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Von Wettfahrten durch Reißzwecken und Nägel

Die SZ erzählt Geschichten aus dem alten Rödertal. Heute: Lotzdorfs Radfahrklub war nicht nur sportlich Spitze.

Von Hans-Werner Gebauer

Wenn man heute liest, dass der Weltrekord im Rückwärtsfahrradfahren und dabei Geige spielen bei 60 52 Meter liegt und dieser Weg in fünf Stunden und neun Minuten zurückgelegt wurde, muss man unwillkürlich auch an Lotzdorfs Radfahrer denken.

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Die im 1899 gegründeten Radfahrklub vereinten Mitglieder setzten in den Anfangsjahren nicht nur im eigentlichen Sinn sportlich Glanzlichter. Lotzdorfs Radsportler waren auch für allerhand Spaß und Feez zuständig, wie Chronisten der damaligen Zeit notierten. Nicht nur im Saal des Gasthofes, auch im Ort und dessen Umgebung. Berüchtigt waren in den ersten Jahren „Schneestrapazenfahrten“. So im Januar 1902, als 30 Zentimeter frischer Schnee lagen. Es bestand die Aufgabe, darin entlang der Röder von Lotzdorf in Richtung Radebergs Stadtmühle zu fahren. Der Wettbewerb wurde zugleich als Wettfahrt ausgeschrieben. Neun Punkte waren anzufahren. Dort, wo Grundstücke den unmittelbaren Kontakt zur Röder nicht gestatteten, standen Streckenposten, gewärmt bei minus 5° C durch „Schumanns Punsch“. Am Anfang waren es 28 Starter mit einem intakten Fahrrad, am Zielort Hüttermühle kamen noch fünf an. Abends war dann in Lotzdorfs Gasthof „Sportlerball“, der Sieger erhielt Fahrradutensilien, wie Reifen, Speichen und einen Sattel. Dazu wurden an alle Teilnehmer Gutscheine verlost, mit denen man sich Reparaturarbeiten bei Fahrrad-Kühn oder Bürgel leisten konnte. Das Winterfahren im Kostüm – im Winter ist ja Fasching – gehörte zum Standardprogramm der Lotzdorfer. Bei einem Ausflug nach Seifersdorfs Gasthof „Zum treuen Hund“ gewann Siegfried Schlotter. Er hatte von Lotzdorf nach Seifersdorf ein Schaf auf seinem Rücken transportiert, Titel des Kostüms „Der Schafhirt“.

Einem rührigen Lotzdorfer gelang es, Kontakt zur Dunlop-Filiale in Hanau in Hessen herzustellen. Die Filiale ließ sich 1907 als Sponsor in Lotzdorf sehen. Man musste mehrere Fahrten über die sandgeschüttete Dorfstraße tätigen. Der Reiz: Es lagen Reißzwecken und Nägel innerhalb einer aufgezeichneten Linie aus. Dabei waren slalomähnliche Fahrten gestattet, es ging trotzdem um Meter und Zeit. Der Sieger, Alfred Großmann, hat fast acht Kilometer geschafft, bei allen anderen waren die Reifen vorher platt. Ein Werbegag von Dunlop: Die Teilnehmer erhielten die Reifen ersetzt, der Sieger 50 Mark Prämie samt Pokal. Das Geld war dann am Abend die Grundlage zum Freibier.

Aus den Veranstaltungen in Lotzdorfs Gasthof, die oft mit Sketchen und Theater angereichert waren, ist folgender Wortwitz überliefert: Fahrradfahrer Ernst: „Wie geht es mit dem neu gekauften Fahrrad? Radfahrer Gustav: „Es geht nicht, es fährt!“ Darauf Ernst: „Na gut, wie fährt denn dein Fahrrad?“, worauf Gustav erwiedert: „Es geht!“ Die komischen Beiträge im Saalradfahren bestanden aus Umkleiden beim Radfahren von einem Mann zu einer Frau und ähnlichen Einfällen. Natürlich auch Darbietungen als Harlekin oder Clown. Und auch immer der Wortwitz, bei dem die Vereinsmitglieder auf die Schippe genommen wurden und alles johlte.