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Filmemacher zieht nach Reichenbach

Jürgen Dettling hat sich auf dem Marktplatz sein Filmbüro eingerichtet. Entdeckt hat er seine neue Heimat, als er zu Konrad Kujau recherchierte.

Pascal Götze (vorn) und Markus Würsig gehören zu den Reichenbacher Jugendlichen, die beim Medienprojekt von Jürgen Dettling (hinten) mitmachen.
Pascal Götze (vorn) und Markus Würsig gehören zu den Reichenbacher Jugendlichen, die beim Medienprojekt von Jürgen Dettling (hinten) mitmachen. © Constanze Junghanß

Jürgen Dettling hat seine Zelte im südbadischen Waldkirch abgebrochen. Der freiberufliche Filmemacher zog kürzlich vom Westen der Republik in den Osten. Reichenbach hat sich der 67-Jährige als Wohnort ausgesucht, sein Büro auf dem Markt im ehemaligen Molkereigeschäft eingerichtet und sein Filmgewerbe angemeldet. Dass er in der Kleinstadt landete, hat mehrere Gründe, wie er sagt. Einerseits fasziniere ihn die schöne Landschaft der Oberlausitz.

Die hat er bereits mit Konrad Kujau, dem Fälscher der Hitlertagebücher, 1989 erkundet. Die gefälschten Hitler-Tagebücher, die das Hamburger Nachrichtenmagazin "Stern" 1983 veröffentlichte, sorgten für einen unvergessenen Medienskandal. Kujau, der in Löbau geboren und dort nach seinem Tod im September 2000 auch auf dem Friedhof bestattet wurde, hatte sich von Dettling für eine Filmproduktion für den damaligen SDR – den Süddeutschen Rundfunk - „breit schlagen lassen“, wie sich der Filmemacher erinnert. 

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Entstanden sei im gleichen Jahr die 45-minütige Dokumentation „Konrad Kujau – ich war der Fälscher vom Führer“. „Mit Kujau war ich zu seinen ostsächsischen Wurzeln unterwegs“, erzählt Jürgen Dettling. Kennen lernten sich die beiden in Stuttgart. Da hatte Konrad Kujau nach der Entlassung aus dem Gefängnis seine „Galerie für gefälschte Bilder“ eröffnet.

"Abenteuer im Westen irgendwie aufgebraucht"

„Das war bei mir sozusagen um die Ecke und bei einem Gespräch in einer Kneipe mit ihm bekam ich die Zusage für den Dreh“, erinnert sich Dettling. Dabei habe er die Region zwischen Bautzen und Löbau in der Wendezeit kennengelernt.

Der groß gewachsene Mann mit Brille und Dreitagebart sagt aber auch, dass seine „Abenteuer im Westen irgendwie aufgebraucht waren.“ Er erstellte nach eigenen Angaben rund 1.000 Filmbeiträge, Fernsehfeatures, Reportagen, Dokumentationen für das Öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Vor zwei Jahren und damit 30 Jahre nach dem Mauerfall entschloss sich der Filmemacher für ein neues Projekt. Er habe die Erfahrung gemacht, dass die Grenze in den Köpfen zwischen Ost und West immer noch existiere und wollte anhand je einer Stadt in den alten und neuen Bundesländern herausfinden, was Menschen trennt, aber auch vereint. Reichenbach wählte Dettling eher zufällig aus. „Ich war auf der Suche nach einer sächsischen Stadt mit ungefähr 5000 Einwohnern“, sagt er. Das passte. Partnerstadt von der Kleinstadt ist Seckach.

Beide Städte besuchte er im vergangenen Jahr mit der Kamera, machte Interviews mit Menschen auf der Straße, in den Vereinen und am Stammtisch. „Mit etwa 200 Leuten konnte ich sprechen, im Film zu sehen sein werden 50“, sagt er. Entstanden ist eine 90-minütige Dokumentation mit dem Titel „Neulich in Deutschland“, die er beim Doku-Festival Leipzig, beim Dokumentarfilmefestival Kassel und auch bei Fernsehsendern einreichen will. Zuvor soll das Werk seinen Protagonisten gezeigt werden. Ein genaues Datum dafür steht aber noch nicht fest.

Filmprojekte für Jugendliche sollen kommen

Bei den Dreharbeiten lernte der Freiberufler Reichenbach und Umgebung noch besser kennen, knüpfte unter anderem Kontakte mit dem Sportverein, dem Jugendring und der Grundschule. Schnell stand fest: Wenn er noch mal neu und im Osten startet, dann soll das in Reichenbach passieren. Filmprojekte für und mit Kindern und Jugendlichen im Freizeitbereich fehlen in der Kleinstadt. Das ändert sich nun. Jürgen Dettling gehört zum Vorstand des Black dog e.V. Der Verein mit Sitz in seiner Heimat macht Jugendlichen die aktive Arbeit mit den Medien zugänglich.

Dazu gehören unter anderem Kameraführung, Schnitttechnik und Filmsprache. Das gibt es nun auch vor Ort. Die Resonanz ist groß. 40 Kinder und Jugendliche meldeten sich dafür bereits an. Zu dem Projekt gehören Angebote während der Sommerferien. Ein Film „Wir Kinder von Reichenbach“ entsteht. Premiere ist im Herbst. Gefördert wird das Projekt von „Kultur macht stark“ über das Bundesbildungsministerium. Projektträger ist der Bundesverband „Jugend und Film“. Nach den Herbstferien ist ein weiteres Filmprojekt mit der Reichenbacher Grundschule geplant.

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