merken
PLUS

Pirna

"Wanderfalken sind der Gipfel des Eisbergs“

Pavel Benda über schärfere Kontrollen im Nationalpark in Böhmen, die Corona-Pandemie und fehlende Parkplätze.

Seit 2008 steht Pavel Benda an der Spitze des Nationalparks Böhmische Schweiz.
Seit 2008 steht Pavel Benda an der Spitze des Nationalparks Böhmische Schweiz. © Tomas Salov

Die Grenze nach Sachsen ist zu. Trotzdem ist die Böhmische Schweiz gut besucht. Warum das so ist und worauf er nach der Corona-Pandemie hofft, sagt Nationalparkdirektor Pavel Benda im Interview mit der Sächsischen Zeitung.

Herr Benda, wie wirken sich die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen auf die Arbeit der Nationalparkverwaltung aus?

Wir helfen Händlern in Dresden
Wir helfen Händlern in Dresden

Corona ist bedrohlich. Für die Gesundheit, aber auch für Dresdner Händler und Gewerbetreibende. Hier können Sie helfen – und haben selbst etwas davon.

Es ist natürlich eine wesentliche Einschränkung. Viele Mitarbeiter arbeiten von zu Hause, auf Arbeit tragen wir Schutzmasken. Für die Mitarbeiter im Gelände hat sich nicht so viel verändert. Sie müssen natürlich auch eine Schutzmaske tragen. Glücklicherweise musste keiner unserer Mitarbeiter in Quarantäne.

Während das öffentliche Leben zum Erliegen kommt, freut sich die Natur?

Das stimmt so nicht ganz. Vor allem zu Beginn der Corona-Lage kamen wegen des schönen Wetters viel mehr Besucher zu uns als im selben Zeitraum in kühleren Jahren. Es dauerte, bis die Menschen akzeptierten, dass die Maßnahmen gegen die Corona-Verbreitung keine Ferien sind. Vor allem an wärmeren Wochenenden kommen immer noch viele Besucher. In der Nationalparkregion können wir daher nicht von einem Besucherrückgang sprechen. Es hat sich vielleicht die Struktur der Besucher geändert, aber nicht die Menge.

Tatsächlich? Mit den Deutschen fällt doch ein großer Teil der Besucher weg. Wie haben sich die Besucherzahlen entwickelt?

Für 2019 stehen uns erstmals belastbare Zahlen aus Mobilfunkdaten zur Verfügung. Demnach besuchten den Nationalpark rund 740.000 Personen, die es auf 1,4 Millionen „Besuchstage“ brachten. Seit 2009 standen uns zudem Daten aus Bewegungsmeldern zur Verfügung. Daraus ist nur ein Trend ablesbar, aber der geht eindeutig nach oben. Der Anteil der deutschen Besucher ist übrigens weiter hoch, aber sie bilden nicht die Mehrheit, nicht einmal bei den Tagesgästen. Die wichtigste Besuchergruppe kommt aus dem Inland.

Stößt der Nationalpark an seine Grenze?

Die Besucherzahlen steigen nicht gleichmäßig. Die größten Zuwächse verzeichnen wir im Gebiet des Prebischtors und der Klammen, aber auch in der Umgebung von Jetřichovice. Im Nordosten des Nationalparks sind die Zahlen hoch, aber nicht steigend. Der Nationalpark hat den Vorteil von nahen Ausweichzielen. Das heißt, die Besucher können spontan umplanen. Vor dieser Entscheidung steht man spätestens dann, wenn in der Umgebung der Hotspots kein Parkplatz mehr frei ist.

Über fehlende Parkplätze wird immer wieder geklagt. Gibt es eine Lösung?

Der Naturschutz hat nur eingeschränkte Möglichkeiten. Uns ist wichtig, dass die Fahrer nicht an Stellen parken, die nicht dazu bestimmt sind. Wir versuchen natürlich auch, zur Nutzung von Alternativen zu animieren. Die Nationalparkregion bräuchte ein entwickeltes ÖPNV-Netz und Auffangparkplätze in der Nähe größerer Kommunen, von wo die Menschen mit Bussen oder Zügen fortsetzen können. Der Naturschutz hat aber keine ausreichende Finanzkraft, um solche Investitionen zu tätigen. Da sind die Gemeinden und der Bezirk Ústí gefragt. Der Bau neuer Parkplätze in nächster Umgebung des Nationalparks ist aber keine Lösung. Die Verkehrsbelastung in den Gemeinden würde sich dadurch nur noch verschlimmern.

Unter den steigenden Besucherzahlen leiden auch die Tiere, wie die Störungen der Falkenzucht in den letzten Jahren gezeigt haben. Immer wieder wird in gesperrten Gebieten gewandert. Wie reagiert der Nationalpark?

