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Vor 125 Jahren ging das Licht an

Am 3. August 1894 gab es erstmals elektrische Beleuchtung in einem Privathaushalt in Hoyerswerda. Eine Revolution.

Elektrisches Licht ist heute selbstverständlich.
Elektrisches Licht ist heute selbstverständlich. © Foto: Uwe Schulz

Elektroenergie ist heute am 3. August 2019 der Treibstoff, ohne den nichts geht. Fernseher, Rechner, Telekommunikation, Waschmaschine, Kühlschrank. Dieser Artikel könnte nicht geschrieben und gedruckt werden. Der Bäcker könnte keine Brötchen backen. Wir bekämen an der Tankstelle keinen Kraftstoff und am Geldautomaten kein Bargeld mehr. Uns würde das Licht ausgehen. Im Sommer nicht ganz so schlimm. Im Winter würden aber auch die Heizungen ausfallen. Wir sind von einer stabilen Elektroenergieversorgung abhängig. Ganz sensible Bereiche wie Rettungsleitstelle, Krankenhaus und Polizei haben daher eine Notstromversorgung. Wir haben diese Abhängigkeit so gewollt. Und das binnen 125 Jahren.

Teure schöne neue Welt

Am 3. August 1894 war das elektrische Licht in Hoyerswerda Stadtgespräch und am nächsten Tag Thema in der Zeitung. Stadtmühlenbesitzer und Kommissionsrat Otto Zschiedrich war es, der ein kleines Elektrizitätswerk zur Versorgung mit Licht und Kraftstoff errichtete und an jenem Abend sein Haus erstmals elektrisch beleuchtete. Im Hoyerswerdaer Kreisblatt vom 4. August 1894 stand dazu: „Unsere Stadt erfreut sich jetzt des Vorzuges, eine Anlage für elektrisches Licht zu besitzen und erstrahlte dasselbe gestern Abend zum ersten Male. Mühlenbesitzer Zschiedrich hat nach vollendetem Neubau seiner Mühle diese sowie das Wohnhaus, Stallung und Garten damit versehen. Die Einrichtung ist von dem rühmlichst bekannten Schu’mannschen Elektrizitätswerk in Leipzig, welches im vorigen Jahr auch unsere landwirtschaftliche Ausstellung elektrisch beleuchtete, ausgeführt und funktioniert vorzüglich. Später soll die Leitung auch auf die Stadt ausgedehnt werden, und es haben sich schon viele zum Anschluß bereiterklärt.“

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Viele Dinge bzw. Geräte, die künftig elektrisch betrieben werden würden, waren noch nicht absehbar. Aber das mit dem Licht, das schon. Und irgendwie wollte das jeder haben. Nur waren die Leuchtmittel sehr teuer und nicht lange haltbar. So gab es 1897 elektrisches Licht in der Öffentlichkeit immerhin an 15 „Nachtlampen“ im Stadtgebiet, sowie im Rathaus samt Ratskeller.

Die Erzeugung elektrischen Stroms ist aber eines der großen Themen des 19. Jahrhunderts. Für 1832 wird der erste Wechselstromerzeuger vermerkt, für 1849 dann der erste nennenswert industriell genutzte Generator. Die neuen, für damalige Verhältnisse leistungsstarken Bogenleuchten der Leuchttürme an der französischen und britischen Atlantikküste wurden so betrieben. Für das Jahr 1866 wird die Entdeckung des dynamoelektrischen Prinzips mit dem Namen Siemens in Verbindung gebracht und 1879 der Name Edisons mit der Erfindung der Kohlefadenglühlampe. In Berlin entstand fünf Jahre später das erste öffentliche Elektrizitätswerk und die ersten elektrischen Straßenlaternen leuchteten auf.

