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Von wegen Landflucht

Für Lommatzsch gibt es eine düstere Bevölkerungsprognose. Die teilt längst nicht jeder.

Stolz auf ihr neues Zuhause in einem alten Haus: Kristina Richter und Jan Köhler in der modernen Küche ihres Hauses in Eulitz.
Stolz auf ihr neues Zuhause in einem alten Haus: Kristina Richter und Jan Köhler in der modernen Küche ihres Hauses in Eulitz. © Jürgen Müller

Lommatzsch. Prognosen sind deshalb so schwierig, weil sie in die Zukunft gerichtet sind, heißt es. Und mancher vergleicht Prognosen auch mit einem Blick in die Glaskugel. So wurde beispielsweise für die Grundschule in Zadel in der Gemeinde Diera-Zehren viele Jahre lang prognostiziert, dass die Schülerzahl derart rasant zurückgehe, dass die Schule nicht mehr betrieben werden könne. Alle Prognosen erwiesen sich als falsch. Die Schule gibt es immer noch, erfreut sich großer Beliebtheit, ist sehr gut ausgelastet. 

Auch das Statistische Landesamt hat mal wieder eine Prognose gestellt, eine Bevölkerungsprognose. In dieser wird beispielsweise für die Stadt Lommatzsch bis 2035 vorhergesagt, dass die Stadt samt ihren Ortsteilen 18,4 Prozent ihrer Einwohner verliert. Die große Landflucht also? Bürgermeisterin Anita Maaß (FDP) will sich mit der Studie erst ausführlich beschäftigen, möchte sie deshalb noch nicht abschließend bewerten. Dennoch ist sie skeptisch. "Es geht nicht hervor, wie das Amt zu den Zahlen gelangt ist. Ich vermute, dass hier einfach eine lineare Hochrechnung vorgenommen wurde. Auch die Siedlungsstruktur muss mit beachtet werden," sagt sie.

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Und so gäbe ist in Lommatzsch zwei beachtliche Entwicklungen. Zum einen ziehen viele junge Leute auf die Dörfer, kaufen Häuser oder bauen neu. Einer der Gründe ist, dass in den Metropolen sowohl die Miet- als auch die Grundstückspreise enorm gestiegen sind. Auf dem Land hingegen sind Grundstücke noch immer preiswert zu haben. Nicht nur in Lommatzsch, sondern auch im nahen Eulitz, das zu Nossen gehört. Die Vorzüge des Dorflebens wissen auch  Kristina Richter und Jan Köhler zu schätzen. Die beiden haben dort ein über 120 Jahre altes, bis dahin leer stehendes Haus gekauft und völlig umgebaut. Zuvor lebten sie in der Dresdner Neustadt. Beide sind Großstädter, der 42-jährige Jan Köhler wurde in Karl-Marx-Stadt geboren, seine 39 Jahre alte Frau stammt aus Dresden. Beide arbeiten nach wie vor in Dresden, nehmen für die ländliche Idylle auch den langen Arbeitsweg in Kauf.

Mehr Zuzüge als Wegzüge

So geht es auch vielen jungen Familien in Lommatzsch. Im vergangenen Jahr sind 209 Frauen, Männer und Kinder in die Stadt und deren Ortsteile gezogen. Im Gegenzug gab es 176 Wegzüge. Damit hat sich erstmals seit 1990 der sich bereits zur Jahresmitte 2019 abzeichnende positive Wanderungssaldo zum Jahresende bestätigt. "Darüber freue ich mich sehr. Bis auf 43 Personen blieben alle, die aus Lommatzsch wegzogen, in Sachsen, 87 von ihnen sogar im Landkreis. Geht man davon aus, dass unter diesen Menschen auch junge Leute sind, die in der Umgebung eine Lehre oder ein Studium begannen, können wir in den nächsten Jahren auch wieder auf deren Rückkehr hoffen", so die Bürgermeisterin. Die dann auch auf wieder mehr Geburten hofft. Im Vorjahr erblickten 31 Mädchen und Jungen das Licht der Welt, hingegen gab es in Lommatzsch 81 Sterbefälle. Unter dem Strich also bleibt insgesamt ein leichtes Minus von 17 Einwohnern in einem Jahr. Damit lebten Ende Dezember 2019 insgesamt 4.845 Einwohner in Lommatzsch. Dörfer wie Altlommatzsch, Dörschnitz, Ickowitz, Marschütz, Petzschwitz, Schwochau, Striegnitz, Trogen und Wuhnitz hatten im vergangenen Jahr Einwohnerzuwächse. Und in Barmenitz, wo es vor ein paar Jahren nur noch einen Einwohner gab, leben jetzt wieder fünf Leute.  

