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Bautzen

„Vor dem Krebs kannst Du nicht kneifen“

Bei Männern ab dem 50. Lebensjahr steigt das Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken.

Ein Mediziner zeigt auf einem Bildschirm das 3-D-Modell einer Prostata. Dort kann Krebs entstehen.
Ein Mediziner zeigt auf einem Bildschirm das 3-D-Modell einer Prostata. Dort kann Krebs entstehen. ©  Foto: dpa

Bautzen. In Bautzen gibt es Hilfe für an Prostatakrebs Erkrankte in der Urologischen Klinik des Krankenhauses bei Chefarzt Dr. René Löschau und seinem Team. Die SZ hat mit den Ärzten über das Thema gesprochen und fasst die Antworten zusammen.

Wie häufig ist die Erkrankung?

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Prostatakrebs ist die häufigste Krebsform bei erwachsenen Männern in Deutschland. 26 Prozent der neu entdeckten Tumore entfallen auf das Prostatakarzinom. Je älter die Männer sind, desto häufiger tritt die Erkrankung auf. Das Risiko steigt ab etwa dem 50. Lebensjahr. Das Durchschnittsalter der Patienten liegt bei circa 70 Jahren. Jährlich gibt es im Bundesgebiet etwa 60 000 Neuerkrankungen. Elf Prozent der Betroffenen sterben an ihrem Tumor.

Was sind die Anzeichen?

Es handelt sich um eine Krebsform, die im Stillen beginnt. Wenn die Betroffenen konkret etwas merken, ist die Erkrankung meist schon weit fortgeschritten. Spätzeichen sind zum Beispiel starke Knochenschmerzen, weil der Krebs schon Metastasen gebildet hat sowie Schmerzen und Blutungen beim Wasserlassen, weil der Krebs in die Harnblase durchgebrochen ist. Das ist lebensbedrohlich. Deswegen ist es wichtig, dass Männer ab dem 45. Lebensjahr regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung zum niedergelassenen Urologen gehen.

Wie muss man sich die Vorsorgeuntersuchung vorstellen?

Die Prostata lässt sich rektal – also über den After – gut abtasten. Das wird ab dem 45 Lebensjahr als Vorsorgeleistung von den Kassen bezahlt. Der Arzt achtet dabei auf die Größe der Prostata, auf mögliche Knoten, auf die Konsistenz – ist sie zum Beispiel knochenhart. Ergeben sich beim Abtasten Auffälligkeiten, kann der Arzt im Labor den sogenannten PSA-Wert untersuchen lassen. Das ist das Prostata-spezifische Antigen, das nur von der Prostata abgegeben wird. Dieser Wert kann bei Krebs erhöht sein, aber auch durch andere Ursachen, wie Entzündungen. Bei Krebs steigen die Entzündungswerte stetig. Deshalb sind gegebenenfalls mehrere Untersuchungen des PSA-Wertes in zeitlichen Abständen nötig.

Wenn die Vorsorgeuntersuchungen einen Krebsverdacht nahelegt, was passiert dann?

Dann werden zehn bis zwölf Gewebeproben entnommen und untersucht. Möglicherweise wird dies auch wiederholt, weil die Möglichkeit besteht, dass man bei der ersten Entnahme das erkrankte Gewebe nicht gefunden hat. Kleinere Krebsherde können sich verstecken.

Wenn Krebs festgestellt wurde, wird die Prostata dann komplett entfernt?

Das ist unter anderem abhängig vom Alter des Patienten, von der Lebenserwartung und von den Erfolgsaussichten einer Operation. Wenn der Krebs örtlich begrenzt und heilbar ist, dann wird die Prostata normalerweise komplett entfernt, inklusive der Lymphknoten und Samenblasen. Wenn er Krebs zuvor nicht schon andere Organe oder Bereiche des Körpers befallen hat, ist er mit dieser Operation entfernt. Möglich ist auch eine örtliche Bestrahlung. Die Wirkung weiterer Verfahren wird noch in Studien geprüft. Tumore sind zudem hormonempfindlich. Wenn die Ausschüttung des männlichen Hormons Testosteron unterbunden wird, kann dies das Wachstum hemmen. Geheilt wird der Patient damit aber nicht.

Und wie erfolgt die Hormonhemmung?

Durch die Entfernung des Hormongewebes aus den Hoden oder medikamentös. Der Patient bekommt dann alle drei oder sechs Monate sogenannte Depotspritzen unter die Haut. Der Wirkstoff wird dann nach und nach abgegeben.

Was ist der Vorteil der kompletten Prostata-Entfernung?

