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Vorsicht, ausgeschaltete Ampel!

Zu dem tödlichen Unfall hätte es Sonntag nicht kommen müssen. Die Stadt ignorierte eine Empfehlung der Polizei.

Von Jens Ostrowski

Der Unfall an für sich ist schon tragisch genug. Als in der Nacht zum vergangenen Sonntag ein 38-Jähriger mit seinem Passat über die Pausitzer Straße die Robert-Koch-Straße Richtung Erdgasarena überqueren will, rast dem zweifachen Familienvater von rechts ein A5 in die Seite. Der Passat schleudert über die Fahrbahn und bleibt an einem Ampelpfosten hängen. Für den Fahrer, der bei ausgeschalteter Ampel nicht vorfahrtberechtigt war, kommt jede Hilfe zu spät. Er stirbt an den Folgen der Kollision. Was den Unfall noch viel tragischer macht ist: Vor etwa einem halben Jahr hatte die Polizei der Unfallkommission des Landkreises Meißen, in der auch die Stadt Riesa vertreten ist, empfohlen, aufgrund der erhöhten Gefahr nachts in Riesa alle Ampeln eingeschaltet zu lassen. „In diesem Fall wäre es am Sonntag zu diesem Unfall wahrscheinlich nicht gekommen“, sagt Riesas Polizeichef Hermann Braunger.

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Riesas Polizeichef Hermann Braunger fordert, das die Ampeln nachts eingeschaltet bleiben. Foto: Alexander Schröter
Riesas Polizeichef Hermann Braunger fordert, das die Ampeln nachts eingeschaltet bleiben. Foto: Alexander Schröter

Auf Druck der Polizei

Er setzt sich bei der Stadt bereits seit Längerem dafür ein, dass die Lichtsignale nicht abgeschaltet werden. „Denn wir haben festgestellt, dass die Unfälle mit schwer verletzten Personen vor allem in den Abend- und Nachtstunden passieren, in denen die Ampeln ausgestellt sind. Von den 27 städtischen Lichtsignalanlagen läuft derzeit nur eine im Dauerbetrieb. Nämlich an der Doppelkreuzung Pausitzer Straße mit Goethe-Straße und Friedrich-Engels-Straße, sagte Stadtsprecher Uwe Päsler gestern der SZ. Und die war auf Druck der Polizei wieder in Betrieb genommen worden, weil sich die Unfälle dort erheblich gehäuft hatten.

Alle anderen Ampeln werden nachts und größtenteils auch an Sonn- und Feiertagen abgeschaltet, sagte Uwe Päsler. Die Schaltzeiten seien verschieden, in der Regel aber zwischen 5 und 22 Uhr. „Das kommt auf das jeweilige Verkehrsaufkommen an den Kreuzungen und Einmündungen an. Wie eine Ampel betrieben wird, wird bei der Planung vor Bau und Inbetriebnahme in Zusammenarbeit mit der Unteren Verkehrsbehörde entschieden. An der Einfahrt zum Riesapark beispielsweise orientiert sich die Schaltzeit an den Öffnungszeiten des Einkaufszentrums“, erklärte der Pressesprecher.

Wenn es nach Hermann Braunger ginge, würden in Riesa alle Ampeln im 24-Stunden-Betrieb laufen. Zwar seien die Verkehrsregeln auch ohne sie eindeutig geregelt. „Und doch macht der Mensch Fehler und ist der erste Schwachpunkt in der Kette“, sagt Hermann Braunger. Aber genau deshalb sei es notwendig, ihm an Gefahrenstellen möglichst viel Unterstützung zu bieten.

Allein an der besagten Kreuzung am Lutherplatz krachte es in den letzten drei Jahren – 2013 nicht mitgerechnet – 23 Mal. Dabei wurden sechs Menschen verletzt, drei davon schwer. An anderen großen Kreuzungen wie die an der Shell-Tankstelle und am Ölwerk sehe es nicht besser aus. Auch hier werden die Signale abgestellt. Braunger sagt, es werde in der Verwaltung Zeit, umzudenken. Das findet auch die Riesaer CDU-Fraktion, die bereits einen Tag nach dem tödlichen Unfall beantragt hat, Einsicht in die Unfallstatistik an fünf großen Kreuzungen im Stadtgebiet zu bekommen – um möglichst zu reagieren. „Wenn hier ein unmittelbarer Zusammenhang von ausgeschalteten Ampeln und Unfällen zu erkennen ist, müssen wir handeln“, sagte Fraktionschef Marco Müller gestern der Sächsischen Zeitung. Der stellte an die Verwaltung auch gleich die Anfrage, mit wie viele Mehrkosten pro Anlage der 24-Stunden-Betrieb verbunden sei.

Uwe Päsler betonte gestern allerdings, dass es bei dem Thema der Stadt nicht darum gehe, Kosten zu sparen. Die Stadt wolle vielmehr verhindern, dass Fahrzeuge in verkehrsschwachen Zeiten vor der roten Ampel stünden und so sinnlos Kraftstoff verbrauchten und Abgase verursachten. Er stellte aber auch klar: „Ein Nachtbetrieb würde Mehrkosten verursachen. Dennoch dürfen diese Kosten nicht den Sicherheitsgedanken bestimmen.“

Unfallkommission entscheidet

Ob bestimmte Ampeln künftig nachts wieder eingeschaltet werden, will die Unfallkommission des Landkreises bei ihrer Sitzung Mitte Dezember klären, sagte Uwe Päsler. Unterdessen arbeitet die Polizei den Unfall vom vergangenen Sonntag noch auf. Denn ob der 38-jährige Passatfahrer wirklich schuld war, weil er an der Kreuzung nicht vorfahrtsberechtigt war, steht derzeit nicht fest. Nach Informationen der Sächsischen Zeitung hatte ein Sachverständiger bereits in der tragischen Nacht geschätzt, dass der 21-jährige Unfallgegner, der den Volkswagen von rechts erwischte, weitaus schneller gewesen sein könnte als die erlaubten 50 Stundenkilometer.

Hermann Braunger wollte sich dazu nicht äußern und verwies auf die laufenden Ermittlungen. Die Polizei hatte deshalb einen Zeugenaufruf gestartet. Hermann Braunger sagte aber ganz pauschal, dass die Schuldfrage sich bei Verkehrsunfällen immer erst nach Abschluss der Ermittlungen ergebe. Vorverurteilungen seien jetzt fehl am Platze. Die genauen Umstände zu klären, ist jetzt Aufgabe der Ermittler.