte, dem schlug beim Betreten des Triebwagens eine Welle wohliger Wärme entgegen. Die Erwärmung der Innenluft erfolgt durch Elektrizität unter den Sitzplätzen“.

Übrigens, über die Höhe der Fahrpreise wurde damals heftig gemault. 15 bzw. 20 Pfennige für Teilstrecken seien sündhaft viel Geld. Das Tageblatt verknüpfte seine kritische Betrachtung mit der Anregung, für die Streckenbereiche vom Bahnhof Deuben bis Gitterseebrücke bzw. von der Fichtestraße bis Bienertmühle nur einen Betrag von zehn Pfennigen zu erheben. Ein Vorschlag, der bei den Verantwortlichen freilich auf taube Ohren stieß.