Die Prostata kann dann vom Pathologen ganz genau untersucht werden. Damit lässt sich die Dimension der Krebserkrankung exakt feststellen. Und wenn sich der Krebs nicht schon vorher ausgebreitet hat, ist er damit wirklich entfernt.

Das Team der Urologischen Klinik in Bautzen mit Chefarzt Dr. René Löschau (3. v.l.) hilft betroffenen Männern. 
Das Team der Urologischen Klinik in Bautzen mit Chefarzt Dr. René Löschau (3. v.l.) hilft betroffenen Männern.  © Foto: Irmela Hennig

Welche Auswirkungen hat die Entfernung der Prostata?

Es kommt zu Potenzverlust. Wenn der Krebs es zulässt, kann man aber durch eine besondere, nerverhaltende Operationstechnik die Potenz später wiedererlangen. Die Zeugungsfähigkeit kann verloren gehen. Es kann zu Harninkontinenz kommen, weil die Prostata auch zur Kontinenz beiträgt. Durch eine sorgfältige OP-Technik kann man erreichen, dass ein Großteil der Patienten nach einem längeren Erholungsintervall des Beckenbodens kontinent bleibt – das kann aber bis zu anderthalb Jahren dauern.

Und wenn keine Besserung eintritt?

Dann gibt es verschiedene Systeme – Bänder, Schlingen, ein künstlicher Schließmuskel – die zur Unterstützung der Harnröhre eingesetzt werden können und damit Besserung bringen.

Kann man vorbeugen, zum Beispiel durch gesunde Ernährung?

Das ist in der Forschung umstritten. Es gibt Studien, die sagen, dass der Verzehr von (Bio-)Tomaten vorbeugend wirkt. Rauchen hat nach bisheriger Erkenntnis keinen Einfluss darauf. Dass die westliche Lebensweise eine Rolle spielt, lässt sich nur indirekt erkennen. In Asien und Afrika kommt die Erkrankung seltener vor. Allerdings steigt bei Asiaten oder Afrikanern, die nach Westeuropa oder Nordamerika umsiedeln und dort länger leben, das Risiko zu erkranken.

Schicksal von drei Betroffenen

Vom Krebs überrascht

„Ich habe nicht gewusst, dass ich so schwer krank bin.“ Holger Müller, das ist nicht sein richtiger Name, hatte Krebs. In der Prostata hatte er sich gebildet. Ein niedergelassener Urologe hatte das festgestellt. Nun wurde die Prostata im Bautzener Krankenhaus komplett entfernt, dem Patienten geht es besser: „Fünf Tage nach der OP unterhalten wir uns schon ganz normal“, sagt Holger Müller und ist froh, die Entscheidung getroffen zu haben. Abwarten, dies und das versuchen, das sei schon möglich. Aber Holger Müller ist überzeugt: „Vor dem Krebs kannst Du nicht kneifen!“ Man müsse sich der Krankheit stellen.

Trotz gesundem Leben

Peter Mönch, auch dieser Name ist geändert, geht wegen seines PSA-Wertes schon seit Jahren regelmäßig zum Urologen. Im letzten Sommer stellte der Arzt bei dem 75-Jährigen einen leicht erhöhten Wert fest. Im Dezember lag er noch einmal höher. „Dann wurden 14 Gewebeproben aus der Prostata entnommen. Ich saß zu Hause am Telefon, da kam der Befund – positiv, Krebs“, erzählt Peter Mönch. Dabei lebe er sehr gesund. Ob es genetische Ursachen gibt, kann er nicht sagen. Der Vater sei im Krieg gefallen, daher sei die Erkrankung bislang in der Familie nicht aufgetreten. Nun liegt Peter Mönch im Krankenhaus, hat die OP inzwischen hinter sich. Mit seiner Frau habe er beratschlagt: Was tun? Da er bereits mit vielen anderen gesundheitlichen Problemen kämpft, habe er ein wenig Angst gehabt vor der Operation, sich aber doch dafür entschieden. 

Ab zur Kontrolle

Christoph Schmidt (Name geändert) hat die Operation noch vor sich. Seit 15 Jahren sei er „unter Kontrolle“ wegen einer vergrößerten Prostata. Vier Untersuchungen des Gewebes waren negativ. Dann aber sei es passiert. Der Arzt hat Krebs festgestellt und nun liegt Christoph Schmidt im Krankenhaus. Die Voruntersuchungen sind geschafft. „Ich bin schon aufgeregt, wenn man hört, was alles passieren kann“, sagt der Oberlausitzer. Trotzdem ist er froh, dass die Krankheit erkannt wurde. Er rät anderen Männern in fortgeschrittenem Alter, sie sollen zur Kontrolle gehen, damit es nicht irgendwann zu spät ist. (ihg)

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