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Sind Sachsens Wälder noch zu retten?

Zu wenig Wasser, zu viele Käfer: Was sich in Sachsens Wäldern ändern muss, damit sie auch in Zukunft Schutz für Natur und Erholung für Menschen bieten.

Holz stapelt sich im Waldgebiet Nossen/Reinsberg. Der Waldbesitzer will nicht so viele Bäume fällen - doch er muss, um den Wald vor dem Borkenkäfer zu retten.
Holz stapelt sich im Waldgebiet Nossen/Reinsberg. Der Waldbesitzer will nicht so viele Bäume fällen - doch er muss, um den Wald vor dem Borkenkäfer zu retten. © Ronald Bonß

Schon von der Straße aus sind einschneidende braune Flecken zu erkennen. Wo sich einst leuchtend grüne Fichten in den Himmel streckten, pfeift der Wind nun über eine Brachfläche. Obwohl es vor zwei Tagen kräftig geregnet hat, knackt es bei jedem Schritt. Der Boden ist staubtrocken. Um zu erklären, was auf der riesigen Waldfläche zwischen Nossen und Reinsberg passiert ist, greift Waldbesitzer Maximilian von Schönberg nach einem großen Stück Rinde: Auf der Rückseite offenbart sich der verschnörkelte Fraßgang des Borkenkäfers. 

Ein Borkenkäfer und seine Spuren in der Rinde einer toten Fichte. Hierbei handelt es sich um einen toten Altkäfer, der es nach Ablegen der Eier nicht mehr aus der Rinde heraus geschafft hat.
Ein Borkenkäfer und seine Spuren in der Rinde einer toten Fichte. Hierbei handelt es sich um einen toten Altkäfer, der es nach Ablegen der Eier nicht mehr aus der Rinde heraus geschafft hat. © Ronald Bonß

Ein wenige Millimeter großer Käfer, der seine Eier für gewöhnlich unter der Rinde von Fichten ablegt. Die geschlüpften Larven fressen sich dann weiter durch die Baumsubstanz und zerstören so die Wasser- und Nährstoffzufuhr. Nur stammt die Rinde in diesem Fall von keiner Fichte, sondern von einer Lärche. „Das ist der beste Beweis, dass sich der Borkenkäfer eben nicht mehr nur auf die Fichte beschränkt“, sagt von Schönberg.

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30 bis 40 Prozent der Bäume müssen fallen

Jeder Baum hat seine Schädlinge, doch im Gegensatz zum Borkenkäfer lassen die sich irgendwie bekämpfen. Mittlerweile ist die Population des mit bloßem Auge kaum zu erkennenden Käfers so sprunghaft angestiegen, dass selbst Fressfeinde wie der Dreizehenspecht oder der Ameisenbuntkäfer nicht mehr viel ausrichten können. Um die Wintermonate zu überstehen, produziert der Käfer ein körpereigenes Frostschutzmittel. 

Bei der Witterung der letzten Monate konnten sich die Schädlinge extrem gut vermehren: „Wir verzeichnen derzeit mehr Borkenkäfer in den sächsischen Wäldern als wahrscheinlich jemals zuvor in der forstlichen Geschichte“, sagt Utz Hempfling, Geschäftsführer des Staatsbetriebes Sachsenforst. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Population nämlich verdreifacht.

Aufforst-Arbeiten im Waldgebiet Nossen/Reinsberg. Hier hat der Borkenkäfer tausende Fichten vernichtet.
Aufforst-Arbeiten im Waldgebiet Nossen/Reinsberg. Hier hat der Borkenkäfer tausende Fichten vernichtet. © Ronald Bonß

Wie Auswertungen einer Fangstation am Großen Winterberg in der Sächsischen Schweiz zeigen, wurden Mitte Mai 650.000 Buchdrucker gefangen – um einer unter Dürre leidenden Fichte den Rest zu geben, reichen schon an die 200 Borkenkäfer. Mit einer solchen Hormonfalle lässt sich das Problem allerdings nicht lösen, sondern lediglich die aktuelle Situation bewerten. Die ist ziemlich düster: Inzwischen ist nur noch jeder vierte Baum in Sachsens Wäldern frei von erkennbaren Schäden.

