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Wahlkampf der Generationen

Jüngster und ältester Riesaer Stadtratskandidat leben in verschiedenen Welten. Trotzdem haben sie gemeinsame Ziele.

Satte 55 Jahre liegen zwischen Rudolph Gallitzdorfer von den Freien Wählern und Hermann Diewock, der für die Linke kandidiert. Beide wollen in den Riesaer Stadtrat. Diewock hat die meiste Zeit seines Lebens in der DDR verbracht – war in FDJ, NVA und SED. Er spricht von Interessenzirkeln und Genossen. Als Gallitzdorfer in Riesa geboren wird, ist die Mauer seit drei Jahren weg. Er will Jugendliche im Stadtrat sehen. Die SZ hat die Kontrahenten zum Interview geladen.

Herr Gallitzdorfer, was treibt Sie an, in einem Stadtrat mitarbeiten zu wollen, in dem größtenteils Menschen im Alter ihrer Großeltern sitzen?

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Gallitzdorfer: Ich lebe seit meiner Geburt in Riesa, und mich bewegt hier auch nichts weg. Ich finde es sehr schade, dass so viele junge Leute weggehen, weil sie scheinbar nichts haben, was sie in Riesa hält. Ich möchte, dass man wieder mal eine junge Stimme im Stadtrat hat, damit sich auch Jugendliche verstanden fühlen. Damit es eben nicht immer nur heißt, die Älteren würden über die Köpfe der Jugend hinweg entscheiden. Ich will, dass es ein Miteinander zwischen Jung und Alt gibt.

Herr Diewock, Sie sind jetzt 76 Jahre alt. Warum tun Sie sich das noch an?

Diewock: Weil ich die Schnauze voll habe, dass von oben herunter alles bestimmt wird. Ich bin seit 2001 Kandidat. Ich habe es aber nie in den Stadtrat geschafft. Ich denke, das liegt daran, dass ich immer das sage, was ich denke. Meine Gusche ist wie ein Revolver, und wenn ich einmal auf den Abzug gedrückt habe, kann ich nicht sagen: Schuss, komm zurück. Ich denke, das passt vielen nicht. Ich bin der Meinung, dass im Stadtrat nur das besprochen wird, was die Verwaltung vorgefertigt hat. Und das soll sich ändern.

Ist das auch für Sie ein Grund?

Gallitzdorfer: Auf jeden Fall. Es werden Dinge hinter verschlossener Tür besprochen. So ist das auch beim Schulzentrum. Aber gerade da sollte man die Meinung von Schülern und Eltern hören. Ich finde es wichtig, dass mehr Leute miteinbezogen werden und auch nicht erst auf Anfrage Infos bekommen, sondern generell.

Halten Sie das geplante Schulzentrum für einen Fehler?

Gallitzdorfer: Sicher ist eine Schulsanierung mit enormen Kosten verbunden. Jetzt ist die Frage, ob es Sinn macht, die zu tragen oder eine neue Schule zu bauen und damit zu riskieren, dass die Schüler, die derzeit noch einen kurzen Schulweg haben, dann Bus fahren müssen. Man kann den Neubau machen. Aber nur, wenn die Bürger dafür sind. Um die geht es ja.

Diewock: Wir haben Schulen, die leer stehen. Sollen die doch erst mal genutzt werden. Ich halte den Neubau für eine Krone, die sich die Bürgermeisterin aufsetzen will.

In welchem Augenblick haben Sie beschlossen, sich politisch einzumischen?

Gallitzdorfer: Bei mir hat das mit der Initiative für Riesa angefangen. Da haben sich ganz viele Leute getroffen, die etwas verändern wollten. Irgendwann sind wir dann zu dem Schluss gekommen, dass das nur geht, wenn wir eine Plattform dafür haben. Das ist der Stadtrat. Mit dieser Erkenntnis haben wir die Freien Wähler gegründet.

Diewock: Das war, als die Initiative zum Erhalt des Stadtbades ausgerufen wurde. Vor der Wende hat das keinen Sinn gehabt.

Wie war das in der DDR mit Ihrem politischen Einsatz?

