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Sachsen

Deshalb zieht Waldemar Hartmann nach Sachsen

Der TV-Moderator geht in die Politik und gehört zum Team Kretschmer.  Er hat eine klare Meinung zu den sozialen Medien. 

Ist jetzt Fan von RB Leipzig: Waldemar Hartmann zieht am 1. September nach Leipzig.
Ist jetzt Fan von RB Leipzig: Waldemar Hartmann zieht am 1. September nach Leipzig. © Ronald Bonß

Im Interview erklärt der Journalist, was die AfD mit seinem politischen Engagement zu tun hat, warum er ab 1. September ganz offiziell Sachse ist und welches Versprechen er gegenüber seiner Frau noch einlösen muss.

Der Legende nach haben Sie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer auf dem Semperopernball getroffen und hegen seitdem Sympathien für den CDU-Politiker.

Das mit den Sympathien stimmt und auf dem Semperopernball war ich auch schon öfter, allein zweimal als Laudator. Aber die erste Begegnung mit Michael Kretschmer war tatsächlich im November 2018 in der Gläsernen Manufaktur in Dresden bei einer Crowdfunding-Veranstaltung mit 350 Unternehmern, die ich moderiert habe. Michael Kretschmer war damals mein Interviewpartner. Ich fand ihn gut, weil er Klartext gesprochen hat. Anders, als viele andere Politiker, die dann gerne mal sowohl als auch mit einem entschiedenen vielleicht argumentieren. 

Kretschmer muss sich natürlich an seinen Worten messen lassen. Mir imponiert vor allem, dass er die Belange seines Bundeslandes in erster Linie vertritt, auch mal gegen die offizielle Parteilinie der Bundes-CDU. Ein „Sachsen first“, das hoffentlich von den Wählern belohnt wird.

Sie sind dafür bekannt, dass Sie Klartext reden. Warum tun das heute so wenige?

Häufig ist die völlig überschätzte und missbrauchte Political Correctness. Die hat sich auch deshalb durchgesetzt, weil jeder, der mit seiner Meinung nur etwas abseits des Mainstreams liegt, mit wüsten Beschimpfung aus dem Netz – ich sage dazu auch gerne, aus den asozialen Medien – rechnen muss. 

Die Amtsgerichte sind überlastet mit irgendwelchen privaten Beleidigungsklagen. Das ist aber Kindergeburtstag gegen das, was im Netz stattfindet. Dort ist ein gesetzesfreier Raum entstanden. Jetzt hat die Politik reagiert und Facebook zur Selbstkontrolle aufgefordert. Aber Freiwilligkeit ist nicht gerade die Stärke bei Fragen der Kontrolle. Der Ansatz von Kramp-Karrenbauer ist richtig, über mehr rechtliche Kontrolle nachzudenken.

Ist Ihr Rat an Politik, insbesondere an die sächsische CDU, endlich wieder Klartext zu reden?

Ich weiß nicht, ob sie das mal vernachlässigt hat. Wenn es aber darum geht, Missstände, Ungerechtigkeiten oder politisches Rumgefasel klar anzusprechen, dann hat Michael Kretschmer mit mir einen Mann der klaren Worte an seiner Seite.

Und das auch noch in Sachsen, wo Sie bald dauerhaft leben werden.

Ab 1. September, um genau zu sein. In Leipzig haben wir eine tolle Wohnung gefunden.

Dabei ist Ihr letzter Umzug noch gar nicht lange her. Im November 2015 sind Sie mit ihrer Frau vom schweizerischen Chur nach Berlin gezogen.

Ja, und ich war nicht im Flüchtlingszug vom Balkan, ich kam über den Bodensee. Da kann ich Ihnen eine nette Geschichte erzählen, die vielleicht hilft zu erklären, warum viele Deutsche so enttäuscht von der Politik und dem Land sind, in dem sie leben. Meine Frau hatte in den Umzugswagen in einen Weinkarton fünf Flaschen Wodka aus der Hausbar gestellt. Genau diesen Karton hat in Konstanz der deutsche Zoll geöffnet. Ich musste am nächsten Tag um 9 Uhr in Berlin beim Zoll antanzen und eine Erklärung zur Nachverzollung machen. Die Prozedur hat dreieinhalb Stunden gedauert und gut 820 Euro gekostet. Als alles erledigt war, habe ich zu der Zollinspektorin gesagt: "Im Moment befinden sich gerade schätzungsweise zwischen 500.000 und 800.000 Menschen in diesem Land, von denen wir nicht wissen, wie sie heißen, wo sie herkommen und was sie vorhaben. Und Sie beschäftigen sich hier wegen fünf Flaschen Wodka dreieinhalb Stunden. Ihr habt se doch nicht alle." Klar, ich hätte die Flaschen in einen eigenen Karton tun und sie entsprechend kennzeichnen müssen. Ich habe die Lehre gezogen, sollte ich noch jemals umziehen und die EU dabei verlassen, reist keine einzige Flasche mit. Das wird alles vorher ausgetrunken.