In von Schönbergs Forst heult die Forstmaschine deshalb von morgens bis abends. Um zu retten, was zu retten ist, muss er 30 bis 40 Prozent seiner 100 Hektar großen Waldfläche abholzen – das Käferpotenzial sei einfach zu unberechenbar. Bei so einem radikalen Einschlag gebe es auch keine Alternative zur Wiederaufforstung. Denn für die wirtschaftlichere Naturverjüngung, in dem sich die nächste Baumgeneration aus den Samen der Altbäume entwickeln kann, werden viel zu viele Bäume auf einmal gefällt.

Der Wald der Zukunft muss anders aussehen

Zur Verdeutlichung: Eine solche Fläche würde unter normalen Umständen in einem Zeitraum von zehn Jahren abgeholzt. „Vor drei Jahren hätte ich damit noch richtig Geld gemacht“, sagt von Schönberg. Heute reichen die Erlöse aus dem Holzverkauf nicht mal mehr für die anschließende Aufforstung. Durch das massive Überangebot ist der Holzpreis um mehr als die Hälfte gefallen. Nach Abzug aller Nebenkosten bleiben nur noch wenige Euro, sagt der Forstsachverständige Robin Späth, der sich dort um die Wiederaufforstung kümmert.

Damit sich der Schädling nicht noch weiter verbreiten kann, möchten beide die toten Bäume so schnell wie möglich aus dem Wald räumen. Das Problem ist nur, dass sich im Totholz nicht nur Borkenkäfer tummeln, sondern jede Menge kleine Lebewesen, Pilze und sogar Vögel. Wissenschaftler gehen davon aus, dass ungefähr 20 Prozent der heimischen Wälder direkt oder indirekt vom Altholz abhängig sind. 

Es wird viel mehr abgeholzt als gewöhnlich. Eine Schritt um den Wald zu retten.
Es wird viel mehr abgeholzt als gewöhnlich. Eine Schritt um den Wald zu retten. © Ronald Bonß

Weil jeder Wald auf seinen funktionierenden Organismus angewiesen ist, stehen die Waldbesitzer vor einem Interessenkonflikt: Aus einer zuverlässigen Einnahmequelle ist eine soziale Verantwortung geworden. Damit der Wald weiterhin für erholsame Spaziergänge und als CO2-Speicher genutzt werden kann, muss viel Geld fließen. Nur so können die Bäume auch weiterhin 14 Prozent der gesamten deutschen Treibhausemissionen kompensieren, wie das Landwirtschaftsministerium ausgerechnet hat. 

Investitionen, die sich wenn überhaupt erst für die übernächste Generation auszahlen würden: „Das hier hat wirklich niemand kommen sehen“, sagt von Schönberg. Auch die Bundesregierung sprach bis 2017 noch von einem guten Zustand der deutschen Wälder. „Den Schaden kann man ausführlich beziffern, aber viel schlimmer ist, dass der Wald stirbt. Das ist ein Waldsterben, wie es noch nie da war.“ 

Späth schluckt und lässt seinen Blick über Bäume schweifen, die nur noch spärlich von Rinde bedeckt sind: „Hier gibt es nichts mehr, was sich berappeln kann.“ Es scheint nicht so, als ob sich gegen die Borkenkäfer noch ankommen lässt – die Harztropfen an der Rinde zeugen von einem verlorenen Kampf. Der Wald der Zukunft muss anders aussehen.

An einer toten Fichte hat ein Borkenkäfer seine Spuren hinterlassen.
An einer toten Fichte hat ein Borkenkäfer seine Spuren hinterlassen. © Ronald Bonß

Lange galt die dominante Fichte als Brotbaum der deutschen Forstwirtschaft. Ohne den Einfluss der Menschen hätte sich diese Baumart nur begrenzt ausgebreitet. Doch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Holzbedarf so hoch, dass verstärkt auf schnell wachsende und anspruchslose Fichten-Monokulturen gesetzt wurde. Durch zunehmende Dürre steht der flachwurzelnde Nadelbaum unter Druck. Mit den letzten beiden Hitzesommern kam selbst die anpassungsfähige Fichte nicht mehr zurecht und hat sich seitdem zu einer wirtschaftlichen Katastrophe entwickelt.

