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Vor dem Auftritt steht der Aufritt

Wenn Winnetou heute Nachmittag hoch zu Ross zwischen den Felsen und durch die „Prärie“ auf der Felsenbühne Rathen reitet, hat sein Pferd Adolph schon einen längeren Anstieg hinter sich. So wie rund 50-mal...

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Von Lars Kühl

Wenn Winnetou heute Nachmittag hoch zu Ross zwischen den Felsen und durch die „Prärie“ auf der Felsenbühne Rathen reitet, hat sein Pferd Adolph schon einen längeren Anstieg hinter sich. So wie rund 50-mal in dieser Spielzeit, allein 18-mal davon für den „Ölprinz“. Denn bevor die Zuschauer die tierischen Stunts bestaunen und beklatschen können, müssen die Pferde vor jeder Vorstellung durch den Kurort Rathen hoch bis auf die Naturbühne.

Ein Ritual, das trotz seiner Regelmäßigkeit „nie langweilig ist“, wie Kathrin Wolf sagt. Die Radebeulerin arbeitet seit 20Jahren auf der Felsenbühne und ist dort für die Pferde verantwortlich. „Weil es immer anders ist, denn mein Pferd hat jeden Tag andere Laune.“ Und manchmal erschrecke es sich vor Sachen, die noch nie ein Problem waren. Aber etwas Schlimmes sei noch nie passiert. Die Pferde sind darauf trainiert, ruhig und ausgeglichen zu sein.

Vor dem Ritt müssen sie aber zuerst von der Koppel geholt werden. Dort finden sie alles, was sie brauchen: ausreichend Nahrung und genügend Platz, wenn ihnen der Sinn nach einem flotten Galopp steht. Die große Bergwiese hat von Mai bis September, während der Saison auf der Felsenbühne, Dietmar Telligmann aus Eilenburg gepachtet. Die Pferde gehören zu seiner Tierschule, die Wiese der Gemeinde Kurort Rathen. Der Trainer, der auch mit Rentieren, Hunden oder Hirschen arbeitet, hat in der Branche einen Namen, weil er schon bei einigen Fernsehfilmen und Theaterstücken mitwirkte.

SZ reitet im Regen mit

Ausgerechnet an dem Tag, als die SZ mal mitreiten durfte, regnete es. Für die Pferde sei es ein Segen, sie freuen sich über die Abkühlung, sagt Kathrin Wolf. Die Reiter rücken mit den Trensen an. Jede speziell für eines der 14stolzen Tiere vom Friesen über sächsische Warm- und Kaltblüter bis hin zu Arabern und deutschen Reitponys. Das jüngste Pferd ist drei, das ältesteste 24Jahre alt. Sie wurden vorher beim Treff zugeteilt, die persönlichen Wünsche der Helfer mit Reiterfahrung dabei berücksichtigt. Ich habe das sächsische Warmblut Iltschi bekommen. Da war doch was? Richtig, bei Karl May war Iltschi Winnetous treuer Begleiter, auf der Felsenbühne früher auch.

Inzwischen reitet der Komiker Hobble-Frank auf dem neunjährigen Hengst, der zwar ruhig, dafür aber ganz schön verfressen ist. Selbst das Zaumzeug ist vor ihm nicht sicher. Nachdem das endlich angelegt ist, führt die Gruppe die Pferde langsam und vorsichtig die Hügel hinab. Auf der Straße hinter dem Haus des Gastes werden die Tiere gesattelt und kurz darauf sitze auch ich fest in einem solchen.

Und los! Kathrin Wolf reitet Elvis und führt Iltschi ein wenig. Ich habe zwar die Zügel in der Hand, die Richtung bestimmt aber „Schi-so’s Mutter“ – in diese Rolle wird Kathrin Wolf zumindest am Nachmittag wieder schlüpfen. Mit der Herde traben wir im Schritt durch den Kurort. Rhythmisch wippe ich auf dem Pferderücken.

Berg bringt Pferden Muskeln

Falls Iltschi mal wieder zu langsam wird, presse ich auf Geheiß meine Waden an seinen Bauch. Er legt einen Schritt zu, scheinbar mache ich nicht alles falsch. Besonders den Anstieg von der Kasse am Amselsee bis hoch zur Felsenbühne muss auch ich ganz schön fest drücken. Der Berg sei gut für die Pferde, erklärt Kathrin Wolf. „Er bringt ihnen Muskeln.“

Neugierige Blicke der Touristen am Wegesrand begleiten uns die knappe Stunde Aufritt. „Kann man die Pferde mieten?“, fragen manche ungläubig. „Ah, die Schauspielertruppe“, sagen dagegen andere wissend. Und die Kinder deuten lautstark auf die Tiere, die sie am liebsten selbst reiten würden.

Kurz vor dem Freiluft-Theater wird der Schritt der Pferde wieder lockerer und spürbar schneller. Sie merken, dass wir da sind. Außerdem freuen sich die Vierbeiner jetzt auf eine leckere Belohnung.