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Wird Neuseelands Waffenverbot zum Vorbild?

Für das Waffenverbot - eine Folge des Christchurch-Anschlags - gab es international viel Applaus. Aber zuhause halten sich längst nicht alle daran.

Zwei Männer bringen ihre Waffen ins Vereinsheim des Rugby-Clubs. Hier kauft die Polizei noch bis zum 20. Dezember verbotene Waffen zurück.
Zwei Männer bringen ihre Waffen ins Vereinsheim des Rugby-Clubs. Hier kauft die Polizei noch bis zum 20. Dezember verbotene Waffen zurück. © Christoph Sator/dpa

Von Christoph Sator

Im Manurewa Rugby Football Club fällt das Training an diesem Abend aus. Dafür sind auf dem Gelände in einem Vorort von Auckland viele Männer unterwegs, die Sporttaschen mit länglichen Gegenständen tragen. Das Vereinsheim des MRFC, gegründet 1921, hat dieser Tage eine andere Bestimmung. Hier kauft Neuseelands Polizei verbotene Waffen auf. Bis Freitag haben die Besitzer noch Zeit, alles loszuwerden. Dann gibt es für sie kein Geld und auch keine Amnestie mehr.

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Das landesweite "Buy Back"-Programm ist Folge der Anschläge auf zwei Moscheen in Christchurch, der größten Stadt der neuseeländischen Südinsel. Dort hatte ein Rassist aus Australien Mitte März 51 Muslime erschossen, die zum Freitagsgebet erschienen waren. Die Tat übertrug der 28-Jährige via Facebook live ins Internet. Nächstes Jahr beginnt der Prozess. Lebenslange Haft dürfte ihm sicher sein.

Sofort nach dem Massaker geschah, was in den USA trotz aller Anschläge bislang ein Ding der Unmöglichkeit ist und auch in Deutschland nie umgesetzt wurde. Neuseelands Regierung aus Sozialdemokraten, Populisten und Grünen verbot halbautomatische Waffen, wie sie der Täter verwendet hatte. Im Parlament gab es eine einzige Gegenstimme. Neuseelands knapp fünf Millionen Einwohner standen in großer Mehrheit dahinter. Inzwischen hat die Waffenlobby aber wieder an Boden gewonnen.

Dabei lässt sich auch im Vereinsheim des Rugby-Clubs von Manurewa erkennen, welch Risiko mit solchen Waffen verbunden ist, bei denen man zwar jedes Mal neu abdrücken muss, die nächste Patrone aber sofort nachgeladen wird. Das Gebäude liegt - wie die 40 sonstigen landesweiten Sammelstellen - weit draußen, wo nicht so viele Leute sind. Rundum hängt Klebeband, wie es an Tatorten verwendet wird. Die Polizeibeamten tragen schusssichere Westen. Man weiß ja nie.

"Die Schuld eines einzigen Idioten"

Frauen sind hier keine unterwegs. Reden wollen von den Männern die wenigsten, ihre Namen verraten schon gar nicht. Einer nennt zumindest seinen Spitznamen: «Sin. Wie Sünde. So nennen mich alle.» Die Arme tätowiert, die Haare bis auf ein paar Millimeter abrasiert, dafür der Bart umso wilder. Der Maschinenbauschlosser hat zwei Kaliber 22 abgegeben. 1000 Neuseeland-Dollar gab es dafür, knapp 600 Euro. Das Geld wird nicht bar ausbezahlt, sondern überwiesen.

"Die Waffen hatte ich, seit ich 19 war", sagt der 52-Jährige. "Für die Jagd. Mit Freunden übers Wochenende, vier oder fünf Mal pro Jahr." Sin hat noch andere Gewehre im Schrank. Vom Verbot hält er überhaupt nichts. "Das war eine Panik-Reaktion der Politiker. Die wollten alle nur ihren Hintern retten." Einer wenigstens sagt, wie er heißt: Lee Swifthenbank (50). Auch er meint: "Das ist die Schuld eines einzigen Idioten. Und wir werden alle bestraft."

Manche sind mit dem Programm aber auch zufrieden. Einer bekam für 20 Gewehre fast 60 000 Euro. Weil immer nur maximal zehn Waffen abgegeben werden dürfen, musste er zwei Mal kommen. Hinter vorgehaltener Band berichten andere, dass sich einige Leute billig alte Waffen besorgten, um sie teuer an den Staat zu verkaufen. Grundlage für die Berechnung, wie viel es pro Gewehr gibt, ist eine staatliche Liste - zwischen 25 und 95 Prozent des Neuwerts.

Insgesamt zahlte der Staat bislang umgerechnet mehr als 50 Millionen Euro aus. Alles in allem kamen bislang mehr als 47 500 Waffen zurück. Viele Besitzer ließen sich allerdings Zeit, bis es praktisch nicht mehr anders ging: die letzten Tage Ballern. Deshalb ist kurz vor Weihnachten an den Abgabestellen besonders viel los.

Premierministerin Jacinda Ardern hält ihr Programm jetzt schon für einen Erfolg. "Zehntausende Waffen sind nicht mehr im Umlauf. Das ist eine gute Sache." Auf Kritik des Waffenlobby-Verbands Council of Licenced Firearm Owners (Colfo) entgegnet sie: "Ich bin nicht für ein Totalverbot. Aber ich sehe keinen Grund, dass man ganz leicht an einen Waffentyp herankommen kann, der rund um die Welt regelmäßig benutzt wird, um massenhaft unschuldige Leute zu ermorden."

Tatsächlich wird sich der Ausgang erst mit etwas Abstand beurteilen lassen: Nach früheren Schätzungen der Polizei gab es in Neuseeland vor dem Anschlag bis zu 240 000 halbautomatische Waffen. Abgegeben sind also längst nicht alle. Forderungen, die Frist zu verlängern, wies die Regierung jedoch zurück. Es bleibt beim 20. Dezember. Danach gibt es kein Geld mehr. Wer erwischt wird, dem drohen der Verlust des Waffenscheins und bis zu fünf Jahre Haft.

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Die Regierung denkt sogar über eine weitere Verschärfung nach - zumal viele bereits nachgerüstet haben. Seit dem Verbot wurden mehr als 7000 Waffen vom Kaliber 22 aus dem Ausland importiert, die maximal zehn Schuss haben und deshalb immer noch legal sind. In Neuseeland nennen sie die Dinger ganz harmlos "Bunny Guns". Karnickelbüchsen. Man kann damit aber auch Menschen umbringen. 

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