Deutschland Spitze beim Holzverbrauch

Doch es ist nicht nur die Fichte: Man könnte sagen, die starken Klimaveränderungen, Stürme und Wassermangel haben das Immunsystem der sächsischen Wälder geschwächt. Zunehmend kommt es zu Waldbränden, neue Waldkrankheiten und Schadinsekten vermehren sich massenhaft. Gleichzeitig hat die Belastung durch Verkehr und Landwirtschaft zugenommen. Borkenkäfer und andere Schädlinge sind da nur die Symptome. Laut der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald sind seit 2018 in der gesamten Bundesrepublik schon mehr als 120.000 Hektar Wald verschwunden. Das wird es noch nicht gewesen sein: Nach der letzten Bundeswaldinventur bestanden Sachsens Forste zu einem Drittel aus Fichten. 

Ein Dilemma, denn gerade wenn sich das Klima so schnell verändert, braucht es einen gesunden Wald, zudem befindet sich auch der Holzverbrauch auf einem neuen Höchststand: 2018 war der Pro-Kopf-Verbrauch von Papier, Pappe und Karton in Deutschland so hoch wie in keinem anderen Industrieland, teilte die Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen mit. Das Gleiche gilt auch für die Verarbeitung von Rohholz, zum Beispiel für Möbel, da hat sich Deutschland von einem Export- zu einem Importland entwickelt.

Der Wald ist zu jung

Auf die Frage, wie ein zukunftsfähiger Wald aussehen müsste, gibt es allerdings keine einfache Antwort. Allein in Sachsen muss zwischen drei großen Naturregionen unterschieden werden: Tiefland, Lößhügelland und Mittelgebirge. Für jedes Gebiet braucht es einen anderen Ansatz. „Überall müsste der Schwerpunkt auf einem vielfältigen Wald liegen, in dem Laubbäume überwiegen.“ 

Weil diese besser mit Wassermangel zurechtkämen, sagt Späth: „Auf den Flächen sollte hauptsächlich auf Eiche und Roteiche gesetzt werden, im Gebirge wird es traditionell mehr Nadelbäume geben.“ Wichtig sei es, überall weit weg von Monokulturen zu kommen. Denn ein widerstandsfähiger Wald sollte strukturreich sein – also auf Bäume verschiedenen Alters und unterschiedlicher Höhe setzen.

Forstsachverständiger Robin Späth und Waldbesitzer Maximilian von Schönberg mit einem Stück Rinde einer toten Fichte.
Forstsachverständiger Robin Späth und Waldbesitzer Maximilian von Schönberg mit einem Stück Rinde einer toten Fichte. © Ronald Bonß

Aktuell ist die Altersstruktur in den sächsischen Wäldern sehr unausgeglichen. Über 50 Prozent der sächsischen Waldbestände haben ein Alter von bis zu 60 Jahren, während es kaum über 100 Jahre alte Bäume gibt. Das Sächsische Umweltministerium kam schon 2013 zu dem Schluss, dass die klimatisch bedingte Abschwächung der Ertragsleistung von Kiefern- und Eichen-Mischwälder im Tiefland durch leistungsstärkere Fichtenmischbestände in den höheren Berglagen kompensiert werden müsste. Es sprach sich für produktivere Baumarten wie Douglasie und Roteiche sowie weitere Arten aus benachbarten Klimaräumen aus. 

Denn bis 2030 müsse sich das Verhältnis zwischen Nadel- und Laubbaumarten auf 65 zu 35 Prozent entwickeln. Das war schon zu einem Zeitpunkt klar, als von Borkenkäfern noch gar nicht groß die Rede war.

Die Suche nach Alternativen

Seitdem hat sich die Thematik verschärft, Fördermittel wurden entsprechend angepasst. Zuletzt wurde die Fördersumme für den Doppelhaushalt 2019/2020 auf 92 Millionen Euro erhöht. Trotz der immensen Summe werden die damit verbundenen Auflagen vom Sächsischen Waldbesitzerverband kritisiert, schließlich müssten weiterhin Teile der Aufforstung aus der Portokasse finanziert werden. 

