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Dresden

Sprechprobleme beim Schulbeginn

Zu wenige Eltern lesen ihren Kindern Geschichten vor. Auch Tablet & Co. haben weitreichende Folgen.

Eltern dürfen gern Bücher zum Vorlesen aussuchen, die sie selbst mögen – denn die Begeisterung steckt an.
Eltern dürfen gern Bücher zum Vorlesen aussuchen, die sie selbst mögen – denn die Begeisterung steckt an. © dpa

Immer mehr Dresdner Kinder im Vorschulalter haben Probleme beim Sprechen. Deshalb raten Experten den Eltern, ihren Kindern mehr vorzulesen. Gemeinsam mit dem Kind in die Welt eines Buches eintauchen, obwohl das Kleine selbst noch nicht lesen oder sogar noch gar nicht sprechen kann, ist von enormer Bedeutung für den Nachwuchs. Nicht alle Eltern scheinen das zu wissen, wie eine neue Studie zeigt. Für Kinder bleibt das nicht folgenlos. 

Die Studie: Eltern, die arbeiten gehen, lesen häufiger vor

Mehr als 30 Prozent der Eltern lesen ihren Kindern im Alter von zwei bis acht Jahren zu selten oder nie vor. Das ergab eine Untersuchung der Stiftung Lesen. Der Anteil nichtlesender Eltern ist seit 2013 unverändert. Jedes Jahr lässt die Vorlesestudie Rückschlüsse darauf zu, wie und welche Eltern vorlesen. Interessant ist, dass Mütter und Väter, die arbeiten gehen, sich häufiger die Zeit nehmen, mit ihren Kindern ins Buch zu schauen, als Eltern, die nicht berufstätig sind. Der Vergleich zeigt, dass etwa 27 Prozent berufstätiger Mütter zu selten vorliest, bei den Müttern ohne berufliche Verpflichtung sind es 39 Prozent.

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Ein weiteres Ergebnis: Noch immer lesen Männer ihren Kindern weniger vor, als das Frauen tun. Väter bleiben Vorlesemuffel, 58 Prozent von ihnen lesen selten oder nie vor. Das könnte ein Grund dafür sein, dass Jungs beim Sprechen und Lesen mehr Probleme haben.

Die Folgen: Immer mehr Dresdner Kinder kommen später in die Schule

Der letzte Dresdner Bildungsbericht zeigte deutlich, dass fast die Hälfte der Kinder aus sozial schwachen Familien vor der Einschulung Probleme beim Sprechen hat. Obwohl Mama oder Papa oft arbeitslos sind und Zeit hätten, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen, geschieht das zu selten. 51 Prozent der Eltern mit niedriger Bildung liest selten oder nie vor. Auch das zeigt die Studie. Das wiederum hat Folgen auf die Entwicklung der Kinder, insbesondere im Vorschulalter. Das zeigt die Zahl der Rückstellungen. Waren es 2010/11 noch 256 Erstklässler, die ein Jahr später eingeschult wurden, ist die Zahl im Schuljahr 2019/20 auf über 500 gestiegen. Tendenz steigend.

Über den Grund sind sich die Behörden einig: Das Gesundheitsamt, das Landesamt für Schule und Bildung und das Sächsische Sozialministerium geben dafür sprachliche Defizite und Probleme bei der visuellen Wahrnehmung an. Zu viel Fernsehen, Handy und Tablet – zu wenig Kommunikation, zu wenige Gespräche in den Familien. Dazu gehört auch Vorlesen. Katlen Worotnik, seit 1985 Grundschullehrerin und Vorsitzende beim Sächsischen Lehrerverband, gibt Entwarnung, was das Lernen von Lesen und Schreiben betrifft: „Das ist gar nicht so problematisch.“ Der Lernprozess selbst würde bei allen Kindern gut funktionieren. „Wenn dann aber im Alltag die Übung fehlt, verfestigt sich das Gelernte nicht so schnell.“ Lesen und Vorlesen würde in den Familien immer mehr in den Hintergrund treten, auch aus Zeitgründen. „Wenn ich die Kinder nach ihren Hobbys frage, bekomme ich meistens die Antwort: fernsehen oder auf dem Tablet spielen.“

Die Lösung: Weniger Tablet und TV, mehr Zeit beim Vorlesen und Sprechen

Kinderarzt Sascha Ifflaender, der seine Praxis in der Dresdner Neustadt hat, kann bestätigen, dass eine gestörte Sprachentwicklung zu seinen häufigen Diagnosen gehört. Dass Vorlesen einen positiven Effekt auf die Entwicklung des Kindes hat und später Lernschwierigkeiten verhindert, würden schon seit den 1980er-Jahren viele Studien zeigen. „Diese tollen Effekte lassen sich sogar schon beim gemeinsamen Anschauen von Bilderbüchern mit Einjährigen nachweisen“, so Ifflaender. Zudem profitiere das Kind beim Allgemeinwissen. Mehrere Studien zu Fernseh- und Handykonsum im Kleinkindalter zeigen Zusammenhänge zu Sprachstörungen und späteren Schulproblemen. Verbringen Kinder viel Zeit vor dem Fernseher, hemmt das ihre Sprachentwicklung. Sie lernen am besten, wenn sie sich mit anderen Menschen austauschen. Das Vorlesen von Geschichten hat dazu die Vorteile, dass die Kinder von klein auf Zusammenhänge besser verstehen können. Nicht zu unterschätzen sei auch, so die Experten, dass zu viel Fernsehgenuss zu unruhigem Schlaf führt. Das Lauschen einer Geschichte hingegen wirkt beruhigend, das Kind schläft besser ein und ist im Schulalltag deutlich ausgeruhter.

Kinder unter zwei Jahren sollten noch gar nicht vor dem Bildschirm sitzen, auch nicht gemeinsam mit ihren Eltern oder Geschwistern. Und auch bis ins Vorschulalter hinein ist die Dauerbeschallung durch den Fernseher nicht ratsam. Maximal 30 Minuten am Tag, so der Expertentipp.

Vorlesen hat nicht nur Einfluss auf die sprachlichen Fähigkeiten, sondern auch auf die Psyche. Der Dresdner Kinder- und Jugendpsychiater Veit Roessner bescheinigt Menschen, denen in der Kindheit regelmäßig vorgelesen wurde, mehr soziale Kompetenz und Ausgeglichenheit. Durch das Hören von Geschichten und das Sprechen darüber werden die Fantasie angeregt sowie Einfühlungsvermögen und Konfliktlösung trainiert. Margarete Feit vom Deutschen Bundesverband für Logopädie betont, dass Kinder die deutsche Sprache mühelos durch Zuhören und Nachahmen lernen und dadurch ihren Wortschatz erweitern. Untersuchungen haben ergeben, dass ein zweijähriges Kind, das jeden Abend eine Gute-Nacht-Geschichte hört, fast 300 Wörter mehr beherrscht, als Gleichaltrige, denen nicht vorgelesen wird. „Darüber hinaus: Was kann es Schöneres geben als gemütliches Kuscheln beim Vorlesen einer Gute Nacht-Geschichte oder das gemeinsame Anschauen von Bilderbüchern an einem verregneten Novembernachmittag?“, so Margarete Feit.

Um auf die Bedeutung des Vorlesens aufmerksam zu machen, rufen die Stiftung Lesen, die Deutsche Bahn Stiftung und die Wochenzeitung Die Zeit an diesem Freitag wieder zum bundesweiten Vorlesetag auf. Gut 650.000 Menschen beteiligen sich als Vorleser und Zuhörer daran, darunter auch Politiker und Prominente. (mit SZ/jv)

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