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Von Türchau blieb nur eine kahle Fläche

Fast alle aus dem Altkreis Zittau und darüber hinaus werden auf die Frage, was aus Türchau wurde, antworten: Na, Turow natürlich. Stimmt gar nicht. Das Dorf Türchau ist von der Landkarte verschwunden und mit ihm der ursprüngliche Name.

Von Arndt Bretschneider

Fast alle aus dem Altkreis Zittau und darüber hinaus werden auf die Frage, was aus Türchau wurde, antworten: Na, Turow natürlich. Stimmt gar nicht. Das Dorf Türchau ist von der Landkarte verschwunden und mit ihm der ursprüngliche Name. Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch eine stattliche Anzahl Wohnhäuser um Kirche und Dorfkern. Die bäuerlichen Feldfluren aber waren schon damals dem Braunkohlenabbau zum Opfer gefallen. Der hatte einstmals unterirdisch begonnen, ehe man großflächig zum Tagebau überging.

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Stromerzeugung und Kohlechemie in Hirschfelde hatten wachsenden Bedarf an Braunkohle. Schon während des Zweiten Weltkrieges und besonders danach wurde der inzwischen polnische Bodenschatz immer wichtiger. Ein Ort nach dem anderen musste erst dem Abraum- und dann dem Kohlebagger weichen: Gießmannsdorf, Türchau, Zittel, Friedersdorf, Reibersdorf (jetzt zum Teil Sommerau/Bialopole) und Opolno Zdroj (Ortsteil Wald). Allmählich belebte sich das Terrain östlich der Lausitzer Neiße aber wieder. Polnische Familien, häufig aus den jetzt ukrainischen und belorussischen Gebieten, wurden Ende der 1940iger Jahre angesiedelt. Sie hatten die Wahl und bevorzugten natürlich die relativ neu-en Häuser der „Kolonie Hirschfelde“, wie das am rechten Bachufer der Küpper liegende Wohngebiet hieß. Die links der Küpper gelegenen Häuser Türchaus waren deutlich älter und blieben meist unbewohnt. Nach und nach verschwanden sie bis auf zwei. Türchau lag komplett auf Kohle und war damit chancenlos. Bis zum Jahre 1959 gab es auf polnischer Seite kein Kraftwerk, nur den Tagebau. Das sollte sich aber bald ändern.

Man beschloss im fernen Warschau um diese Zeit, ein Großkraftwerk nahe der Braunkohlenlagerstätte zu errichten. Ausgewählt wurde als Standort der Hang oberhalb der ehemaligen Kolonie Hirschfelde und dem Niederdorf von Seitendorf. Anfangs hatte die Baustelle nur einen Projektnamen, doch bald kam jemand auf die Idee, sie „Turow“ zu nennen. Aus Türchau war inzwischen „Turoszow“, aus Seitendorf „Zatonie“ (zu deutsch Versinken) geworden und aus Rohnau „Trzciniec“. Die Umdeuter deutscher Ortsnamen hatten anscheinend mit Rohnau gar nichts anfangen können und fabrizierten etwas, was soviel wie Schilfrohr bedeutet. Eine von unzähligen Missdeutungen ehemals deutscher Ortschaften. Vielleicht war dieser Schnitzer hilfreich, das neue Kraftwerk eben nicht kompliziert Turoszow, sondern einfacher „Turow“ zu nennen – darf rückblickend spekuliert werden.

Kurzum, Türchau lebt im Wortstamm von Kraftwerk und Tagebau weiter. Selbst wenn einmal der fossile Brennstoff zu Ende und die Riesengrube ein Badesee geworden ist, wird der dann gewiss irgendwie mit Turow in Verbindung gebracht werden. Türchau hat damit als einziger, östlich der Neiße gelegner Ort der ehemaligen Amtshauptmannschaft Zittau das Zeug, über Generationen hinweg in irgendeiner geographischen Ortsbezeichnung weiterzubestehen.

Wer aber heute die beiden letzten Häuser von Ur-Türchau aufsuchen will, muss mindestens einen Schlagbaum passieren, was nur mit Genehmigung gelingt. Es gibt aber noch ein interessantes Überbleibsel, das vom Parkplatz aus schon sichtbar ist: Türchau war (und ist eigentlich heute noch) im Nordosten von einem Hügel begrenzt, der „Silberberg“ genannt wurde. An seinen Flanken war – weit vor der Braunkohle – im 17. Jahrhundert nach dem Edelmetall geschürft und eine unscheinbare Halde aufgeschüttet worden. Im Jahre 1927 wurden vor der Silberberghalde insgesamt zehn Wohnhäuser errichtet. Davon haben fünf die Zeiten überdauert und präsentieren sich heute recht schmuck.

Bis 1945 waren die Orte Rohnau, Kolonie Hirschfelde, Türchau, Seitendorf und weitere durch Straßen verbunden, auf denen man über die Neißebrücke in Hirschfelde Zugang zum Streckennetz der Deutschen Reichsbahn hatte. Die Eisenbahn beherrschte ja den Personen- und Güterverkehr in den beiden vergangenen Jahrhunderten. Nach dem Kriege kam es durch die Oder-Neiße-Grenze zu einer jähen Unterbrechung. Fünf Jahre bis 1949 gab es keinerlei Bahnverbindung. Am 25.Mai 1949 eröffnete die polnische Staatsbahn PKP einen Kilometer Strecke von Niederrohnau bis Kolonie Hirschfelde (polnisch von Trzciniec bis Turoszow) und errichtete in Turoszow einen regelrechten kleinen Bahnhof mit Fahrkarten- und Gepäckschalter. Ab sofort war es also möglich, aus dem gesamten Reichenauer (Bogatyniaer) Zipfel per Normalspurbahn ins polnische Landesinnere zu fahren. Durchs Neißetal, versteht sich.

Allein dabei sollte es nicht bleiben. Die Polen erkannten den Bedarf einer Bahnverbindung vom Hauptort Bogatynia bis Turoszow – zunächst für den Güterverkehr. Und kamenaufdieIdee, nicht mehr genutzte Schmalspurgleise der Strecke Zittau–Reichenau–Hermsdorf (CSR) zu demontieren und neu in Richtung Turoszow zu verlegen.

Damit waren sie am 20.Mai 1951 fertig. Die erste Bahnverbindung an das polnische Normalstreckennetz war also diese Kleinbahn im südwestlichsten Zipfel der Volksrebuplik Polen, dem sogenannten Bogatyniaer Sack (worek Bogatynski). Ein paar Lokomotiven und Waggons hatte man vorgefunden oder aufgetrieben. Zehn Jahre blieb das so, vor deutschen Augen mehr oder weniger unbemerkt.

Als die Großbaustelle Kraftwerk Turow in Angriff genommen wurde, entschloss man sich ganz schnell, diese Kleinbahn durch Normalspurbahn zunächst zu ergänzen und dann im Jahre 1961 vollkommen zu ersetzen. Ab 28. Mai 1960 konnte jeder polnische Bürger nach und von Bogatynia einen Kurswagen benutzen, der oft an einen Güterzug drangehängt wurde. Komplette Personenzüge waren die Ausnahme. Ähnlich verhielt es sich mit den täglichen Bau- und Bergarbeiterzügen bis Haltestelle Turoszow Kopalnia (Türchau Tagebau) Noch heute kann man den maroden Charme des Bahnhofes Turoszow am linken Küpperufer auf sich wirken lassen.