Im deutschlandweiten Mittelfeld

Hoyerswerda ist Mitte der 1890er-Jahre preußische Provinz, hat einen Bahnanschluss und sogar ein Glaswerk. Die kleine Stadt boomt, hat Einwohnerzuwachs. Die Firma „Zschiedrich und zur Linden“ hat die Technologie und das Vermögen für die elektrischen Herausforderungen. Am 17. März 1897 fand die erste Sitzung der Commission der Stadtverordnetenversammlung zur Vorbereitung der geplanten Elektrizitätsanlage statt. Zum 1. September 1897 wurde der Firma „Zschiedrich und zur Linden“ die Genehmigung erteilt, für 15 Jahre die Strombelieferung in der Stadt zu übernehmen. Dieser Vertrag reichte, um ein Elektrizitätswerk in Auftrag zu geben, das 1904 in Betrieb ging. Zwei Sauggasmotoren (insgesamt 220 PS), direkt gekoppelt mit je einem Gleichstromdynamo, produzierten den Strom. Später kam eine 350-PS-Dampfmaschine hinzu. Und schon bald spannten sich überall in der Stadt die Elektro-Freileitungen. Damit war Hoyerswerda in Deutschland gut dabei. 1895 soll es deutschlandweit 148 öffentliche Elektrizitätswerke gegeben haben. 1913 waren es wohl 4 040, wie der Internet-Enzyklopädie Wikipedia zu entnehmen ist. Erst Ende der 1940er-Jahre gilt Deutschland als flächendeckend stromversorgt.

Doch die Stadt Hoyerswerda und ihr erster Stromversorger überwarfen sich miteinander. Hoyerswerda kündigte 1908 die Versorgung für die Straßenbeleuchtung und das Rathaus auf, sattelte beim Energieträger auf Gas aus dem neu errichteten städtischen Gaswerk um und unterzeichnete angesichts der immer wichtiger werdenden Versorgung mit Elektroenergie im August 1915 einen Liefervertrag mit der Elektrischen Kraftversorgungs AG Spremberg. Eine 20-kV-Leitung wurde gebaut und sicherte fortan die Hoyerswerdaer Versorgung. Zschiedrich und zur Linden hatten ihren Strom zwischenzeitlich an die Eisenbahn geliefert, erweiterten 1910 gar das Elektrizitätswerk. Sechs Jahre später verkaufte man dann aber alles an die Stadt Hoyerswerda, die aus dem E-Werk eine Turnhalle machte. Und natürlich ging es damals wie heute um Versorgungssicherheit. Eine zweite 15 kV-Leitung von Laubusch aus wurde bis zur Stadt gezogen.

Heute gibt es 460 km Stromleitung

Man kann bei diesem Thema je nach fachlichem Interesse unglaublich ins Detail gehen. Schwenken wir an dieser Stelle gleich in die Gegenwart. Den Versorgungsbetrieben Hoyerswerda gehören sämtliche (öffentliche) elektrische Anlagen in der Stadt. Und damit ist die Stadt über ihre Tochter Städtische Wirtschaftsbetriebe, zu denen wiederum die Versorgungsbetriebe gehören, Herrin des Geschehens. Die VBH müssen die Grundversorgung absichern, wenngleich man sich seinen Stromanbieter frei wählen kann. Das Stromversorgungsnetz der VBH beinhaltet laut Unternehmensangaben Mittel-, Niederspannungs- und Steuerkabel mit einer Gesamtlänge von rund 460 Kilometern. Im Schalthaus der Umspannanlage in der Liselotte-Herrmann-Straße erfolgt die Übergabe des Stromes vom Vorlieferanten an die VBH. Mehr als hundert Schalt- und Trafostationen der VBH, 32 kundeneigene Trafostationen sowie 266 Kabel- bzw. Knotenpunktverteiler stellen laut VBH die Versorgung aller Kunden im Stadtgebiet sicher.

Und wo kommt nun unser Strom her? Die Energieversorger sind verpflichtet, ihre Stromlieferungen zu kennzeichnen. Auf der VBH-Website findet sich die aktuellste Zusammensetzung für das Jahr 2017. Demnach stammen 63,2 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien, 22,8 Prozent aus Kohleverstromung, 7,2 Prozent sind Kernenergie. Es folgen Erdgas und gut ein Prozent „sonstige fossile Energieträger“. Und wie wird es in 125 Jahren aussehen?

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