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Keine Chance für Bayreuths "Tannhäuser" 

Wenn Wagners Oper auf der Wartburg läuft, dann erklingt sie dort, wo sie hingehört. Und der Zuschauer sitzt inmitten der Sänger – ein Traum!

Bei der "Tannhäuser"-Inszenierung auf der Wartburg agieren die Sänger mitten im Publikum.
Bei der "Tannhäuser"-Inszenierung auf der Wartburg agieren die Sänger mitten im Publikum. © PR

Von Bernd Klempnow

Was ist der Unterschied zwischen den Aufführungen von Richard Wagners Oper „Tannhäuser“ auf der Wartburg zu Eisenach und denen bei den renommierten Festspielen in Bayreuth? Für Bayreuth bekommt man mittlerweile relativ entspannt Karten, für die Wartburg eher nicht. Für 2019 geht gar nichts mehr. Das zeigte sich am Sonntag zur 100. Vorstellung seit 16 Jahren – seitdem wird „Tannhäuser“ durch die Wartburg-Stiftung mit den Theatern der Region aufgeführt. Für 2020 startet der Vorverkauf am 15. Oktober – binnen Tagen dürften die Tickets wieder weg sein. Es sind halbszenische vierstündige „Tannhäuser“ und eine Einstundenfassung „Tannhäuser für Kinder“ im Angebot.

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Der Run auf die Wartburg-Karten hat mehrere Gründe: Das Festspielhaus hat 1974 Plätze, der Festsaal in Eisenach nur 350. Die Karten im Fränkischen kosten durchaus bis über 400 Euro, die im Thüringischen weniger als 100 Euro. Die entscheidenden Aspekte aber sind die: Die Oper spielt – wie der komplette Titel „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ bereits verrät – auf der Burg. Tatsächlich hatten hier jene Sängerwettstreite im Mittelalter stattgefunden, die Wagner (1813 – 1883) inspiriert haben. Und der Venus-Berg, in dem Tannhäuser sündigt, was ja zum eigentlichen Drama führt, liegt in Sichtweite des Unesco-Welterbe-Baus. Zudem haben die Profis vom Meininger Theater ein Inszenierungskonzept gefunden, das den Zuschauer ungewöhnlich direkt einbindet. Aus Platzgründen sind die Sänger auf dem Podium vorm Orchester und extrem dicht am Publikum. Mehr noch: Sie haben ihre Auftritte, indem sie durch die Zuschauerreihen gehen und dabei singen – wie Elisabeth „Dich, teure Halle, grüß’ ich wieder“ und den beeindruckenden „Pilgerchor“. Bei einem weiteren Hit, dem Chor „Freudig begrüßen wir die edle Halle“, stehen die Künstler auf dem raumlangen Balkon und schmettern die Weise ins Auditorium. Wagners Musik hat auf jeder Bühne Wucht und Kraft. Im Festsaal der Wartburg spürt man die zupackende Musik körperlich.

Durch die Nähe ist auch das Spiel der Akteure viel intensiver wahrzunehmen, ihre Textverständlichkeit ist nahezu perfekt – so werden manch stimmliche Abstriche kompensiert. Obwohl das Orchester mit 68 Musikern und der Chor mit um die 50 Sänger für den relativ kleinen Saal stark besetzt sind, ist die Akustik dank der Holzvertäfelungen für das Frühwerk ideal.

Alles Schmu, kann man sagen? Ja! Denn Wagner hat die Wartburg erstmals Jahre nach der Dresdner Premiere besucht. Doch schwärmte er dann, dass sein Ohr die in der Burg „lebendig gewordenen Klänge meines Tannhäusers“ wahrnimmt. Daraufhin kopierte Bayern-König Ludwig II. den Sängersaal für sein Neuschwanstein. Der Wagner-Verehrer wusste: Prunk und Verzierungen des Saals passen perfekt zur romantischen Musik. Und so macht der Charme des quasi authentischen Schauplatzes und das hautnahe Erleben selbst bayreuthnahe Skeptiker des Tannhäusers auf der Wartburg zu Fans desselbigen.

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