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"Uns fehlt eine ganze Generation"

Am 2. Tag der SZ-Wahlwanderung treffen die Reporterinnen einen Firmenchef mit Personalsorgen, einen Bürgermeister zwischen den Stühlen und einen Protestwähler.

Am zweiten Tag der SZ-Wahlwanderung waren die Reporterinnen  Marleen Hollenbach (l.) und Theresa Hellwig zwischen Schirgiswalde und Obergurig unterwegs. In Großpostwitz sprachen sie mit dem Geschäftsführer der Firma Ontex, Jürgen Preusche.
Am zweiten Tag der SZ-Wahlwanderung waren die Reporterinnen Marleen Hollenbach (l.) und Theresa Hellwig zwischen Schirgiswalde und Obergurig unterwegs. In Großpostwitz sprachen sie mit dem Geschäftsführer der Firma Ontex, Jürgen Preusche. © SZ/Uwe Soeder

Schirgiswalde/Obergurig.  Das dunkelblaue Jacket flattert im Wind, als Jürgen Preusche den Spreeradweg entlanggeht. Vorbei an einer gemähten Wiese, vorbei an Büschen und Bäumen, die im Wind leicht schwanken und hinter denen immer wieder das weiße Fabrikgebäude auftaucht: Preusches Hoheitsgebiet, wenn man so will. Der Geschäftsführer des Tampon-Herstellers Ontex muss aufs Gras ausweichen, als ein Traktor sich nähert. Als er vorbeigefahren ist, liegt dezenter Gülle-Geruch in der Luft. Ja, Preusches Firma liegt im ländlichen Raum – und auf dem Weg unserer Wahlwanderung, die uns an diesem zweiten Tag von Schirgiswalde über Großpostwitz nach Obergurig führt.

Am Dienstagmorgen sind Marleen Hollenbach (l.) und Theresa Hellwieg in Schirgiswalde gestartet.
Am Dienstagmorgen sind Marleen Hollenbach (l.) und Theresa Hellwieg in Schirgiswalde gestartet. © Marleen Hollenbach

Die Firma ist einer der größten Arbeitgeber der Region. Anderthalb Milliarden Tampons gehen hier jedes Jahr über das Band, erzählt Jürgen Preusche. „Würde man die alle aneinander legen, kämen wir damit zwei Mal um den Äquator“, erklärt der 62-Jährige. „Ontex – viele kennen den Namen nicht“, sagt er. Das hat einen einfachen Grund: Das belgische Unternehmen produziert Windeln für Kinder und Alte,  Krankenhausunterlagen, und – wie hier in Großpostwitz – Damenhygieneprodukte. Und zwar jene, die dann zum Beispiel als Eigenmarke in den Supermarktregalen landen.

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Der Markt für Bio-Tampons boomt, da gibt es viel Potenzial. Das Unternehmen wächst und wächst. Es gibt neue Maschinen, jedes Jahr werden neue Hallen gebaut, auch in Großpostwitz. Aber das könnte sich bald ändern, erzählt uns Jürgen Preusche, als er auf dem Spreeradweg an dem 50 Hektar großen Gelände entlang läuft. Am Firmeneingang hat er ein Schild montieren lassen. „Mitarbeiter und Azubis gesucht“, steht darauf. Etwa 30 weitere Leute, so erzählt Preusche, würden am Standort benötigt. „Uns fehlt eine ganze Generation in der Region“, sagt er und meint die Leute, die nach der Wende den Jobs hinterhergezogen sind – in den Westen Deutschlands. Aus Tschechien und Polen werden mittlerweile die Arbeiter hergeholt, aber es reicht noch nicht. „Wir diskutieren viel über künftige Investitionen, dabei spielen auch die fehlenden Mitarbeiter eine Rolle“, erzählt er uns.

Das geht soweit, dass die Entwicklung an diesem Standort gehemmt wird.„Die Politiker könnten eine bessere Image-Pflege für die Region betreiben“, erklärt er. „Unsere Region ist gar nicht so schlecht, wie wir oft gemacht werden.“ Dass es hier bezahlbares Bauland gibt, ist ein Punkt, mit dem man Leute ködern könnte, schlägt er vor. Lebenswert muss die Region sein, damit auch jemand herkommen möchte. Das bedeutet: Der Breitband-Ausbau muss nun endlich vorangehen. 

464 Mitarbeiter gibt es hier am Standort, so viel wie in dem vorherigen Unternehmen vor der Wende. Zu DDR-Zeiten war die Firma eines von vielen Textilunternehmen in der Oberlausitz, klein im Vergleich zu den großen Betrieben in Kirschau und Löbau. Heute ist Ontex einer der größten in den östlichen Bundesländern. „Wir sind stolz darauf“, sagt Preusche zum Abschied, „aber es ist auch schade zugleich“.