„Vielerorts betrifft es mittlerweile eine solche Größenordnung, dass das nicht mehr möglich ist. Diese Flächen müssen dann trotz Förderprogramm brach bleiben“, sagt Geschäftsführer Hans Kraske. Außerdem ließe das aktuelle Förderprogramm keinen Platz für Experimente, wenn es um die Auswahl des Saatguts geht.

Dabei ist es bei den veränderten Klimabedingungen notwendig, strapazierfähigere Alternativen zu finden. Allerdings sei es nicht damit getan, Baumarten aus dem südeuropäischen Raum zu testen, weil in Deutschland auch weiterhin mit Starkfrost zu rechnen ist, sagt Forstsachverständiger Robin Späth. Stattdessen müsste in unseren Breiten nach passenden Bäumen gesucht werden – Erfolg versprechend seien vor allem Baumarten aus Südamerika oder Asien, wie die Platane und der Ginkgobaum.

Der letzte Rettungsanker

Weil sich momentan nahezu alle Waldbesitzer mit der Wiederaufforstung beschäftigen müssen, könnte es schon in absehbarer Zeit nicht mehr genug regionales Saatgut geben. Ein Punkt, bei dem sich keine Kompromisse machen ließen, denn nur wenn das Saatgut auch aus der gleichen Region kommt, ist es an den jeweiligen Untergrund angepasst und kommt mit den verfügbaren Nährstoffen zurecht.

Doch Aufforstung allein reicht nicht: „Auch wenn man sich noch so viel Mühe beim Bepflanzen gibt, muss man seine Waldfläche weiterhin pflegen, sonst bringt auch die beste Mischung nichts“, sagt Späth. Denn einige Bäume müssten gezielt gefördert werden, um ihnen den notwendigen Platz zu geben: „Man muss dem Baum die Möglichkeit geben, eine große Krone auszubilden, sonst ist der Baum anfällig für Schädlinge und verfällt. So kann kein CO2 gebunden werden.“

Mit Spezial-Maschinen wird ein Baum nach dem anderen gefällt.
Mit Spezial-Maschinen wird ein Baum nach dem anderen gefällt. © ronaldbonss.com

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) sehen gerade im menschlichen Eingreifen ein Problem. In einer gemeinsamen Wildnisstudie kommen sie zu dem Schluss, dass ein wilder Wald vielleicht der letzte Rettungsanker für unzählige vom Aussterben bedrohte Arten sei: „Wildnis zu finden, ist heute nicht nur in Europa, sondern auch und gerade in Deutschland und Sachsen nicht einfach“, heißt es. 

Wälder sich selbst überlassen

Nach ihrer Bewertung könnten in Sachsen gerade einmal zwei Gebiete als Wildnisgebiete bezeichnet werden: Teile des Nationalparks Sächsische Schweiz und des Naturschutzgebiets Königsbrücker Heide. Zusammengenommen bilden die beiden Kernzonen dieser Schutzgebiete eine Fläche von gut 100 Quadratkilometern – also ein halbes Prozent der sächsischen Landesfläche. Zu wenig, urteilen nicht nur Bund und Nabu, auch in der Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung hieß es, dass bis zum Jahr 2020 mindestens fünf Prozent der Wälder in Deutschland ganz sich selbst überlassen werden sollen.

Tote Bäume sind inzwischen ein häufiges Bild in Sachsens Wäldern.
Tote Bäume sind inzwischen ein häufiges Bild in Sachsens Wäldern. © Ronald Bonß

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Um das Ziel doch noch zu erreichen, bietet die Wildnisstudie 19 weitere Flächen in Sachsen mit einer Gesamtfläche von fasst 1.000 Quadratkilometern an, die zu Wildnisflächen werden könnten. Das sei notwendig, um den Lebensraum von Tieren und Pflanzen zu erhalten, die nur in Alt- und Totholz leben können. Bei allen Ansätzen bleibt die Zukunft des sächsischen Waldes ungewiss. Waldbesitzer Maximilian von Schönberg sagt es so: „Erst in 150 Jahren wird einer im Wald stehen und entscheiden, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben.“

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