merken

Walzer für Technik-Freaks

In der Gläsernen Manufaktur inszeniert Volkswagen die Produktion seiner Luxuslimousine Phaeton als elegantes Schauspiel.

© Ronald Bonß

Von Lars Radau

Leben und Genuss

Für Genießer genau das Richtige! Leckere Ideen, Lebensart, Tradition und Trends gibt es in der Themenwelt Augusto.

Die Annäherung hat etwas von einem Tanz: Von oben schwingt sich, gehalten von u-förmigen Greifern, der glänzende Körper heran. Mal strikt geradeaus und zielorientiert, mal mit einer behutsamen Vierteldrehung und in leichter Schräglage. Von unten gleitet, nahezu im gleichen Takt, ein Roboter-Hubwagen seitwärts heran und bringt den Partner fast lautlos in Position – vom Computer gesteuert und überwacht, millimetergenau. Die Vereinigung dagegen ist eher Augenschmaus für Technik-Begeisterte als für Tanzliebhaber. Während sich der glänzende Körper senkt, fährt aus dem Parkett aus kanadischem Bergahorn ein metallisch grau glänzender Schraubroboter heraus und faltet sich auf. Ein leichtes Surren ist zu hören – und nach wenigen Minuten verbinden mehr als 40 starke Schrauben das vom Hubwagen zum Rendezvous gebrachte Fahrgestell mit der eingeschwungenen Karosserie.

„Hochzeit“ heißt dieser Prozess bei jedem Autobauer. Und eher selten fließen dabei Tränen der Rührung. In der Gläsernen Manufaktur von VW indes, in der der Konzern seine Luxuslimousine Phaeton produziert, ist das durchaus schon vorgekommen. Nicht bei den Mitarbeitern, die zurzeit täglich 21 dieser Hochzeiten beiwohnen. Wohl aber bei Kunden, die auf Wunsch das Werden ihres Autos vom Abladen der Rohkarosse bis zum Abwischen des letzten Stäubchens in der Endkontrolle verfolgen können. Christian Haacke, der Sprecher der Manufaktur, erzählt jedenfalls gern von einem gestandenen Unternehmer, der sich genau dafür drei Tage Auszeit genommen hatte. Und in dessen Augen es dezent schimmerte, als er ausnahmsweise selbst mit einem Fingerstupser auf dem berührungsempfindlichen Kommando-Bildschirm den Schraubroboter in Bewegung setzen durfte.

Lärm und Dreck ist anderswo

Die Regel ist diese hautnahe Begleitung natürlich nicht. Nicht allein, weil mehr als drei Viertel der in Dresden produzierten Phaetons gut verpackt in den Export gehen. Sondern vor allem, weil die 2001 mit großem Brimborium eröffnete Manufaktur, eine riesige durchsichtige Schachtel, verkleidet mit 28 000 Quadratmetern Glas, am Straßburger Platz mitten in Dresden, bei aller Eleganz außen und innen in erster Linie eines ist: eine Autofabrik. Eine indes, in der Lärm und Dreck fast komplett fehlen. Wer durch den Haupteingang in die hohe lichte Eingangshalle marschiert, sieht in den beiden oberen von insgesamt drei Etagen weiß gekleidete Mitarbeiter beflissen und lautlos hinter großen Scheiben in klinischer Atmosphäre an glänzenden Karosserien arbeiten. Sie gestikulieren verhalten, arbeiten konzentriert. Scheinbar von Geisterhand bewegt, schieben sich die Autos auf einem ovalen, schleifenähnlichen Kurs durch die Fabrik und werden von Station zu Station kompletter. Die beiden Fließbänder, die sich durch die oberen Etagen ziehen, sind ins Parkett integriert; kein Druckluftschlauch, kein Kabel, kein Werkzeug liegt irgendwo herum.

Diese Inszenierung ist bewusst gewählt: Wer einen VW zu Einstiegspreisen ab 70 000 Euro kauft, war die Ansage von Konzernpatriarch Ferdinand Piech, soll zumindest den Eindruck bekommen, sein Auto würde quasi von Hand zusammengebaut. Tatsächlich ist es in Dresden bei Lichte besehen nur die Endmontage des Phaeton, die in der 186 Millionen Euro teuren Kulisse stattfindet. Denn alles, was mit Lärm und Dreck zu tun hat, passiert in anderen VW-Standorten. Die lackierten Karosserien kommen per Lastwagen aus dem VW-Werk Mosel – durch Überdruck im Laderaum penibel vor Staub geschützt. Alles andere, vom Motor bis zur kleinsten Schraube, wird in eigens entwickelten blauen Straßenbahnen vom Logistikzentrum Friedrichstadt herangerollt.

Tasten in Netzhandschuhen

Auch die Abläufe der Manufaktur sind wie in jeder Endmontage: Aus Antriebsstrang, Fahrwerk und Karosserie entsteht das schiere Auto, dann wird nach und nach das Innenleben eingebaut. Zwischen 25 und 30 Arbeitsstunden pro Fahrzeug, also drei bis vier Werktage, sind dafür eingeplant. Wie lange es tatsächlich braucht, hängt von der bestellten Ausstattung und den Sonderwünschen der Kunden ab. Gerade in China, wohin 70 Prozent der Phaetons verkauft werden, sei Individualisierung im Innenraum gefragt, sagt Christian Haacke. Theoretisch sei es sogar möglich, die Initialen oder das Konterfei des Besitzers in Edelholzverkleidungen oder Lederbezüge einzuarbeiten. Die Kundschaft ist anspruchsvoll – und nicht nur beim Vertrieb braucht es deshalb Fingerspitzengefühl. Der Mitarbeiter etwa, der die Kofferraumklappe des Phaetons einpasst, trägt abgeschnittene Netzhandschuhe. Und bevor er mit einem Messrad prüft, ob das Spaltmaß nach dem Einbau stimmt, lässt er mit halbgeschlossenen Augen seine Finger über die kleine Lücke zwischen Deckel und rechter Heckpartie gleiten.

Die Stunde der Wahrheit schlägt allerspätestens bei der Endkontrolle im Lichttunnel – hier nehmen je zwei Spezialisten jedes Auto noch einmal genauestens unter die Lupe. Selbst wenn auf einer potenziell sichtbaren Schraube beim Anziehen etwas Lack abgeplatzt ist, gibt es einen Vermerk – und einen Nachbesserungsauftrag. „99 Prozent der Dinge, die wir hier monieren, würde ein Kunde wohl nicht merken“, sagt Mitarbeiter Thomas Knorr.

Haben Knorr und seine Kollegen nichts gefunden, sammeln die neuen Autos ihre ersten Kilometer im Abschluss-Fahrtest. Vom Parkett der Fertigung geht es eine lange Rampe drei Etagen hinunter zur hauseigenen Teststrecke unter dem Botanischen Garten. Die ist eine lange Gerade mit Kehrschleife. Und spätestens, wenn die Startampel auf Grün schaltet, wird aus dem langsamen Walzer ein Sprint.

Sachsen wählt: Am 1. September ist Landtagswahl in Sachsen. Sie wissen noch nicht, wen Sie wählen? Der Wahl-O-Mat für Sachsen hilft Ihnen bei der Entscheidung! Alle Berichte, Hintergründe und aktuellen News zur Landtagswahl finden Sie gebündelt auf unserer Themenseite zur Landtagswahl in Sachsen.