merken
PLUS Freital

"Die Panikkäufe haben geholfen"

Der Wilsdruffer Wackler-Niederlassungsleiter Markus Hecker sagt, wie die Spedition bisher durch die Krise kam. Und er hat auch eine Prognose.

Wackler-Niederlassungsleiter Markus Hecker im halb-leeren Disponenten-Büro. Einige Mitarbeiter arbeiten immer noch im Homeoffice.
Wackler-Niederlassungsleiter Markus Hecker im halb-leeren Disponenten-Büro. Einige Mitarbeiter arbeiten immer noch im Homeoffice. © Karl-Ludwig Oberthuer

Herr Hecker, kam der Lockdown für Ihre Spedition überraschend?

Nicht ganz. Wir haben im März schon darüber diskutiert, was passieren wird, wenn sich das Coronavirus in Deutschland ausbreitet. Ich hätte nie gedacht, dass wir die Schulen schließen und dass bei uns in der Firma Masken getragen werden müssen. Das konnten wir uns nicht vorstellen. Die Corona-Krise selbst hat uns hart erwischt. Im April, als der Lockdown schrittweise in Italien, Spanien und in anderen Ländern eingeführt wurde, ist unser Exportanteil über Nacht um 40 Prozent gesunken. Auch die Geschäftsbeziehungen nach Polen wurden kompliziert. Die ersten zwei Wochen nach dem Lockdown taten ziemlich weh. Die polnischen Grenzer waren sehr hartnäckig. Es kam zu kilometerlangen Staus an der Grenze. Unsere Fahrer steckten drin. Für uns hatten diese Staus wirtschaftliche Konsequenzen. Schließlich werden wir dafür bezahlt, dass die Waren pünktlich angeliefert werden. Und das konnten wir nicht gewährleisten. Erst nach bilateralen Gesprächen hat sich die Lage an den Grenzübergängen gebessert.

Anzeige
Abwrackprämie für Ihren "Alten"
Abwrackprämie für Ihren "Alten"

Die Autogalerie Dresden hat sich ein besonderes Angebot ausgedacht: 5.000 Euro Umtauschprämie.

Wie lief das Geschäft mit ihren Lieferanten und Kunden in Deutschland?

Die heimische Wirtschaft in Sachsen hat ganz gut funktioniert. Allerdings gab es unterschiedliche Tendenzen. Es gab Branchen, die profitierten von der Krise, andere litten darunter. Zu den Gewinnern gehören hauptsächlich die Lieferanten des Einzelhandels. Vor allem die Panikkäufe der Bevölkerung haben uns über Wasser gehalten. Sie wissen ja, was da los war. Ich erinnere nur an die Themen Toilettenpapier und Lebensmittel. Fast zeitgleich haben die Lieferanten der Autoindustrie den Schlüssel umgedreht, sie haben nicht mehr produziert.

Trotzdem hat das Inlandsgeschäft leicht zugelegt. Woran lag das?

Alle Leute, die im Homeoffice, in Quarantäne oder in der Kurzarbeit waren, haben wie verrückt im Internet gekauft. Dadurch stiegt die Zahl der Sendungen zu privaten Haushalten. Vor der Krise lieferten wir am Tag täglich rund 900 bis 1.000 Sendungen aus. Der Anteil der Sendungen an Privathaushalte lag bei gut zehn Prozent, durch Corona stieg der Anteil auf 15 bis 20 Prozent. Wir liefern Waren aus, die die Paketdienste nicht bewältigen können, wie Tischkreissägen oder Laufbänder. Und das in einem Umkreis bis zu 100 Kilometer, also von Wilsdruff aus bis Görlitz, Zittau, Cottbus und Chemnitz.

Konnte das Inlandsgeschäft die Verluste im Außenhandel wettmachen?

Nein. Dazu hat das Inlandsgeschäft zu wenig zugenommen.

Die Spedition Wackler ist seit fast 30 Jahren auch in Ostsachsen aktiv. In Wilsdruff unterhält das baden-württembergische Unternehmen eine Niederlassung.
Die Spedition Wackler ist seit fast 30 Jahren auch in Ostsachsen aktiv. In Wilsdruff unterhält das baden-württembergische Unternehmen eine Niederlassung. © Karl-Ludwig Oberthuer

Wie groß ist der wirtschaftliche Verlust für Ihre Spedition?