Was hat Sie damals bewogen, nach Berlin zu gehen?

Meine Frau und ich sind 2000 nach Chur im schönen Schweizer Kanton Graubünden gezogen und ich habe mit einem Notar und Anwalt eine Agentur gegründet. Sie war gedacht als zweites Standbein neben der Arbeit bei der ARD. Beim Fernsehen war ich freier Mitarbeiter und man weiß ja nie, funktioniert die Sendung, wie lange funktioniert sie oder gefällt irgendwann deine Nase nicht mehr. 

2007 habe ich mit meiner Frau eine Wohnung gekauft, weil wir entschieden hatten, in der Schweiz zu bleiben. Meine Frau hat damals gerade an der Universität in Zürich studiert. Als ich 2012 bei der ARD aufhörte habe, bin ich auf Lesereise mit meiner auf der Leipziger Buchmesse vorgestellten Autobiografie „Die dritte Halbzeit“ gegangen, habe fast 40 Städte in mehreren Wochen besucht, reiste von Rostock bis Saarbrücken. Es war toll den unmittelbaren Kontakt mit den Zuschauern zu haben. Im Studio sind die immer weit weg. 2014 war die Weltmeisterschaft in Brasilien, wo die deutsche Mannschaft den Titel holte. Da war ich auch viel unterwegs, aber ein Jahr später habe ich begriffen, was die Amerikaner meinen, wenn sie jemanden als „has been“ bezeichnen. Es war wie abgeschnitten. Ich habe immer wieder auf das Handy geschaut. 

Ist der Akku leer, habe ich kein Netz? Eines Abends saß ich in meiner Stammkneipe in Chur, dem 35 000 Einwohner-Städtchen. Mit mir saßen da noch zwei Typen, die in ihr Bier starrten und mir wurde schlagartig klar, wir müssen hier weg. So schön das Leben in Chur auch war, aber es drohte eine große Langeweile. Meine Frau sagte, okay, gehen wir nach Berlin. Also das genaue Gegenmodell.

Ist das nicht Feindesland für einen Bayern?

Keineswegs, ich habe viele Bekannte aus meiner Zeit bei der JU wiedergetroffen, wie die Minister Gerd Müller oder Christian Schmidt. Wir haben Berlin genossen und eine herrliche Wohnung gemietet mit Blick auf den Dom- und die Museumsinsel. Was wir dabei leider übersehen haben, ist die Tatsache, dass das Haus selbst eine Dauerbaustelle ist. 

Den eigentlichen Ausschlag gab allerdings der 70. Geburtstag von Rainer Clamund, bei dem ich den RB-Vorstand Oliver Mintzlaff nach langer Zeit mal wieder getroffen habe. Er hat uns zu einem Spiel nach Leipzig eingeladen, bei dem der RB die Hertha 5 zu 0 besiegt hat. Meine Frau und ich blieben zu einem verlängerten Wochenende und stellten fest, dass Leipzig ja durchaus eine Alternative zu Berlin sein kann. Nachdem wir in Berlin bis dahin auf der Suche nach einer anderen Wohnung ohne Erfolg geblieben waren, erweiterten wir die Suche auf Leipzig und wurden schnell fündig. Zudem ist Leipzig ja kein Neuland für mich. Für die ARD moderierte ich von 2010 bis 2012 im „Bayerischen Bahnhof“ meine Sendung „Waldis Club“. Schon da stellte ich fest, dass die Sachsen ein überaus freundliches und offenes Völkchen sind.

Das sieht man außerhalb des Freistaates keinesfalls überall so. Wie waren die Reaktionen nach Bekanntwerden Ihre Umzugspläne?

