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VW Sachsen baut um

VW Sachsen ist derzeit mächtig in Bewegung. Die Chefetage wechselt fast komplett, Zwickau wartet auf den neuen Passat und Dresden auf den neuen Phaeton.

Von Lars Radau

Es wimmelt in und an der Gläsernen Manufaktur. Während ein Roboter-Arm ein Rad auf eine Phaeton-Karosserie zuschiebt, stimmt vor dem charakteristischen Fahrzeugturm ein Streicher-Quintett seine Instrumente. Gleichzeitig gestikuliert in einem Konferenzraum ein Anzugträger vor einem Flipchart, präsentieren Kundenberater Lederbezüge, bückt sich ein Junge mit Baseball-Kappe nach seinem heruntergefallenen Becher. Dass an der Manufaktur viel Bewegung vieler liebevoll gezeichneter Figuren in einer detailreichen Umgebung zu entdecken ist, gehört zum Konzept – des neuen „Mein großes Dresden-Wimmelbuch“ aus dem Breitschopf-Verlag, das ab heute unter anderem in den Dresdner Filialen der Buchhandelskette Thalia zu finden ist.

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Der doppelseitige Auftritt im Kinderbuch, an dessen Produktionskosten sich VW Sachsen im Gegenzug beteiligt hat, funktioniert aber durchaus auch als Sinnbild für die aktuelle Situation des Konzerns im Freistaat. VW Sachsen ist derzeit mächtig in Bewegung. Das beginnt an der Führungsspitze: Sie wird bis zum 1. April fast komplett ausgetauscht sein. An diesem Tag übernimmt Siegfried Fiebig, bislang Werksleiter im VW-Stammwerk Wolfsburg, den Chefsessel von Hans-Joachim Rothenpieler, der im September 2010 als Sprecher der Geschäftsführung nach Zwickau gekommen war. Rothenpieler, heißt es offiziell, bereite sich derzeit auf eine „andere verantwortungsvolle Aufgabe im Konzern“ vor. Welche genau – dazu gab es gestern, zehn Werktage vor dem Wechsel, noch keine Auskunft. In der Zwischenzeit führt Christian Koch, der erst im vergangenen September als Geschäftsführer D-Klasse – so nennt VW seine Luxuslimousinen – nach Sachsen gekommen war, kommissarisch die Geschäfte.

Bereits seit Anfang März hat VW Sachsen zudem einen neuen Finanzchef – der Diplom-Kaufmann Kai Siedlatzek löste Karin Sonnenmoser ab, die VW ganz verlässt und als Finanzvorstand zum österreichischen Lichthersteller Zumtobel geht. Auf seinem Posten bleibt lediglich Dirk Coers, in der Chefetage von VW Sachsen zuständig für Personal und Organisation.

„Normaler Vorgang“

Horcht man in das Unternehmen hinein, gibt es zwei Sichtweisen auf die Personal-Rochaden. Vertreter der einen halten sie für einen „normalen Vorgang“: Führungskräfte-Verträge bei VW liefen üblicherweise über drei Jahre – und diese Zeit sei bei Karin Sonnenmoser und Hans-Joachim Rothenpieler eben abgelaufen. Skeptiker hingegen betonen, dass Rothenpieler seine Aufgabe in Sachsen sehr gerne fortgesetzt hätte – und unter enormem Druck stand, den strengen Produktivitäts-Vorgaben aus Wolfsburg zu entsprechen. Wie der VW-Vorstand seine bisherige Arbeit beurteilt, dürfte auch an Rothenpielers künftiger Position abzulesen sein.

Dass sie aber in der Produktion für erhebliche Bewegung gesorgt hat, steht fest: Unter Rothenpielers Regie baute VW Sachsen das Motorenwerk in Chemnitz und die Fahrzeug-Fertigung in Zwickau auf die Anforderungen des sogenannten Modularen Querbaukastens (MQB) um. Auf Basis des MQB entsteht nicht nur der VW-Bestseller Golf, dessen Kombi-Variante ausschließlich in Zwickau gebaut wird. Auch die nächste Generation des Passat, die im Oktober auf dem Pariser Autosalon erstmals offiziell präsentiert werden soll, basiert auf dem MQB. Im Zwickauer Werk ist deshalb die Produktion der aktuellen Passat-Limousine Ende vergangenen Jahres ausgelaufen. Auf der Linie, heißt es, werde aktuell eine MQB-Drehscheibe eingebaut. Sie ermögliche es, den aktuellen Golf und den neuen Passat je nach Bedarf quasi an einem Band flexibel zu bauen. Für die Umstellung in Montage und Karosseriebau nimmt VW Sachsen rund 360 Millionen Euro in die Hand.

Diese Flexibilität, sagen Insider, erhöhe ganz generell die Chancen des Standorts – im VW-Werksverbund werde gerade ohnehin „vieles neu ausgewürfelt“. Neben Golf und Passat werden in Zwickau auch Karosserien für das VW-Flaggschiff Phaeton und die englische Luxus-Schwestermarke Bentley gebaut. Ihre Zahl ging im vergangenen Jahr um reichlich 16 Prozent zurück. Das indes liegt weniger an den Briten als an der deutlich nachlassenden Nachfrage nach dem größten VW. Der Phaeton verkauft sich offenbar immer schwerer. Während im Rekordjahr 2011 fast 12.000 Autos die Gläserne Manufaktur verließen, waren es im vergangenen Jahr nur noch 5812 Exemplare. Auch die Nachfrage in China, die dem seit 2002 gebauten Modell eine selbst von VW unerwartete Konjunktur bescherte, brach spürbar ein.

Neues Flaggschiff kommt später

Eine Folge: Die Manufaktur wurde wieder auf Ein-Schicht-Betrieb heruntergefahren – und montiert seit November auch das Bentley-Modell Flying Spur. Allerdings in einer selbst für hochpreisige Luxusautos homöopathischen Dosis: 2013 verließen gerade einmal 55 Flying Spur das Dresdner Werk.

Immerhin: Dass es „definitiv einen Nachfolger“ für den Phaeton geben werde, hatte Hans-Joachim Rothenpieler im vergangenen November in einem Interview bestätigt. Aus dem Konzern heißt es indes, dass es „durchaus noch etwas länger dauern“ könne, bis die neue VW-Luxuslimousine tatsächlich offiziell das Licht der Welt erblickt. Bis dahin herrscht, nicht nur im Kinderbuch, vor den Pforten der Gläsernen Manufaktur mehr Gewimmel als dahinter.