Im April war es ganz schlimm, im Mai wurden die Schmerzen geringer. Doch der Mai hat nur 19 Arbeitstage. Feiertage wie Himmelfahrt oder Pfingstmontag unterbrechen unser Geschäft. Deshalb war vom Aufschwung im Mai nichts zu spüren. Jetzt im Juni sehen wir, dass die Wirtschaft stabiler wird. Der Umsatzverlust im April lag bei 25 Prozent über alles. Im Mai wird es ähnlich sein, für Juni lässt sich das noch nicht abschätzen. Ich hoffe, dass es nun aufwärts geht. Ein Aufschwung deutet sich an. Für dieses Jahr hatten wir nicht mit einem Wachstum geplant. Wir hofften auf einen Umsatz von 54 Millionen Euro, also genauso viel wie 2019. Das lag an den Prognosen, die uns vorlagen. Im Januar, Februar hat sich schon angedeutet, dass wir eine Bremse im Wirtschaftswachstum haben, auch ohne Corona. Durch die Pandemie rechne ich mit einem Minus von zehn bis 15 Prozent.

Gab es bei Ihnen Kurzarbeit?

Auch wir sind an der Kurzarbeit nicht vorbeigekommen. Etwa 20 Prozent der Kollegen waren in Kurzarbeit. Bei uns betraf das die internationalen Einheiten, den Verkauf und zum Teil die Verwaltung. Die anderen hatten normal zu tun. Ende April haben wir die Kurzarbeit beendet.

Und wie lief der Betrieb in der Firma?

Auch wir haben unsere Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt und alle möglichen Varianten getestet. Wir haben geschaut, was geht, was geht nicht. Ein Teil der Mitarbeiter wechselt tageweise, die meisten aber wochenweise. Das ist wichtig, damit die Leute nicht die Nähe zum Betrieb verlieren. Denn Homeoffice ist nicht nur gut. So praktikabel es auch für den Einzelnen sein mag, wir sind anders unterwegs als Versicherungen oder Banken. Dort könnte ich mir so etwas dauerhaft vorstellen. Wir hatten im April schlechte Erfahrungen gemacht, da waren Leute zwei, drei Wochen raus. Die Mitarbeiter entwickeln ein anderes Selbstverständnis vom Arbeitsleben.

Wie meinen Sie das?

Wir sind in der Krise und nicht im Urlaub. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Wird es zu einem zweiten Lockdown kommen?

Wenn man die Situation mit der Spanischen Grippe vergleicht, würde uns die zweite Welle im Herbst erreichen. Ich hoffe das aber nicht. In der Bevölkerung ist die Vernunft eingezogen. Und es ist nachgewiesen, dass die Mund-Nasen-Masken etwas bringen. In der ersten Welle sind wir so überrollt worden, dass jeder verstanden haben dürfte, dass wir eine Zweite Welle vermeiden sollten.

Wie bewerten Sie die Maßnahmen, die die Politik ergriffen hat?

Die Politik hat gut reagiert. Als es losging, hat sie Sicherheit verbreitet und Maßnahmenpakete geschnürt. Das war alles richtig. Man musste bei dem einen oder anderen nachjustieren. In Argentinien oder Schweden lief es nicht so glatt.

Viele meinen, dass der Corona-Lockdown die Wirtschaft härter traf als die Wirtschafts- und Finanzkrise in den Jahren 2008/2009. Glauben Sie das auch?

Beide Krisen haben uns ähnlich hart getroffen, aber es gibt Unterschiede. 2009 haben wir im späten Frühjahr gemerkt, dass es sich entspannt. Jetzt entspannt es sich zwar auch, aber wir wissen, dass es da irgendwo noch einen Virus gibt. Und weil es keine Medikamente und keinen Impfstoff gibt, geht es noch nicht so richtig los. Das Virus hängt wie ein Damoklesschwert über uns. Das ist der Unterschied zur Wirtschafts- und Finanzkrise.

Welche Lehren lassen sich aus der Corona-Krise ziehen?

Globalisierung ist gut für den Wohlstand, birgt aber auch Risiken, gerade bei so einer Pandemie. Vor 100 Jahren hätte so eine Pandemie Asien nicht verlassen, oder es hätte Jahre gedauert, bis sie bei uns angekommen wäre. Wohlstand und Risiko liegen eng nebeneinander. 

Weiterführende Artikel

„Die Unfälle auf der A 4 waren programmiert“

„Die Unfälle auf der A 4 waren programmiert“

Die Wilsdruffer Spedition Wackler leidet unter der Dauerbaustelle. Deren Chef glaubt aber trotzdem an den Standort.

Wackler in Wilsdruff

Markus Hecker (56) leitet die Wilsdruffer Niederlassung der Spedition Wackler, deren Hauptsitz sich in Göppingen (Baden-Württemberg) befindet. In Wilsdruff arbeiten 220 Mitarbeiter direkt bei Wackler, hinzu kommen rund 150 Lkw-Fahrer.

Mehr zum Thema Freital