Der Geburtenknick der Nachwendejahre sei zwar deutlich sichtbar. Aber die jüngere Generation der 1980er Geburtenjahrgänge sei wieder größer geworden. "Vermutlich hängt das auch damit zusammen, dass die Über-30-Jährigen nun als Familie teilweise wieder nach Lommatzsch zurückkehren", so Anita Maaß. Gut sei auch eine relativ stabile Geburtenrate. Die Kindereinrichtungen seien auf 30 bis 40 Geburten im Jahr eingerichtet. Zudem zögen offenkundig auch verstärkt junge Familien nach Lommatzsch, die schon kleine Kinder haben."All diese Zahlen sollten uns ermutigen, unseren Weg konsequent weiter zu gehen. Wir wollen gute Lebensbedingungen für alle Generationen in der Stadt wie in den Ortsteilen bieten. Sowohl in den Ortsteilen als auch in der Stadt setzen wir dabei auf die Sanierung und Verdichtung der vorhandenen Wohnbebauung", sagt die Rathauschefin. 

Breitbandausbau als Chance

Sie sieht auch in der Innenstadt Entwicklungspotenzial. Die ist zwar das Sorgenkind, doch auch hier gibt es einen Wandel. "Es wird in den nächsten zehn Jahren einen Generationswechsel in den Häusern geben. Es vollzieht sich ein Eigentümerwechsel in der Innenstadt. Diejenigen, die jetzt hier einziehen, werden über viele Jahren bleiben", so die Bürgermeisterin. Für die Ortsteile werde der Breitbandausbau in den nächsten Jahren ebenfalls für neue Chancen der Entwicklung sorgen.

Das sieht auch Zukunftsforscher Daniel Dettling so. Menschen wünschten sich schon heute mehr Entschleunigung und legten Wert auf eine bessere Lebensqualität. Anstatt ein langes Wochenende auf dem Land zu verbringen, werde eine Vielzahl etwa ab 2025 mindestens einen Zweitwohnsitz außerhalb der Stadt haben, wenn nicht ganz ihren Lebensmittelpunkt dorthin verlegen.  Möglich werde diese Entwicklung durch den Breitbandausbau in ländlichen Regionen. „Die Digitalisierung bedeutet in erster Linie Dezentralisierung. Immer mehr Menschen können und wollen ihre Arbeit in den eigenen vier Wänden nachgehen, was ihnen bei der Wahl des Wohnortes eine größere Freiheit ermöglicht“, sagt Dettling. Lasse es die Arbeit zu, werde es für viele Angestellte nicht mehr zwingend nötig sein, jeden Tag ins Büro zu gehen.

Die Corona-Krise und das damit sprunghaft gestiegene Arbeiten im Homeoffice dürften diesen Trend noch verstärken. Dies hat die Bevölkerungsprognose des Statistischen Landesamtes, die vor der Krise entstand, gar nicht berücksichtigen können.  "Auch deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass die Bevölkerungentwicklung bei uns so dramatisch verläuft, wie jetzt prognostiziert", sagt Bürgermeisterin Anita Maaß.

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