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Waldschlößchen: "Tempo 30 unverständlich"

Der Verkehrsplaner Hans-Joachim Kummert erklärt, warum die Begrenzung auf der Dresdner Waldschlößchenbrücke für ihn und Autofahrer unverständlich ist.

Blitzer überwachen auf der Waldschlößchenbrücke, dass die Geschwindigkeitsbegrenzung eingehalten wird. Diesen Monat endet die Flugsaison der Kleinen Hufeisennasen. Deshalb darf ab 1. November auch nachts wieder 50 Stundenkilometer gefahren werden.
Blitzer überwachen auf der Waldschlößchenbrücke, dass die Geschwindigkeitsbegrenzung eingehalten wird. Diesen Monat endet die Flugsaison der Kleinen Hufeisennasen. Deshalb darf ab 1. November auch nachts wieder 50 Stundenkilometer gefahren werden. © Sven Ellger

Seit über sechs Jahren rollt der Verkehr an der Waldschlößchenbrücke. Zum Schutz von Fledermäusen hatte das Oberverwaltungsgericht Bautzen 2007 die Auflage erteilt, dass während der Flugsaison der Tiere im Sommerhalbjahr die Geschwindigkeit nachts auf 30 Stundenkilometer begrenzt wird. Seit der Eröffnung wurden schon 115.233 Kraftfahrer geblitzt. Allerdings hatte das Bundesverwaltungsgericht im Juli 2016 nach einer Klage der Grünen Liga den Planfeststellungsbeschluss – und damit de facto die Baugenehmigung – für ungültig erklärt. 

Angeordnet wurde, die Umweltverträglichkeitsprüfung nach den strengen europäischen Richtlinien für Fauna-Flora-Habitate (FFH) nachzuholen. Damit wird auch geprüft, ob das Tempo-30-Limit kippt oder nicht. Sächsische.de sprach mit Hans-Joachim Kummert. Der 65-jährige Verkehrsplaner leitet das große Radebeuler Ingenieurbüro Bit und hatte mit Kollegen als Oberbauleiter die Arbeiten an der Waldschlößchenbrücke geführt.

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Verkehrsplaner Hans-Joachim Kummert war Oberbauleiter der Waldschlößchenbrücke.
Verkehrsplaner Hans-Joachim Kummert war Oberbauleiter der Waldschlößchenbrücke. © Marco Klinger

Herr Kummert, sind Sie auf der Waldschlößchenbrücke schon einmal geblitzt worden?

Ja, ich war etwas schneller. Ich habe 15 oder 20 Euro zahlen müssen.

Was halten sie vom Tempo-30-Limit?

Tempo 30 ist schwer vermittelbar, weil es eine normale Straße ohne Hindernisse ist und es keinen erkennbaren Grund dafür gibt. Ich kenne ihn zwar, aber fremde Autofahrer nicht. Es ist schwer nachzuvollziehen, warum hier nur 30 km/h gefahren werden darf. Das ist unverständlich.

Können damit überhaupt noch Fledermäuse geschützt werden, wenn es darunter Büsche gibt, die die Tiere während ihrer Flugsaison leiten?

Fledermäuse sind in der Nähe im Elbtal, wo es die Insekten gibt, die sie jagen. Diese Kenntnisse habe ich mir während meiner Arbeit als Oberbauleiter der Waldschlößchenbrücke angeeignet. Mit den Büschen der Fledermausleitstruktur können sie für meine Begriffe aber gut unter der Brücke hindurchgeleitet werden.

Ist auf so einer breiten Straße eine derartige Begrenzung sinnvoll, die nur im Sommer und nur nachts gilt?

Nach meiner Meinung nicht. Die Straße ist sehr breit. Aufgrund des Verkehrs ist es auch gut so. Die seitlich zuströmenden Fahrzeuge können sich auch gut einordnen. Auch deshalb ist es unverständlich, warum das Tempo 30 auf der Brücke gilt.

Sie haben als Oberbauleiter den Bau der Waldschlößchenbrücke geführt. Wie groß war der Aufwand, die Geschwindigkeitsbegrenzung umzusetzen.

Der war doch schon erheblich. Es war eine Leistung, die zusätzlich integriert werden musste. Denn in der ursprünglichen Planung war sie nicht vorhanden. Durch die zeitlich unterschiedlich angeordneten Geschwindigkeiten mussten Wechselverkehrszeichen aufgebaut werden, die sowohl die 30 als auch die 50 km/h während der verschiedenen Zeiten signalisieren.

Es musste auch ein System geschaffen werden, das die jeweilige Umschaltung der Geschwindigkeit gerichtsfest dokumentiert. In der Leitzentrale steht ein Rechner, der dokumentiert, wann welche Umschaltung erfolgt. Das ist deshalb nötig, damit kein Kraftfahrer, der bei angezeigten 50 km/h auf die Brücke fährt, nicht bei der Umschaltung auf 30 geblitzt wird.

Als Verkehrsplaner und Chef eines großen Ingenieurbüros haben sie schon viele Straßen geplant. Hatten Sie schon einmal einen solchen Fall mit einem Tempo-30-Limit?

Nein, noch nicht. Das ist schon relativ kompliziert. So eine wechselnde Geschwindigkeit, die von Blitzern überwacht wird, habe ich in meiner gesamten Berufslaufbahn noch nicht erlebt. Wir haben in Brandenburg erst eine Ortsumgehung zu Ende geführt, die auch durch ein Naturschutzgebiet ging. So eine 30-km/h-Begrenzung war dort auch nicht vorgesehen.

Derzeit ist nach der gekippten Baugenehmigung auch die Geschwindigkeitsbeschränkung auf dem Prüfstand. Was würden Sie sich wünschen?

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Ich würde mir schon durchgehend die 50 km/h wünschen. So entstehen nicht die unnötigen Fragen, warum hier nur 30 gefahren werden darf. So würde auch keiner, der relativ unschuldig rein fährt, unnötig Geld bezahlen müssen. Die 30 sind für keinen Kraftfahrer nachvollziehbar.

Das Gespräch führte Peter Hilbert.

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