Michael Ballack hat mir als Erster geschrieben mit den Worten „Gratulation, aber jetzt musst Du die Sprache auch noch lernen“. Und Jens Jeremies, der ja ebenfalls aus Görlitz stammt, hat mir scherzhaft gesagt: Ich lese immer, dass es im Osten noch so viel Elend gibt und jetzt kommst Du auch noch dazu. In Berlin haben mich allerdings ein paar Spezln mit großen Augen verständnislos angeschaut. Denen habe ich geantwortet, dass ich die Brücken nach Berlin ja nicht abbreche. Außerdem braucht der ICE ja nur eine gute Stunde. Wenn er fährt.

Wo werden Sie in Leipzig wohnen?

Mittendrin in der Stadt, im Bermudadreieck zwischen Barfußgässchen und Gottschedstraße. Am Abend des 1. September werde ich aber in Dresden sein, auf der Wahlparty der CDU.

Die Sie selbst als Neusachse gar nicht mitwählen dürfen. Aber wie sieht es mit einer Parteimitgliedschaft aus?

Ich bin schon gefragt worden, aber ich habe nein gesagt, um meine Unbefangenheit, meine Freiheit zu bewahren. Wenn ich in zehn Jahren als Ministerpräsidentenkandidat aufgestellt werde, dann müsste ich mir das wohl überlegen (lacht).

Was motiviert Sie, für Michael Kretschmer Wahlkampf zu machen, außer die persönlichen Sympathien?

Ich bezeichne das eher als Wahlwerbung. Ich empfehle ja in erster Linie Michael Kretschmer, weil ich ihn für einen sehr guten Ministerpräsidenten halte, der die Interessen des Freistaats kämpferisch vertritt. Auch gegen die AfD. Dabei will ich mithelfen. Ich habe in Bayern gewohnt zu der Zeit, als die Republikaner entstanden sind. Viele wurden dort Mitglieder, weil des bei der CSU keine Ämter mehr zu verteilen gab, die Partei war überfüllt. Irgendwann sind dann die Nazis dazukommen. Das ist der AfD auch passiert und, das muss man ihr vorwerfen, sie hat es geschehen lassen oder es sogar bewusst forciert. 

Wenn Herr Gauland sagt, das Dritte Reich war ein Vogelschiss in der Geschichte Deutschlands, spätestens dann haben wir ein Problem. Ein sehr schiefes Verständnis von Demokratie zeigte auch der sächsische Vorsitzende Urban, als er nach der Europawahl verkündete, dass sich bei einem ähnlichen Ergebnis bei der Landtagswahl die CDU der AfD „unterordnen“ müsse. Da fehlen mir die Worte. In diese Lage darf der Freistaat nicht kommen.

Und was kommt nach der Landtagswahl am 1. September 2019?

Ich will noch nicht zu viel verraten, aber da ist einiges in Planung. Aber zuerst werden dann die Umzugskartons ausgepackt.

Und wie wäre es mit dem Präsidentenamt beim RB Leipzig?

Das ist schon deswegen ein Scherz, weil Oliver Mintzlaff seinen Job hervorragend macht. Den Klub begleite ich seit seiner Gründung 2009 und habe schon damals gesagt: Ihr habt hier ein WM-Stadion. Wenn Ihr wollt, dass Bayern München hier mal ein Punktspiel und kein Benefizspiel macht, gibt es nur diesen einen Weg mit Dietrich Mateschitz. Der Erfolg gibt dem Konzept recht. Ich rate allen Skeptikern, geht doch mal zum Spiel, das ist ein Freizeitvergnügen für die ganze Familie. Ich kann jetzt in Leipzig alle zwei Wochen Bundesliga und sogar Champions League sehen und freue mich auch noch über die Art Fußball, die da gespielt wird. Das war in Berlin anders. So gesehen, hat sich der Umzug schon gelohnt.

Sie haben Ihrer Frau vor dem Umzug nach Berlin den Besuch der Museumsinsel versprochen, ist das Versprechen schon eingelöst?

Seit sie im Frühjahr an der Humboldt-Universität ihren Dr. phil. gemacht hat haben wir unsere Zeit mit viel Feiern verbracht. Da muss ich jetzt in den verbleibenden Tagen noch nachlegen, damit das Bildungsgefälle in der Familie nicht zu dramatisch wird.

Das Interview für Ines Mallek-Klein

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