Diewock: Ich durfte nicht auf die Erweiterte Oberschule, weil mein Vater als Großbauer galt. Weil ich studieren wollte, war ich beim Grundwehrdienst. Dort warb mich ein Stasi-Leutnant und sagte, dass ich zwei Jahre bei der Bereitschaftspolizei dienen soll, um studieren zu können. Dann stand ich unter Stasi-Kommando. Ein Jahr später durfte ich mir aussuchen, ob ich bei der Stasi weitermache oder mich ins Ministerium des Innern nach Cottbus versetzten lasse. Ich zog Cottbus vor, weil ich ein Verhör erlebt habe, bei dem man mir von abends bis morgens Löcher in den Ar... gefragt hat. Damit wollte ich nichts zu tun haben.

Dennoch sind Sie in die SED eingetreten. Sind Sie eigentlich froh, nun in diesem politischen System zu leben?

Diewock: Teil, teils. Früher hatten die Genossen das Sagen und heute das Kapital.

Zurück in die Gegenwart. Welche Themen treiben Sie um?

Diewock: Es kann nicht sein, dass hier staatliche Gebäude von privaten Investoren auf gekauft werden. So ist es mit der Brauerei passiert. Und die liegt jetzt brach.

Und wenn die Stadt die Gebäude nicht halten kann?

Diewock: Das ist zu kurzfristig gedacht. Das gibt einmal schnelles Geld, aber langfristig ist es weg, und wir werden ärmer und ärmer. Wir müssen die leerstehenden Gebäude der Jugend zur Verfügung stellen. Damit sie ihre Interessenzirkel gründen können.

Interessenzirkel – klingt das in ihren Ohren zeitgemäß, Herr Gallitzdorfer?

Gallitzdorfer: Man kann Jugendliche nicht zu etwas nötigen, wozu sie keine Lust haben. Man muss sie erst einmal motivieren. Es gibt ja schon gute Ansätze an den Schulen, Trickfilmworkshops oder auch was in Richtung Holzbearbeitung.

Welche Themen beschäftigen Sie denn mit Anfang 20?

Gallitzdorfer: Das ist zum einen die Belebung der Innenstadt. Zum anderen will ich andere Jugendliche in die Stadtpolitik einbeziehen. Zum Beispiel, die, die sich in Weida für eine Skaterhalle einsetzen und keine Stimme im Stadtrat haben. Irgendwann haben die dann auch die Schnauze voll, weil ihre Möglichkeiten erschöpft sind. Ansonsten ist mir der Stadtpark wichtig. Der soll wieder ein Ort werden, an dem sich alle Generationen treffen.

Wie sieht Ihr Riesa der Zukunft aus?

Gallitzdorfer: Bunt und belebt! Es muss wieder mehr Leben in die Stadt kommen. Es gibt so viele leere Gebäude, in denen man was machen könnte. Da muss man auch die Unternehmen an den Tisch holen, die Besuchermagnete im hinteren Teil der Hauptstraße setzen könnten. Damit sich das Leben nicht nur vor Kaufland abspielt. Das würde der Stadt gut tun.

Diewock: Ich hoffe, dass das Stadtbad wiederentsteht. Das ist ein Grundpfeiler der Gesundheit für die Arbeiter im Stahlwerk.

Es gibt heute kaum noch Stahlarbeiter.

Diewock: Aber das Weidaer Bad ist ein Schuss in den Ofen mit den drei Waschschüsseln.

Wir haben jetzt viel über Probleme gesprochen. Was ist toll an Riesa?

Diewock: Wir haben noch genug Flächen, etwa für Industrie. Und wir haben einen Flugplatz, der wiederbelebt werden sollte.

Gallitzdorfer: Wir haben gute Schulen. Wir haben Potenzial, was die Ausbildung angeht. Dafür haben wir das Berufsschulzentrum, das auch Schüler von außerhalb besuchen. Wir haben tolle Veranstaltungsorte: das Offene Jugendhaus, das Museum, den Stern, die Arena. Aber da ist es eben wichtig, dass man nicht nur auf die schielt, die von außerhalb kommen, sondern auch auf uns, die Riesaer.

Das Gespräch führte Britta Veltzke.