Die Wanderfalken sind nur der Gipfel des Eisbergs, weil ihre Erfassung relativ einfach ist. Bei vielen Arten wissen wir nicht genau, wie sich der Tourismus auf sie auswirkt. Uns bereitet weniger die Besucherzahl Sorgen, sondern eher die Änderung im Verhalten. Es gibt zunehmend Menschen, die das Naturerlebnis als Konsumgut betrachten, ohne Rücksicht, was sie anrichten. 

Ein Erfolg aus 20 Jahren Nationalpark Böhmische Schweiz - die Wiederansiedlung des Wanderfalken. 
Ein Erfolg aus 20 Jahren Nationalpark Böhmische Schweiz - die Wiederansiedlung des Wanderfalken.  © Foto: NP/Václav Sojka

Wir setzen verstärkt Ranger ein und planen gemeinsame Streifen mit der Polizei. Natürlich können und wollen wir nicht überall im Nationalpark sein und jeden bestrafen, der sich nicht an die Regeln hält. Andererseits sind die Verhaltensregeln in Nationalparks nach 20 Jahren sicher allgemein bekannt. Menschen, die dagegen verstoßen, sollten damit rechnen, zur Verantwortung gezogen zu werden. Ordnungswidrigkeiten können mit einem Bußgeld bis umgerechnet etwa 300 Euro vor Ort geahndet werden, in einem Verwaltungsverfahren auch mehr.

Seit diesem Jahr sind die Zonen im Nationalpark neu zugeschnitten. Was hat sich geändert?

Die neuen Ruhegebiete im Nationalpark Böhmische Schweiz entsprechen aus Sicht der Besucherregeln ungefähr den Kernzonen in der Sächsischen Schweiz. Neu gibt es nur drei Ruhegebiete, im Bereich der Kamnitzklammen, des Prebischtors und der Kirnitzschklamm. Früher isolierte Inseln in der Umgebung von Jetřichovice oder am Weißbachtal wurden abgeschafft. Am Wegenetz ändert sich nicht viel. Neu wird der Verbindungsweg von Černá brána durch den Hřebcový důl (Hengstgrund) in Richtung Doubice und Krásná Lípa als Wanderweg markiert.

Trotz Corona bleibt der Borkenkäfer aktuell. Wie fällt die bisherige Bilanz aus?

Der Borkenkäfer wird uns wohl noch zwei Jahre beschäftigen. Dabei geht es vor allem um Maßnahmen in Straßennähe. Danach erwarten uns eher angenehmere Tätigkeiten, wie die Erfassung der spontanen Waldentwicklung in trockenen Fichtenbeständen und auf Kahlschlagflächen, die entstanden sind, als es noch sinnvoll schien, den Borkenkäfer mit forstlichen Maßnahmen zu bekämpfen. In den Randbereichen des Nationalparks werden wir zum Teil auch aufforsten. In einem eingeschränkten Maß werden wir Laubbäume und Weißtannen pflanzen und sie auch vor Verbiss durch Wild schützen. Natürlich stellt dies auch eine finanzielle Belastung dar. Wir werden gut abwägen müssen, wo und mit welcher Intensität wir künftig noch in die Natur eingreifen. Die Verkehrssicherheit wird dabei Vorrang haben.

Eigentlich wollte der Nationalpark dieses Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiern. Wie lautet Ihr Resümee?

Das mit dem Feiern hatten wir ohnehin erst ab Mai geplant. Das ist nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Die Gründung eines Nationalparks ist eine große gesellschaftliche Veränderung. In den ersten Jahren gab es neben naturschutzfachlichen Themen vor allem Akzeptanzfragen zu lösen. Heute wage ich zu sagen, dass der Nationalpark eine gute Akzeptanz gefunden hat und ein fester Bestandteil der regionalen Identität ist.

Wie wird die Corona-Pandemie den Nationalpark verändern?

Das ist nur schwer vorhersehbar. Es wird mit Sicherheit gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen geben, möglicherweise intensive Sparmaßnahmen. Ich würde mir wünschen, dass es zu einer Besinnung auf die gesellschaftliche Notwendigkeit des Naturschutzes kommt. In einer Zeit, in der die Menschen praktisch in allen Lebensbereichen stark eingeschränkt wurden, haben viele den Weg in die Natur gesucht und gefunden. Das ist nicht selbstverständlich. Es hat sich herausgestellt, wie wichtig der Naturschutz für uns ist.

Was vermissen Sie persönlich gerade am meisten?

Eindeutig die persönliche Zusammenarbeit mit unseren Kollegen aus der Sächsischen Schweiz. Ich hoffe, dass wir bald wieder in gewohnter Art und Weise zusammenarbeiten dürfen und nicht nur auf elektronischen Informations- und Erfahrungsaustausch angewiesen sind. Die Begegnungen mit unseren Freunden vermisse ich sehr.

Mehr zum Thema Pirna