Die zweite Etappe ihrer Wahlwanderung führte die SZ-Reporterinnen von Schirgiswalde nach Obergurig.
Die zweite Etappe ihrer Wahlwanderung führte die SZ-Reporterinnen von Schirgiswalde nach Obergurig. © SZ-Grafik

Wir stecken die Notizbücher zurück in die Tasche, laufen noch einmal in den Großpostwitzer Ortskern zurück – denn dort wartet der neu gewählte Bürgermeister mit Kaffee auf uns. Markus Michauk (OLG) kennt den Ort, wie seine Westentasche – seit jeher lebt er in der Gemeinde, erzählt er uns dann bei einem Spaziergang. Über 25 Jahre war er Hauptamtsleiter der Gemeinde. Verschiedene Meinungen gab es im Ort schon immer, doch so aufgewühlt wie jetzt sei die Stimmung noch nie gewesen, sagt er. Michauk sieht sich als Verwalter, als einer, der in hitzigen Zeiten einen kühlen Kopf bewahrt. Die Leute sind politischer geworden, erzählt er uns. Das sieht er zum Beispiel an den hohen Anfragen nach Briefwahl-Unterlagen. Umso wichtiger ist es ihm, dass sich nach der Wahl schnell eine neue Regierung bildet. „Wir brauchen das Signal an die Bürger: Sie haben ihr Kreuz gesetzt, jetzt wird das umgesetzt", erklärt der 46-Jährige.

Der Großpostwitzer Bürgermeister Markus Michauk im Gespräch mit Theresa Hellwig. 
Der Großpostwitzer Bürgermeister Markus Michauk im Gespräch mit Theresa Hellwig.  © Marleen Hollenbach

Der Bürgermeister muss zum nächsten Termin. Und auch wir haben noch etliche Kilometer vor uns. Beim Wandern fällt uns auf: Wir werden erkannt. Ein älterer Mann winkt uns freundlich, als er an uns vorbeigeht. Eine Frau lässt die Beifahrerscheibe ihres Autos herunter, nur, um kurz "Hallo" zu sagen. Wir haben schon fast unserer Nachtquartier erreicht, als ein Radfahrer auf uns aufmerksam wird. Der Mann redet nicht lange um den heißen Brei herum. "Ich bin ein Protestwähler", sagt er. Erst habe er links gewählt, seit 2014 dann die AfD. Egal, ob nun gerade der Gemeinderat, der Bundestag oder der Landtag gewählt werden sollte, diese Partei bekam immer sein Kreuz.

Ob er denn will, dass die AfD an die Macht kommt, fragen wir ihn und erhalten eine überraschende Antwort. "Das auf keinen Fall", sagt der 62-Jährige und klingt dabei fast ein wenig entrüstet. An unseren fragenden Blicken erkennt er wohl, dass er uns diesen Widerspruch erklären muss. Er überlegt kurz, dann sagt er: "Mir geht es darum, denen einen Denkzettel zu verpassen." Einen Denkzettel dafür, dass die Konservativen Angela Merkel noch an ihrer Spitze dulden oder dafür, dass sie nicht längst auf Friedrich Merz setzen. Und für die Sache mit Ursula von der Leyen und dem EU-Posten. Ihm selbst gehe es zwar gut, doch mit den Entscheidungen in Berlin könne er sich einfach nicht mehr identifizieren.

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Zum Schluss fällt ihm dann doch noch ein, was sich in der Region verbessern müsste. Erst neulich hat seine Hausärztin ihre Praxis geschlossen. Nur über Beziehungen fand er einen neuen Mediziner. Das könne doch nicht normal sein, findet er.

Der Mann mit dem Rad könnte noch eine ganze Weile weiterreden. Doch wir haben keine Zeit mehr. Noch haben wir unser Ziel - den Oberguriger Ortsteil Singwitz - nicht erreicht. Und morgen früh soll es schon weitergehen. 

Die SZ-Wahlwanderung, Etappe 2: Von Schirgiswalde nach Obergurig

Drei Wochen vor der Landtagswahl geht die Sächsische Zeitung auf Wahlwanderung: Von Montag bis Freitag sind unsere beiden Reporterinnen Marleen Hollenbach und Theresa Hellwig zu Fuß im Landkreis Bautzen unterwegs.

Ihre Route führt sie von Sohland an der tschechischen Grenze bis nach Nebelschütz im Sorbenland.

Im Gepäck haben sie Regenjacke, Kamera und jede Menge Fragen: Wir wollen wissen, was die Menschen im Landkreis bewegt, welche Wünsche und Erwartungen sie an die Politik haben.

Jeden Tag berichten unsere Reporterinnen für die Zeitung, auf Facebook und Instagram von ihrer Tour.

www.facebook.com/bautzensz

www.instagram.com/szbautzen

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